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Gran Canaria bietet Radfahrern steile Anstiege, kurvige Abfahrten und surreale Ausblicke

Auf zwei Rädern zwischen Hochland und Wüste

So still kann die Partyinsel sein. Nur in der Ferne Hundegebell und ein bisschen Wind in dürren Palmzweigen. Ins Trockental von Agaete fließt der Morgen mit dem Flöten der Amseln. Über den Steilhang, an dem das weiße Bergdörfchen El Chapin klebt, fliegen rosafarbene Federwolken Richtung Norden. Südwind heißt Gegenwind für die wenigen Radfahrer, die entlang den Klippen der Westküste unterwegs sind in Richtung San Nicolás de Tolentino. Agaete ist weit von den überfüllten Stränden der Südküste und den Fiesta-Meilen von Las Palmas und Playa del Inglés entfernt. Es ist eines jener Städtchen Gran Canarias, in denen man morgens schwatzende Männer im Schatten alter Bäume sitzen sieht. Für sie beginnt die Siesta nach dem Frühstück. Freundlich grüßen sie vorbeifahrende Radfahrer.

veröffentlicht am 09.04.2010 um 14:59 Uhr

Bloß nicht verfahren: Nach schweißtreibenden Anstiegen geht es i

Autor:

Winfried Schumacher

Wer das wahre Gran Canaria jenseits von Bettenburgen und Shopping-Malls kennenlernen will, sollte aufs Fahrrad steigen – und Kondition mitbringen. Rund um die Insel, vor allem durch ihr gebirgiges Inneres, führen landschaftlich spektakuläre Straßen, die wie geschaffen sind für Radwanderer. Für Menschen mit Höhenangst ist eine Inselumrundung allerdings nichts. Nicht weit hinter Agaete blickt der Radfahrer aus schwindelerregender Höhe auf das Fischerstädtchen Puerto de las Nieves. Von der Küstenstraße aus sieht man an klaren Tagen hinüber zum schneebedeckten Gipfel des Pico del Teide auf Teneriffa.

Die schönsten Radtouren beginnen manchmal mit einem Platten. Selten aber befindet sich der Pannenstreifen in so luftiger Höhe wie neben der Küstenstraße entlang den Klippen des Naturparks von Tamadaba. Fast senkrecht erheben sich die Felswände ins Dunkelblau. Und in der Tiefe über der schäumenden Brandung lästern die Möwen im Tiefflug. Den löchrigen Schlauch in der Hand, hätte man Lust, ihnen trotzig auf die Köpfe zu spucken.

Ist das Rad erst wieder repariert, versöhnt die Fahrt auf den Serpentinen mit den Möwen. Ein bisschen Freiheit atmen auch die Menschen. Zumindest wenn es mit dem Fahrrad bergab geht und sie glauben, wie die Sturmvögel über dem Meer zu fliegen. So rau kann die Sonneninsel sein. Gestern noch waren die Radfahrer vor der Hitze der Südküste und der Hektik der Ferienmetropole Maspalomas in die Berge geflohen – nun scheint man sie ins schottische Hochland gebeamt zu haben. Nebelschwaden ziehen über die kargen Hänge bei Ayacata. An den Felswänden hängen düstere Wolken, aus denen ein feiner Nieselregen fällt.

Einen „Kontinent im Kleinen“ nennen die Gran Canarier ihre Heimat. 14 Mikroklimazonen unterscheiden Geografen auf der Insel, die mit 1560 Quadratkilometern nicht mal doppelt so groß wie Hamburg ist. Unterwegs im Regen Richtung Tejeda wünscht sich der Radfahrer weg zu den Wüstendünen von Maspalomas mit ihrer ganzjährigen Sonnengarantie. Oder in den duftenden Lorbeerwald von Moya. Jedenfalls nicht in diese Geisterlandschaft.

Plötzlich sitzt ein gackerndes Rothuhn am Straßenrand, das wie die durchnässten Radfahrer über das miese Wetter zu klagen scheint. Aufgeregt dreht es den Schnabel nach allen Seiten, als hielte es kopfschüttelnd Ausschau nach der Sonne. Der Vogel lässt sich ganz aus der Nähe beobachten und gibt sich unbeeindruckt von dem radelnden Menschenvolk. So nah kommt man der Natur nur auf zwei Rädern.

Hinter dem nächsten Pass reißen die Wolken plötzlich auf, und über dem Talkessel zeigt sich Himmelblau. Ein lohnender Zwischenstopp ist der kleine Ort Tejeda mit seinen weiß getünchten Treppengassen und der hübschen dreitürmigen Kirche am Hang. In der Bäckerei von Tejeda, der Dulceria Nublo, können sich Radfahrer mit allerlei Süßigkeiten eindecken. „Seit mehr als 100 Jahren sind Mazapan und Bienmesabe unsere Spezialitäten“, sagt die Bäckereiverkäuferin Maria Nieves mit einem stolzen Lächeln, „sie haben die Bäckerei weit über Gran Canaria hinaus bekannt gemacht.“

Mit den backfrischen Süßigkeiten aus gemahlenen Mandeln, Zuckersirup und Zitrone stopft man sich gerne die Satteltaschen voll, auch wenn der steilste Anstieg noch bevorsteht. So grün kann die Felseninsel sein. Hinter der windgepeitschten Anhöhe des Paso Cruz de Tejeda auf 1510 Höhenmetern liegt Gran Canarias feuchter Norden. Obstbäume und saftige Wiesen geben den Anschein, mit dem Pass habe man die Welt gewechselt. Das Auge verschlingt die üppigen Farben am Straßenrand. Und der Kopf hat Mühe zu glauben, dass auf gleicher geografischer Breite, in 200 Kilometern Entfernung, die Sahara beginnt. Nach der schweißtreibenden Auffahrt rauschen die Radfahrer in wild geschwungenen Kurven in Richtung des Ozeans, vorbei an grasenden Ziegenherden, bunten Gärten und schmucken, frisch gestrichenen Häuschen.

Auch wenn es hinter dem Städtchen Vega de San Mateo nur noch bergab Richtung Las Palmas geht, sollten Radwanderer unbedingt zwei Anhöhen mehr in Kauf nehmen, um vor dem Abschluss ihrer Inselrundfahrt einen Abstecher nach Teror zu machen. Das hübsche Städtchen drängt sich um die barocke Basilika Nuestra Señora del Pino und ist schon wegen seiner stolzen Bürgerhäuser mit ihren reich geschnitzten Holzbalkonen einen Umweg wert. Nirgendwo sonst findet man die typisch kanarische Bauweise als ein so gewachsenes Ensemble beieinander.

Auch ohne Rückenwind ist die serpentinenreiche Straße nach Las Palmas für Radfahrer ein Genuss. Mit dem fliegenden Kilometerstand rückt das Meer näher und gleichzeitig jenes hektische Gran Canaria, das viele Urlauber nie verlassen. Wer mit dem Rad die Insel umrundet, hat sich seinen Strandurlaub verdient. Vor allem aber hat er einen kleinen Kontinent erobert, der weit mehr bietet als Sonnenbrand und Fiesta.

Anreise: Zahlreiche Fluggesellschaften fliegen von fast allen deutschen Flughäfen nach Las Palmas, in Gran Canarias Hauptstadt.

Inselumrundung mit dem Rad: Wer die Insel mit dem Rad umrunden möchte, sollte fünf bis sieben Tage einplanen. Aufgrund der enormen Anstiege von Meeresniveau bis auf über 1500 Meter sollten nur trainierte Radfahrer die komplette Runde drehen.

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