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Warum das Traditionsflugzeug „Junkers 52“ so viel Faszination auf Piloten und Passagiere ausübt

Ausflug mit der alten Tante

Dass für Cord Peterding ein Traum in Erfüllung gehen würde, hatte sich schon letztes Weihnachten angekündigt. Da bekam der Kalletaler ein Flugticket von seiner Ehefrau geschenkt. Es war ein besonderes Flugticket – das Flugzeug, mit dem Peterding fliegen würde, ist nicht irgendeines, sondern eine Junkers 52 (Ju 52), viel besser bekannt als „Tante Ju“.

veröffentlicht am 10.05.2013 um 00:00 Uhr

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Viele Jahre schon beschäftigt sich Cord Peterding hobbyhalber mit dem Phänomen JU 52. Jetzt stand endlich der Flug mit dem Flugzeug an, das ihn so fasziniert. „Ich hatte mir extra einen Termin im Mai ausgesucht in der Hoffnung auf gute Sicht und schönes Wetter. Es war zwar kein Sonnenschein, aber gute Sicht hatten wir“, sagt Peterding.

Die Bedingungen am Flughafen Hannover waren optimal: Die Ju 52, die Peterding und 15 Freunde und Bekannte gechartert hatten, ist das Herzstück der historischen Flotte der Deutschen-Lufthansa-Stiftung in Berlin. Das Flugzeug erlebte 1936 nach ihrer Fertigung in den Junkers-Werken in Dessau ihren Jungfernflug. Zunächst bei der Lufthansa eingesetzt, verbrachte sie danach fast 20 Jahre abwechselnd in Deutschland und Norwegen. 1955 sollte sie in Norwegen außer Dienst gestellt werden. Zu groß für ein Museum in Oslo, wurde sie nach Südamerika verkauft und flog von 1957 bis 1963 in Ecuador. Dann drohte das Aus. Am Rande des Flughafens von Quito geriet sie – Wind und Wetter ausgesetzt – in Vergessenheit, bis ein amerikanischer Flugenthusiast sie 1969 kaufte. Später war die „Tante Ju“ dann als „Iron Annie“ auf Flugschauen quer durch die USA zu bewundern, bevor die Lufthansa sie 1984 erwarb und unter großem Aufwand restaurierte. Seit 1986, pünktlich zu ihrem 50. Geburtstag, ist sie wieder in ihrem Element und begeistert jährlich rund 10 000 Passagiere, die Rundflüge mit dem Traditionsflugzeug buchen können.

Das Tante-Ju-Modell erlebt schon in einigen Jahren den 100. Geburtstag. Seit 1919 ist das erste Ganzmetallflugzeug der Welt startklar. Mit der Ju 52 stieg Junkers über Jahre hinweg zum erfolgreichsten Verkehrsflugzeugproduzenten der Welt auf. Seit 1932 bauten die Junkers-Werke und diverse Lizenznehmer fast 5000 Maschinen, die für 30 Fluggesellschaften in 25 Ländern weltweit zum Einsatz kamen. Heute existieren nur noch wenige Exemplare der Ju 52. Zumeist werden sie für Oldtimer-Rundflüge genutzt oder stehen in Museen.

Geflogen wird Tante Ju nur von speziell ausgebildeten Piloten. Pilot bei Peterdings Flug war Thomas Kreimeier, auch ein ehemaliger Kalletaler und heute Pilot bei der Lufthansa – normalerweise steuert er einen Airbus A 320. Für Lufthansa-Piloten sei es eine Ehre, die Tante Ju zu fliegen, so Kreimeier. Die Kapitäne starten dann in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung zu Rundflügen mit der alten Junkers. Lediglich die Reise- und Übernachtungskosten bekommen sie erstattet.

„Meine Aufregung stieg. Aufregung – keine Flugangst“ erinnert sich Cord Peterding an den Moment vor dem Start. An Bord von Tante Ju entspricht nur wenig dem heutigen Standard: „In der Maschine war es sehr eng, es gab links und rechts jeweils nur Einzelsitze und so gut wie keine Beinfreiheit“, berichtet Peterding.

Als nach einer kurzen Einweisung und den obligatorischen Sicherheitshinweisen die drei Motoren der Junkers angelassen wurden und laut dröhnten, sei an Unterhaltung während des Fluges kaum zu denken gewesen, so der Kalletaler. Die Ju habe nur eine bemerkenswert kurze Strecke zum Starten benötigt und sei „fast unbemerkt“ abgehoben.

„Bis auf das laute Dröhnen der Motoren und das damit verbundene Vibrieren der ganzen Maschine lag diese unglaublich ruhig in der Luft. Man hatte das Gefühl, sie bewegt sich in Zeitlupe. Kein Stress, keine Hektik“, so Peterding.

In der geplanten Flughöhe von 600 Metern ging es dann mit einer Geschwindigkeit von rund 180 Stundenkilometern Richtung Minden. Sobald der Steigflug beendet war, durfte sich die Gruppe aus dem Kalletal abschnallen und auch das Cockpit besuchen. „Es war beeindruckend, zwischen den beiden Piloten zu stehen und direkt vorne aus der Maschine zu schauen“, erzählt Cord Peterding. Großartig mit der Flugroute beschäftigt habe er sich nicht. Im Grunde sei es ja nicht primär um die Aussicht, sondern um das Erleben des Fluggerätes gegangen.

„Im Vergleich zu einem modernen Flugzeug ist das eben auch der Unterschied, dass man so ein altes Flugzeug viel mehr erleben und erfühlen kann. Man fühlt sich darin auch viel weniger der Technik ausgeliefert, das ist noch echtes Fliegen und nicht ,Beamen‘ von A nach B“, resümiert Peterding.

Nach gut 50 Minuten war das Erlebnis vorbei und Tante Ju landete wieder butterweich in Hannover. Aufstehen wollte so schnell niemand der 16 Reisenden aus dem Kalletal. „Wir verharrten noch einige Zeit auf unseren Sitzplätzen“, sagt Peterding.

Normalerweise ist sie ein Fall für das Museum. Seit fast hundert Jahren ist die Junkers 52 als Transport- und Passagierflugzeug in der Luft unterwegs. Besser bekannt ist der Flieger als „Tante Ju“. Inzwischen gibt es nur noch wenige flugfähige Maschinen. Mit der „Tante Ju“ zu fliegen, ist ein besonderes Erlebnis. Eindrücke eines Probeflugs.

Blick in den Passagierraum der Junkers:Die Fluggäste Cord Peterding (links) und Dirk Richert sind im Gespräch.



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