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Auf die Pilze. Fertig. Los.

Herbstzeit ist Pilzzeit: Mehr als 6000

veröffentlicht am 06.10.2015 um 19:05 Uhr

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Arten wachsen nach Schätzungen

von Fachleuten in Deutschland, etwa

70 bis 80 Prozent sind essbar.

Zugreifen sollte aber nur, wer wirklich sicher ist, einen Speisepilz gefunden

zu haben. Was ist beim Sammeln zu beachten, wo lohnt die Suche und wo

lauern Gefahren? Und was sind Pilze

eigentlich? Ein Waldspaziergang.Die Liebe zur Natur habe sie von ihrem Vater geerbt, erklärt Annette Hinze. Kurz nach dem Regen tropft es vom Blätterdach, der Waldboden schluckt die Geräusche ihrer Schritte. Hinze hält den Blick auf den Boden gerichtet und erzählt von ihrer Passion: Pilze haben sie schon in ihrer Kindheit interessiert. Damals sei sie an den Wochenenden mit ihrem Vater auf die Suche gegangen und der Lehrer für Naturkunde habe seiner Tochter eine ganze Menge über die faszinierenden Gewächse, die weder Tier noch Pflanze sind, erklären können. Heute ist die 57-jährige Rintelnerin selbst Pilzexpertin und gibt ihr Wissen als Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) bei geführten Wanderungen durchs Weserbergland an Interessierte weiter. Die wichtigsten Fragen:

Giftig? Oder nicht?

Wer „in die Pilze geht“, sollte wissen, was in den Korb kommt und was nicht. Schließlich kann ein Irrtum mitunter tödlich ausgehen. Giftige Pilze können essbaren Exemplaren zum Verwechseln ähnlich sehen, sagt Hinze. Ein Beispiel sind der leckere Champignon und sein giftiger Doppelgänger, der Knollenblätterpilz. Erst vor wenigen Tagen ist eine Frau in Hannover gestorben, weil sie beide miteinander verwechselt hatte. Die goldene Regel lautet: Nur wer einen Speisepilz zweifelsfrei als solchen erkennt, darf ihn essen. Übrigens: Einen Giftpilz anzufassen, ist kein Problem, sagt Hinze. Allerdings sollte man darauf achten, dass die Hände anschließend nicht mit Mund und Nase in Berührung kommen. Besonders gefährlich sind Pilze, die erst viele Tage nach dem Verzehr Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Während sich der Knollenblätterpilz bis zu 24 Stunden Zeit lässt, zeigt das Gift des orangefuchsigen Schleierlings erst nach 2 bis 17 Tagen seine Wirkung. Auch von alten Pilzen sollte man die Finger lassen. Und von rohen sowieso. Selbst Champignons aus dem Supermarkt können schwer verdaulich sein, wenn sie roh gegessen werden. Deshalb gilt: Pilze immer gut durchgaren.

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Morchel pr

Nicht ohne meinen Korb

In puncto Ausrüstung ist nach Auskunft von Hinze vor allem eines unerlässlich: ein luftiger Korb. Plastiktüten sind schlicht ungeeignet, zu groß ist die Gefahr, dass die Pilze schlecht werden oder zu schimmeln anfangen und dann ungenießbar sind. Ein scharfes Küchenmesser ist ebenfalls von Vorteil, um Pilze abzuschneiden.

Fühlen, riechen, schauen

Ein Pilzbuch kann für Laien höchstens einen Einblick in die Welt der Pilze geben. Unerfahrene sollten sich beim Sammeln also auf keinen Fall allein auf die Abbildungen und Beschreibungen in Bestimmungsbüchern verlassen, um einen Pilz zu identifizieren, betont Hinze. Um einen Pilz zweifelsfrei zu bestimmen, seien alle Sinne gefordert: Wie sieht er aus, wie fühlt er sich an, wie riecht er? Auch die Knolle ist für die Bestimmung wichtig. Ein unbekannter Pilz sollte deswegen nicht abgeschnitten, sondern mit der Knolle herausgedreht werden. Hinzes Rat für Ungeübte: Lieber einen Experten mit zur Pilzsuche nehmen oder den vollen Korb von einem Sachverständigen begutachten lassen. Alternative kann sein, die Suche auf eine oder zwei Speisepilzarten zu beschränken, deren Merkmale man zweifelsfrei zuordnen kann. Gut beraten ist schon einmal, wer Lamellen von Röhren unterscheiden kann. Denn anders als bei Lamellenpilzen gibt es unter den Röhrlingen hierzulande keinen, der zu tödlich endenden Vergiftungen führt.

Wo und wann suchen?

Pilze gibt es zu jeder Jahreszeit. Aber die Hauptsaison ist im Herbst, wenn das Wetter noch nicht allzu kalt, aber feucht und windig ist. Der Standort entscheidet dann, welche Pilze man findet. Im Laubwald mit kalkreichem Boden wachsen andere Arten als im natursauren Boden oder auf Wiesen. Viele Röhrenpilze leben in Symbiose mit einer Baumart und tragen ihren Standort im Namen: Der Erlengrübling wächst unter Erlen, der Birkenpilz unter Birken.

Pflanze? Oder Tier?

Weder noch, sagt die Pilzexpertin. Und doch: Pilze haben einige Gemeinsamkeiten mit Pflanzen und mit Tieren. Zum Beispiel bestehen ihre Zellwände aus Chitin, also aus dem Stoff, aus dem die Zellwände vieler Insekten gemacht sind. „Pilze haben ihr eigenes Reich“, erklärt Hinze. Und sie übernehmen eine wichtige Aufgabe in der Natur. Sie zersetzen Blätter, Holz und anderes organisches Material und sorgen dafür, dass die enthaltenen Nährstoffe freigesetzt werden. Ohne Pilze könnte kein neues Leben entstehen. Um an ihre Nährstoffe zu gelangen, haben Pilze verschiedene Strategien entwickelt. Einige Arten besiedeln Bäume, um an Kohlenhydrate zu gelangen, und schaden ihnen nachhaltig. Wieder andere gehen mit ihren Wirtspflanzen eine Symbiose ein, in der Baum und Pilz gleichermaßen voneinander profitieren. „Pilze sind immer da, auch wenn man sie nicht sehen kann“, weiß Hinze. Der eigentliche Pilz, das Myzel, lebt weitverzweigt unter der Erde. Der Teil, der an der Oberfläche wächst, ist der Fruchtkörper, der mit seinen Sporen für die Fortpflanzung des Pilzes sorgt.

Alles Quatsch

Über Pilze gibt es zahlreiche Volksweisheiten. Zum Beispiel die vom Silberlöffel. Läuft ein silberner Löffel, den man zusammen mit Pilzen kocht, nicht schwarz an, sind die Pilze nicht giftig. Oder die Warnung, bereits zubereitete Pilze nicht wieder aufzuwärmen. „Alles Quatsch“, sagt Hinze. Pilzgerichte können bedenkenlos wieder aufgewärmt werden, wenn sie in der Zwischenzeit im Kühlschrank lagerten. Auch die Regel, dass Pilze, die von Tieren gefressen werden, immer essbar sind, ist ein Ammenmärchen. „Schnecken und Würmer reagieren anders auf Gifte und vertragen sie besser.“

Die Natur schützen

Beim Pilzesammeln geht es nicht nur darum, Giftige von Genießbaren zu unterscheiden. „Es geht auch um Naturschutz“, sagt Pilzexpertin Hinze. Die Grundregeln für die Pilzsuche fasst sie so zusammen: Nur sammeln, was man zu 100 Prozent kennt und dann nur für den Eigenbedarf. Beim Herausdrehen entstandene Löcher mit Erde zudrücken, um das Myzel zu schützen. Unbekannte, giftige oder alte Pilze nicht zertreten oder willkürlich herausreißen. „Es gibt schließlich auch Pilze, die einfach wunderschön aussehen.“

Wer hilft im Notfall?

Das Gift-Informationszentrum-Nord in Göttingen ist unter der Telefonnummer 0551/ 19240 zu erreichen.

Die Pilzexpertin

Pilze und Kräuter sind ihr Steckenpferd: Annette Hinze ist nicht nur Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM), sondern auch als Kräuterkundige von der Industrie- und Handelskammer zertifiziert. Hauptberuflich arbeitet die ausgebildete Heilpraktikerin und Physiotherapeutin aus Todenmann als Medizindozentin für Anatomie und Physiologie an einer Berufsfachschule in Hannover. Darüber hinaus bietet die 57-Jährige regelmäßig geführte Kräuter- und Pilzwanderungen an.



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