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Im Forum „Politik & Soziales“ bei Wesio.de im Internet wird diskutiert, wer beim Thema Eingliederung gefordert ist

Ausländerintegration – Wer grenzt hier denn wen aus?

Hameln (kv). „Ich fände es gut, wenn man an einem Tag, etwa dem muslimischen Opferfest zum Ende des Ramadans, allen Kindern frei gibt“, sagte der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“. Diese Idee löste bei Wesio eine heiße Debatte aus, in der es längst nicht mehr nur um schulfrei an einem muslimischen Feiertag geht.

veröffentlicht am 21.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 13:41 Uhr

Die Deisterstraße ist nicht Kreuzberg, aber Hameln ist auch nich

Das Tragen eines Kopftuches als Lehrer in deutschen Schulen; mehr türkische Lehrer an deutschen Schulen; islamischer Religionsunterricht; der Gesang als Muezzin von der Moschee über Verstärker; das schwere Leiden der Tiere beim Schächten und Ähnliches sind inzwischen Thema.

Es gibt zwar einige Wesionäre die lediglich Parolen beisteuern. Andere jedoch werden konkret und konstruktiv. Wie etwa in diesem Beitrag:

„Auf der Suche nach den Leuten, die ,einen Staat im Staate bilden wollen und vom Geld des deutschen Staates leben’ bin ich auf einen sehr interessanten Artikel einer Politikwissenschaftlerin und Journalistin mit Migrationshintergrund gestoßen. Sie heißt Ferda Ataman, arbeitet u. a. für den Berliner Tagesspiegel. Sie beschäftigt sich in dem Artikel mit der Frage, wer beim Thema Ausländerintegration wen ausgrenzt. Also, inwieweit die deutsche Politik und Verwaltung für die Ghettobildung verantwortlich ist. Die Türken sind in Berlin mit 170 000 Menschen die größte Migrantengruppe. Viele davon leben in Kreuzberg. „Wer hier nur Deutsch spricht, hat bisweilen Schwierigkeiten, sich beraten zu lassen“, schreibt Ataman. Die Jugendkriminalität steigt. Schulabbruch ist fast schon der Normalfall. „Kreuzberg ist zum Prototyp eines Migrantenviertels einer deutschen Stadt geworden“, so Ataman.

Das Obst und Gemüse ist längst integriert.
  • Das Obst und Gemüse ist längst integriert.

Wie die Getthos entstanden sind

Allerdings kann man nur sinnvoll handeln, wenn man die Ursachen für Missstände kennt. Die Ursache für die fatale Situation in Kreuzberg ist eine Gemengelage aus „Politik, immobilienwirtschaftlichem Profitdenken und struktureller Diskriminierung“. In den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders wurden in vielen Städten Betonburgen gebaut, um die Wohnungsnot zu lindern. In spärlich hergerichtete Altbauten, die den Krieg weitgehend überlebt hatten, wurden Gastarbeiter und andere mit niedrigem Einkommen untergebracht. „Vor allem türkische Arbeitsmigranten erhielten die schlechtesten Wohnungen ohne Bäder. Das war stadtplanerisch so vorgesehen, denn es hieß, Bäder bräuchten Anatolier ohnehin nicht, und als Gastarbeiter würden sie nicht lange bleiben.“ Kindergärten, Schulen und soziale Einrichtungen wurden nicht an die Bedürfnisse der neuen Bewohner angepasst. Integrationspolitik stand in Berlin ganz bewusst nicht auf der Tagesordnung.

Auch auf Bundesebene verfolgte die Regierung Kohl in erster Linie Rückführungsstrategien: „Man bot ehemaligen Gastarbeitern an, ihre Sozialbeiträge und Renteneinzahlungen auf einen Schlag auszuzahlen, wenn sie dauerhaft in ihre Heimat zurückkehren.“ Die Wahlkämpfe der 90er-Jahre Rechter und Konservativer mit ausländerfeindlichen Parolen taten ihr übriges.

Die weitgehende Unfähigkeit der Schulen, mit den Problemen der Migrantenkinder umzugehen, ist Folge einer verfehlten Gastarbeiterpolitik, die notwendige Infrastrukturen nicht aufbaute, damit die Gastarbeiterfamilien abwandern. Seit Jahrzehnten verlassen deshalb Türken den Stadtteil Kreuzberg, „sobald sie in die Bildungselite oder ökonomisch aufsteigen. … Seit rund 30 Jahren bleiben daher vor allem diejenigen Türken und ihre Nachkommen in Kreuzberg unter sich, die heute für eine gescheiterte Integration stehen.“

Allerdings erkennt die Berliner Verwaltung neuerdings, dass die Menschen in den Migrantenvierteln in Kreuzberg auch Potenziale bergen. „Der positive Umgang mit Vielfalt fördert die Handlungsfähigkeit einer Stadt und führt zu Vorteilen im internationalen Wettbewerb um Attraktivität“, schreibt der Senat 2005 in seinem Integrationskonzept. Endlich wurde erkannt, dass Kreuzberg gefördert werden muss. „Kreuzberg, mit seinem Multikulti-Mix und dem aufkeimenden Unternehmergeist derer, die nichts zu verlieren haben, wird in Zukunft zum Labor für eine positive Besetzung des Wortes ,Migrantenviertel‘.“

Nun, was für Kreuzberg gilt, gilt im Prinzip für viele deutsche Städte, also auch für Hameln. Kinder, die aus „bildungsfernen Schichten“ kommen, müssen gefördert und gefordert werden. Für Hauptschullehrer ist das ganz gewiss nichts Neues. Die Schulen, Kindergärten, Schulpsychologen und all die anderen Einrichtungen, die sich diesem Thema widmen, müssen mit dem dafür Notwendigen ausgestattet werden. Wir brauchen auch das Potenzial, das hier ruht, ob mit oder ohne Migrationshintergrund! Wer sonst soll einmal meine Rente erwirtschaften?“

Ein weiterer Wesionär meint: „Sarrazins erster Teil: ,Ich muss keinen Menschen anerkennen, der auf Kosten des Staates lebt und diesen gleichzeitig ablehnt‘, ist nach meiner Meinung völlig in Ordnung. Den zweiten Teil hätte er sich sparen können und müssen. Islamische Feiertage für alle helfen nicht bei d

Ein Wesionär unterstreicht mit Zahlen die Brisanz des Themas: „Das Statistische Bundesamt zählt zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund 7,3 Mio. Ausländer und 8 Mio. Deutsche, also insgesamt 15,3 Mio. Darin sind 10,4 Mio. Personen enthalten, die seit 1950 zugewandert sind, davon 5,6 Mio. Ausländer und 4,8 Mio. Deutsche. Dies sind 18,6 Prozent der Bevölkerung. Mit dem Mikrozensus 2005 konnte das Statistische Bundesamt erstmals auch wichtige Strukturmerkmale der Bevölkerung mit Migrationshintergrund darstellen. Sie ist deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Jeder zweite Einwohner mit Migrationshintergrund ist jünger als 34,2 Jahre, für die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt dieses Medianalter bei 46,5 Jahren. In der Altersgruppe der unter 5-jährigen Kinder gehört jeder dritte Einwohner zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund.

In einigen Großstädten ist ihr Bevölkerungsanteil heute schon beträchtlich. In Stuttgart haben 38,9 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. In sechs Städten kommt der Anteil sogar über über 60 Prozent, so in Nürnberg (67 Prozent), in Frankfurt/Main (64,6 Prozent), in Düsseldorf (63,9 Prozent) und in Stuttgart (63,6 Prozent). In Nürnberg und Wuppertal tragen dazu vor allem die Deutschen mit Migrationshintergrund bei. (Quelle: migration-info.de).“ Der Ausländeranteil in Hameln beträgt etwa 10 Prozent. In Hamelns Südstadt sind es 17,7 Prozent.

Sie wollen sachlich und mit konkreten Belegen ihre Meinung äußern und nicht schwadronieren? Diskutieren Sie mit im Forum Politik & Soziales unter „Schulfrei an einem muslimischen Feiertag?“ bei



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