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Schlechter Schnitt: Die Erntebilanz fällt durchschnittlich aus, aber die Landwirtschaft hat noch viele andere Probleme

Auf dem Weg zum Mittelalter-Wetter

WESERBERGLAND. Der vergangene Monat war der heißeste je gemessene Monat, die ersten sechs Monate waren im Durchschnitt wärmer als alle vorherigen Halbjahre, und das letzte Jahr geht als durchschnittlich wärmstes Jahr in die Geschichte der Temperaturaufzeichnungen ein. Dazu kam der Regen, immer wieder Regen. Die Folgen: Durchschnittlich elf Prozent weniger Getreide ernteten die Bauern in diesem Sommer, insgesamt waren es nur 43,5 Millionen Tonnen.

veröffentlicht am 22.08.2016 um 15:49 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Und wie fiel die Ernte im Weserbergland aus? Das sei, natürlich, von Standort zu Standort etwas unterschiedlich, erklärt Friedhelm Stock, „doch insgesamt war es eine durchschnittliche Ernte, weder gut noch schlecht.“

Beim Weizen, so der Geschäftsführer des Bauernverbandes Weserbergland, habe die Qualität gefehlt, „er hat zu lange gestanden“, und bei Trocknungspreisen von drei Euro pro Dezitonne lasse der Landwirt ihn eher stehen. Dann sei der Weizen nur noch als Futtergetreide zu gebrauchen, aber nicht mehr für das Brot. Unbeständige Witterung geht schnell zulasten der Qualität, und zu feucht gedroschenes Getreide macht eine teure Trocknung erforderlich. Und beides schmälert den monetären Ertrag.

Der zögerliche Erntefortschritt zehrt an den Nerven

Prima Klima: Für den Mais gibt es bislang nichts zu meckern.

Es war eine unschöne Erfahrung, die die Landwirte bei der Weizenernte machen mussten: Der schöne Schein trog. Zu viele Körner hatten entgegen dem ersten Eindruck noch längst nicht die notwendige Reife erreicht, beständiger Sonnenschein und damit Erntewetter blieben meist ein Wunschtraum. Erste Schätzungen des Landvolkes Niedersachsen waren von 6,7 bis 6.8 Millionen Tonnen Getreide ausgegangenen, dieser Wert dürfte schwierig zu halten sein.

Der zögerliche Erntefortschritt zehrt an den Nerven der Ackerbauern, zudem hatten viele Landwirte auf ihren Feldern deutlich mehr erwartet, als sie anschließend im Anhänger vorfanden.

Außerdem, so Stock weiter, hätten sich die Preise „nicht unbedingt überschlagen“. Als vor Jahren die Weizenpreise angezogen hätten, habe das den Landwirt naturgemäß erfreut. Dann hätten die Zuliefererpreise, also für Dünger oder Pflanzenschutz, nachgezogen. Und jetzt falle der Weizenpreis, während die Kosten nicht geringeren würden.

Weniger Ertrag, niedrige Preise, dazu kommen schlechten Nachrichten vom Weltmarkt: Russland und die USA haben im Jahr 2016 sehr gute Ernten eingefahren, ihre Produkte bestimmen den Weltmarkt, der Druck auf die deutschen Landwirte wird daher noch einmal größer.

Natürlich orientiert sich der Preis am Weltmarkt, sagt Stock, „wir haben keine abgeschotteten Märkte“, und wer es sich als Landwirt leisten kann, der lagert ein, „bis an anderen Ende der Welt Bedarf besteht“, weil in Australien beispielsweise gerade wieder extreme Trockenheit herrscht, sagt Stock, und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Man muss es sich leisten können. Und das können die kleineren Betreiber sich immer weniger erlauben, erklärt Stock, pro Jahr seien es drei Prozent aller bäuerlichen Betriebe, die aufgeben würden, „das hört sich nicht viel an, aber es ist eine nachhaltige Entwicklung“, sagt der Geschäftsführer. Viele fänden keinen Nachfolger, und so würden die Landwirte noch mit 70, 80 Jahren den Hof selber führen – und dann den ganzen Betrieb aufgeben. Die Kinder, sagt Stock, sind lange weg, und wenn sie nach dem Tod des Altbauern erben, „dann haben sie keinen Bezug zur Fläche.“ Für Stock ist das alles, dieses stetiges Ausscheiden aus der Landwirtschaft, „ein großes Drama“.

„Rahmenbedingungen werden schlechter“

Damit nicht genug: Die Politik befeuere diesen Prozess, sagt Stock, kleinere Betriebe würden unter den hohen Auflagen ächzen, größere Betriebe könnten auch mal Fachwissen von außen einkaufen, „die Großen passen sich an und können auch mal eine Durststrecke aushalten.“

Die Landwirtschaft werde den Strukturwandel „verschärft“ erleben, die Rahmenbedingungen würden „eher schlechter.“

Auch die Banken würden bei größeren Betreiben deutlich öfter behilflich zur Seite stehen. Denn ungeachtet der zurzeit absolut unbefriedigenden Getreidepreise benötigen viele Landwirte in diesen Tagen dringend Geld in der Betriebskasse – und verkaufen einen Teil der Ernte.

Eine Enttäuschung war auch die Rapsernte, erklärt Stock. Der Raps konnte im Frühjahr nicht reifen, es war, wie beim Weizen, die falsche Zeit, und was im Frühjahr verpasst wird, das holt die Pflanze im Sommer nicht mehr auf. Der Anbau von Raps ist für den Landwirt ungefähr doppelt so teuer, wie der von Weizen. Die Kosten für Saatgut sind höher, und es kann kein eigener Nachbau erfolgen. Außerdem ist der Raps anfälliger gegenüber Schädlingen und deshalb aufwendiger im Pflanzenschutz.

Auch das Landvolk Niedersachsen hat bei der Ursachenforschung für die schlechte Ernte den Grund schnell ausgemacht: Zur Ertragsbildung fehlte den Pflanzen einfach die Sonne, teil der Verband mit. Feuchtwarmes Klima und überschwemmte Böden: Bauernpräsident Joachim Rukwied hatte am Freitag bei der Vorstellung der Erntebilanz noch weitere Problemfelder ausgemacht, nämlich Pilze und Fäule, und die Kirschessigfliege, die seit zwei Jahren als exotischer Schädling aus Asien nach Deutschland kommt.

Aber die Witterung hat auch ihre guten Seiten. Wer als Landwirt Mais angepflanzt hat, dessen Herz dürfte in diesen Tagen vor Freude höher hüpfen: Hohe Pflanzen und starke Blätter, Mais steht gerade sehr gut, meistens über zwei Meter hoch. Das liegt in diesem Jahr nicht am Zuchtfortschritt, sondern wirklich am Wetter. Der Mais reagiert als sogenannte C-4-Pflanze, das sind Pflanzen, die an tropisches Klima angepasst sind. Und diese C-4-Pflanzen bevorzugen hohe Temperaturen, am liebsten deutlich über 20 Grad.

Denn während die menschliche Erinnerung diesen Sommer als kühl und kalt und feucht abgespeichert hat, orientiert sich die Maispflanze an den tatsächlichen Temperaturen, und zwar Tag für Tag. Und da gibt es für den Mais nichts zu meckern, von der Aussaat im Mai bis Mitte August immer höchste Temperaturen, und der viele Regen hat auch nicht geschadet, ganz im Gegenteil: Der Mais hat bisher noch nicht einen Tag Wassermangel leiden müssen.

Wie die Wikinger eine neue Heimat suchen?

Der Klimawandel, sagt Stock, „macht sich überall bemerkbar.“ Und: „Wir sind auf dem Weg zu einem Wetter, wie wir es im 12. und 13. Jahrhundert hatten, zu einem Wetter wie im Mittelalter.“ Damals, sagt Stock, hätten die Wikinger Norwegen verlassen und sich in Richtung Westen aufgemacht, um in Grönland eine neue Heimat zu finden; eine Heimat, die sie ernähren konnten.

Der Geschäftsführer verweist auf alte Kirchenbücher aus dem Mittelalter, in denen nachzulesen sei, wie das Wette damals im tiefen Winter war: Die Blumen blühten und die Vögel brüteten und trällerten.



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