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Auf die Sau wartet schon der Kühlwagen

Auf der Rückbank seines Autos liegt ein Jagdhorn. Das nimmt Reinhold Siegmann immer mit zur Jagd. Der pensionierte Förster, der bis vor vier Jahren das Revier Möllenbeck-Taubenberg hegte und pflegte, er kann selbstverständlich alle Signale blasen, auch das „Halali“, mit dem ein erfolgreicher Jagdtag schließlich „abgeblasen“ wird. „Mal sehen, ob das Horn heute zum Einsatz kommt“, meint er. „Jede Jagd ist anders und man weiß nie…“

veröffentlicht am 09.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 14.12.2009 um 12:01 Uhr

Erfahrener Jäger: Der pensionierte Förster Reinhold Siegmann hör

Autor:

Cornelia Kurth

Reinhold Siegmann ist ein großer Mann mit grauem Bart und freundlichem Gesicht. Bereitwillig hat er die Aufgabe übernommen, mich an die Hand zu nehmen, die ich als Reporterin die Möllenbecker Winterjagd begleiten will, und beantwortet auch gleich meine erste, dringende Frage, als wir zusammen mit etwa 50 Jagdteilnehmer – außer mir ist nur noch eine andere Frau dabei – gegen neun Uhr morgens auf dem Parkplatz am Forstweg auf die Anweisungen von Forstamtleiter Christian Weigel warten: „Muss ich wirklich zwei Stunden durchs Unterholz stapfen? Ich fürchte nämlich, dass ich mit den Männern nicht recht mithalten kann.“ Der Förster lacht über meine Ahnungslosigkeit: „Nein! Ganz sicher nicht! Wir hatten nicht vor, Sie als Treiber anzustellen!“

Er wirft einen kritischen Blick auf meine Kleidung. „Mit diesen Schuhen wären Sie eh nicht weit gekommen“, meint er. „Ich hoffe, Sie haben wenigstens warme Pullover an.“ Es ist nämlich so: Im ganzen Jagdgebiet sind Hochsitze aufgestellt. Jedem Jäger wird sein eigener Sitz zugeteilt und dort wartet und hofft er auf Wild, das ihm die Treiber mit ihren Hunden zutreiben werden. Zwei Stunden muss man dort oben ausharren und darf den hölzernen Sitz auf keinen Fall verlassen, damit man nicht von einer verirrten Kugel getroffen oder von einem wütenden Wildschwein angefallen wird.

Nun – das klingt ja geradezu gemütlich. Ich kenne Hochsitze, diese Minihäuschen in großer Höhe, mit ihren vier Fenstern und einer kleinen Bank im Inneren. Heißer Tee ist in meinem Rucksack, da soll es doch selbst in Kälte und Nieselregen auszuhalten sein.

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Professionelles Ende einer Jagd: Das Wildschwein wird gewogen – und ab damit in den Kühlwagen.

Alle Jäger haben ihren Hochsitz ganz für sich allein, nur Förster Siegmann und ich sind zu zweit. Eine kleine Autofahrt durch den winterlich herben Möllenbecker Wald, ein kurzer Gang durch Matsch und nasses Laub und da vorne in der Einsamkeit – das soll der Hochsitz sein? Nichts weiter als ein offener Holzkasten auf vier Stelzen, mit glitschig-nassem Boden und einer winzigen nassen Bank, auf der man kaum zu zweit Platz findet. Schutz vor Wind und Wetter gibt es hier nicht, die Kälte dringt durch Hose, Jacke und Handschuhe – und jetzt erst verstehe ich, warum alle Jäger einen Jägerhut mit praktischer Krempe tragen, der den stetigen Nieselregen abfängt, ohne wie eine Kapuze den Blick einzuengen.

Immerhin hat Förster Siegmann ein Kissen für mich mitgebracht und kündigt an, dass er seine Sitzdecke für mich opfern wird, falls ich es gar nicht mehr aushalte. Gelassen stellt er seinen Karabiner an die Hochsitzbrüstung, sieht sich um im stillen Revier und hat in weiter Ferne gleich den orangefarbenen Punkt entdeckt, der uns sagt, dass dort ein weiterer Jäger in seiner Leuchtweste der Beute harrt. Lauter grüne Ausrufezeichen sind auf die Bäume in Richtung des Kollegen gemalt. In diese Schneise hinein darf nicht geschossen werden. „Die Patrone fliegt vier Kilometer weit und durchschlägt auch glatt einen Baumstamm“ erklärt der Förster. Sein eleganter Karabiner ist eine umgebaute Kriegswaffe, die einst seinem Vater gehörte. „Mit der kann man Elefanten abschießen“, meint er. „Ein guter Jäger trifft damit noch in 400 Metern Entfernung sein Ziel.“

Plötzlich horcht er auf. Ein Schatten flitzt in der Ferne durchs Gehölz. Kein Wild – das hat der erfahrene Mann auf Anhieb erkannt – sondern einer der kleinen Jagdhunde, dann erschallen Rufe der Treiber, noch zwei Hunde jagen den gegenüberliegenden Hügel hinauf und von Weitem fallen Schüsse, erst zwei, dann einer. „Der letzte hat gesessen“, so Siegmann. „Man hört es am Nachklang, wenn die Kugel von einem Körper abgefangen wird, na ja – oder von einem Baum.“

Wieder ist es ganz still im Buchenwald. Der Förster kennt und liebt diesen Platz, wo er einst selbst den kleinen Hochsitz baute, auf dem wir uns nun drängen und uns unterhalten. „Sehen Sie dort diese dicke Buche mit ihrer prächtigen Krone? Die ist an die 200 Jahre alt. Wenn sie keinen roten Kern hat, dann bringt so ein Stamm ungefähr 1500 Euro ein. Aber ich werde sie ganz bestimmt nicht umhauen.“

Wir dürften ruhig plaudern, meint er, Wild auf der Flucht kann sich nicht um ein bisschen Menschengerede kümmern. „Aber wenn ich nachts durch den Wald pirsche, dann darf kein künstliches Geräusch entstehen. Ästeknacken und Laubrascheln, kein Problem. Doch wenn man nur einmal mit dem Jackenärmel an einem Baum entlangschabt, sind Reh und Sau gewarnt.“

Wir können also Schabegeräusche machen und es stört auch nicht, dass ich den Deckel meiner Thermoskanne öffne, um mir dann am vollgeschenkten Becher die Finger zu wärmen – von einem zu jagenden Tier ist lange weit und breit keine Spur. Und als dann doch manchmal ein eiliges Reh vorbeispringt, dann unerreichbar zwischen den Bäumen, verfolgt von den wackeren Hunden. Gerade mal zwölf oder fünfzehn Schüsse haben wir gehört und dabei ist schon über eine Stunde vergangen.

Ich bin ganz froh darüber, dass wir kein Jagdglück haben, weil ich nämlich Angst habe vor dem lauten Knall, der aus der Büchse kommen würde, ergäbe sich eine gute Chance zum Schießen. Nicht umsonst schützt so mancher Jäger sein Trommelfell mit Ohrstöpseln.

„Mir macht es auch nichts aus, wenn wir nichts schießen“, sagt der Förster. „Ich habe schon so viele Tiere erlegt – angefangen bei den Spatzen, damals, vor langer Zeit, als wir Jungs fünf Pfennig pro Stück im Forstamt bekamen. Ja, die Feldspatzen waren eine Plage und konnten die Ernte gefährden.“ Er erzählt viele Geschichten, beantwortet geduldig all meine Fragen und lässt mich dadurch fast die Kälte vergessen und den unermüdlich niedergehenden Nieselregen, der die Stille im Wald noch unterstreicht.

„Früher hörte man immer auch Jagdhornschall während der Jagd“, sagt er. „Jeder Förster und Jäger musste die Jagdhornprüfung ablegen und die Signale beherrschen, mit denen man sich auch auf große Entfernungen verständigte. Heute ist das nicht mehr so. Das Handy hat das Jagdhorn ersetzt.“ Nur ganz am Ende bläst man nach fast jeder Jagd, wenn die erlegte Beute auf der „Strecke“ ausgebreitet wird und die Jäger mit ihrem „Halali“ dem Wild die letzte Ehre erweisen.

Wie schnell die Zeit vergeht. Ich erfahre von der Arbeit eines Försters, der die Bäume des Waldes erntet und für genügend Baum-Nachwuchs sorgt, der seine Abschussquote erfüllen muss und dafür viele Nächte allein auf seinem Hochsitz verbringt, der die Waldarbeiter anleitet und, wenn es sein muss, auch ohne Motorsäge einen mannsdicken Baum in einer halben Stunde umsägt. Reinhold Siegmann hat seinen Beruf geliebt, das ist keine Frage. Geradezu bewegend erzählt er von seiner treuen Jagdhündin, die er, als ihre alten Knochen nicht mehr wollten, in den Wald führte und dort erschoss und begrub. „Das ist so nicht erlaubt“, sagt er frei heraus. „Aber das ist den meisten Jägern wohl egal.“

Schließlich können wir den Hochsitz verlassen. Am Streckenplatz, wo sich alle Jäger treffen, sind die Mitarbeiter einer Wildtierhandlung schon dabei, die erlegten Tiere „aufzubrechen“ und die Eingeweide aus dem Inneren zu entfernen, eine Arbeit, die normalerweise die Jäger selbst übernehmen. Auch wird die Jagdbeute nicht auf dem Teppich aus frischen Tannenzweigen ausgebreitet, sondern schnell verstaut im Profi-Kühlwagen, damit den neuesten Hygienebestimmungen penibel Genüge getan ist.

Neun Rehe, drei Säue und ein Fuchs wurden geschossen – nicht gerade viel im Vergleich zu anderen Jagden. Ein Feuer brennt, doch wo ist die Gulaschkanone, wo der Tee, der Glühwein oder der Schnaps, der die Jägertruppe am Feuer vereint? Ein ziemlich nüchternes Ende eines Jagdtages.

Förster Siegmann zuckt mit den Schultern. „Für mich war es eine schöne Jagd!“, sagt er. Doch sein Jagdhorn, das hat er im Auto zurückgelassen. Auch kein anderer Jäger hat ein Horn dabei, und Forstamtleiter Weigel bläst die Jagd mit bloßen Worten ab. „Bisher habe ich noch nach jeder Jagd geblasen“, so der Förster. „Für so ein Ende aber setz‘ ich mein Horn nicht an!“



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