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Alternative Handwerk

Aufstieg ohne Studium

Alle wollen studieren, aber nicht jeder wird damit glücklich. Die Hochschulen sind überfüllt, mancher Abschluss ist für die Karriere wenig wert. Das Handwerk bietet Alternativen. Meisterbrief, Spezialisierung und Selbstständigkeit eröffnen Chancen.

veröffentlicht am 03.06.2019 um 13:14 Uhr
aktualisiert am 03.06.2019 um 14:54 Uhr

Zugegeben, die Frage ist ziemlich provokativ: „Und? Was hast du heute gemacht?“ Sie entstammt der aktuellen Werbekampagne des deutschen Handwerks und unterstellt dem Gefragten, dass er eigentlich nichts gemacht hat. Jedenfalls nichts Richtiges; nichts, was man am Ende mit den Händen berühren und emotional und materiell wertschätzen könnte. Die Werbung – meist als Plakat gedruckt – berührt den Beobachter, aber nicht so, wie es sich die Macher wünschen. Das Handwerk wird vom Fachkräftemangel geplagt. Laut Bundesagentur für Arbeit fehlen dort etwa 150 000 qualifizierte Mitarbeiter. Und dies sind nur die offiziellen Zahlen. Viele Betriebe haben es nach Einschätzung von Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), längst aufgegeben, nach Fachkräften zu suchen, und melden ihren Bedarf daher gar nicht mehr bei den Arbeitsagenturen an. Wollseifer schätzt die Zahl der Handwerker, die gesucht werden, eher auf 250 000.

Seit dem Wegfall der Meisterpflicht gibt es eine Spirale der Dequalifizierung.

Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH

 

Auch bei den Schulabgängern hat die Lehrstelle an Glanz verloren. 1997 wurden noch rund 633 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen; 2018 waren es gerade noch 368 000. Die geburtenschwachen Jahrgänge treffen die Branche. Hinzu kommt aber eben auch ein negatives Image, das für Jugendliche abschreckend wirkt. Das hat auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ermittelt. „Jugendliche achten darauf, welche Folgen der gewählte Beruf für ihre soziale Identität hat“, heißt es in einem BIBB-Bericht. Im Klartext: Reicht für die Ausbildung der Hauptschulabschluss, dann haben Schulabgänger laut BIBB die Sorge, bei ihren Mitmenschen als „ungebildet, wenig intelligent und einkommensschwach“ eingeordnet zu werden. Früh aufstehen, hart arbeiten, wenig verdienen – Handwerksberufen haftet immer noch der Makel des Malocherjobs an. Das Ergebnis: 2018 blieben bundesweit etwa 17 000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

 

Dabei sind die Fakten längst andere. Arbeit im Handwerk bietet, so betont Wollseifer, „sehr gute Zukunfts- und Aufstiegsperspektiven“.

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Flüchtlinge sorgen für leichtes Plus

Über die Flüchtlingswelle des Jahres 2015 wird in Deutschland viel gestritten. Für das Deutsche Handwerk bedeutet sie allerdings ein kleines Konjunkturprogramm. Nach Jahren des stetigen Rückgangs bei den Bewerberzahlen für eine Lehrstelle konnte im Ausbildungsjahr 2017/18 erstmals wieder ein leichtes Plus verzeichnet werden. Nach den Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung gab es ein Plus von 2600 Ausbildungsverträgen, obwohl die Zahl der Schulabgänger abermals gesunken war – ein Hinweis darauf, dass Flüchtlinge mit Bleibeperspektive eine Lehre angetreten haben. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise traten 2017/18 genau 29 282 Lehrlinge ihren Job an; ein Zuwachs von 803 gegenüber dem Vorjahr. 1527 davon waren Flüchtlinge; dreimal so viele wie im Jahr davor. Ohne sie wäre die Zahl der neuen Lehrverträge also ins Minus gerutscht.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) begrüßt die Entwicklung, beklagt jedoch die vielfältigen Hürden, die die Politik aufgerichtet hat. „Für die Betriebe ist nur wichtig, dass sie bei der Beschäftigung von Flüchtlingen Rechtssicherheit haben. Das ist bis heute nicht in allen Fällen gewährleistet“, sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH.

Fortbildungen sind nötig

Eine echte Lösung für den Nachwuchsmangel im Handwerk können Flüchtlinge allerdings wohl nicht sein. Dies belegt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Danach gibt es ein klares „Passungsproblem“ zwischen den Migranten und den Ausbildungsbetrieben. Einerseits ist die in den Herkunftsländern erworbene Schulausbildung nicht mit dem höheren deutschen Niveau vergleichbar. Andererseits genießt eine Berufsausbildung in den Herkunftsländern – eine ähnliche Entwicklung gibt es in Deutschland – im Gegensatz zum Studium ein geringes gesellschaftliches Ansehen. Teilweise ist sie laut IW-Studie sogar unbekannt – es gilt ein „Learning by doing“, etwa für Bäcker oder Friseure. Das IW regt daher an, flächendeckend „Kompetenzerfassungsmaßnahmen“ und speziell zugeschnittene Fortbildungen im Handwerk anzubieten. All das, so die Forscher, sei aber nur sinnvoll, wenn sich Betriebe und Bewerber aufeinander einlassen. Im Alltag bedeutet das: Lücken im Lebenslauf und im Beherrschen der deutschen Sprache sollte der Lehrherr akzeptieren.

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Fernfahrer werden intern ausgebildet

Der Logistikkonzern Dachser will in Europa ein Netz von abgasfreien Lieferdiensten für Innenstädte aufbauen. Dachser habe bereits rund um die Stuttgarter Fußgängerzone ein vier Quadratkilometer großes Liefergebiet etabliert, sagt Vorstandschef Bernhard Simon, Enkel des Firmengründers. Das Unternehmen setze dabei auf elektrische Lastwagen und Lastenfahrräder. Ein großes Problem dabei sei der Fachkräftemangel, sagt Simon. Derzeit fehlten nach seiner Einschätzung 50 000 Fahrer in Deutschland. Auch gewerbliche Mitarbeiter wie Lageristen seien schwer zu bekommen.

 

Vermehrt gesucht, aber schwer zu finden: Professionelle Auslieferer und fernfahrer sind in Deutschland Mangelware. Foto: Pixabay

Dachser hat daher ein eigenes Programm zur Ausbildung von Fernfahrern gestartet. „Mit aktuell 207 Auszubildenden in der Dachser Service & Ausbildungs GmbH zählen wir mittlerweile zu den größten Fahrerausbildern in Deutschland“, sagt Simon. Ziel sei die permanente Ausbildung von 300 Berufskraftfahrern.

 

Ähnlich wie in Stuttgart will Dachser abgasfreie Lieferdienste auch in anderen Städten umsetzen. Derzeit gebe es etwa 20 ähnliche Initiativen in Europa. So seien die Projekte in Köln, Freiburg, Paris und Kopenhagen weit fortgeschritten, sagt Simon.

 

Allerdings ist es nicht leicht, Elektro-Lkw zu bekommen: „Wir hätten ganz gerne mehr“, gesteht Simon. Er hofft, dass sich das Angebot in den kommenden Jahren verbessert. Für den Fernverkehr sieht der Dachser-Chef Elektrotransporter nicht als Alternative für Diesellastwagen. Dort biete eher die Brennstoffzellentechnologie Chancen.

 

Im vergangenen Jahr sind bei dem Familienunternehmen aus Kempten der Umsatz und die Mitarbeiterzahl deutlich gestiegen. Der Nettoumsatz ohne Zölle und Einfuhrumsatzsteuer kletterte um 5,5 Prozent auf rund 5,6 Milliarden Euro, die Mitarbeiterzahl stieg um mehr als 1500 auf etwa 30 600 Beschäftigte. Im Jahr 2019 erwartet Simon ein Umsatzwachstum in ähnlicher Höhe, Ergebniszahlen veröffentlicht Dachser nicht. Das Allgäuer Unternehmen gehört zu den größten Logistikern in Deutschland und hat weltweit knapp 400 Standorte.

von Alexander Dahl



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