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Wie sich die Bergstädter über Wasser hielten / Aus den Erlebnissen von Dr. Rolf Krumsiek / Teil 2

"Auf dem Mittellandkanal lag ein Zuckerschiff"

Obernkirchen (sig). Minister a. D. Rolf Krumsiek war noch keine elf Jahre alt, als der zweite Weltkrieg zu Ende ging. Nur kurz war die Spanne der Gesetzlosigkeit, jene Zeit, in der dieörtlichen Machthaber das Weite suchten und sich auch die Einwohner der Bergstadt aus leer stehenden Vorratslagern versorgten. Von irgendetwas musste der Mensch in dieser schwierigen Zeit schließlich leben. "Wir erfuhren, dass in Rusbend auf dem Mittellandkanal ein Zuckerschiff lag, und in Rolfshagen holten wir uns Milchpulver, aber das von vielen Menschen ausgeräumte Lebensmitteldepot in Berenbusch haben wir nicht erreicht", erinnerte sich der gebürtige Obernkirchener. Privatleute besaßen ja damals kaum ein Auto, und mit dem Leiterwagen bis dorthin zu fahren, war zu beschwerlich.

veröffentlicht am 21.06.2007 um 00:00 Uhr

Rolf Krumsiek

Natürlich seien mit dem Ende des Dritten Reiches für einige Menschen Ideale zusammengebrochen; immerhin habe es in der Bergstadt auch zwei Ritterkreuträger gegeben, einer davon sei Kommandant eines U-Bootes gewesen, stellte Rolf Krumsiek fest. Erst im August 1945 wurde der Schulbetrieb in Obernkirchen wieder aufgenommen, in Bückeburg sogar noch später, und zwar im Frühjahr 1946. "Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte für uns Kinder ein gewisses Chaos; bei unseren Streifzügen entdeckten wir im Bückeberg viele Munitionsvorräte, die später gesprengt wurden", wusste der ehemalige Minister zu berichten. Zeitweise sei Ausgangssperre angeordnet gewesen, weil Gruppen von marodierenden Fremdarbeitern unterwegs gewesen seien. Wer von den Deutschen mit dem Fahrrad angetroffen wurde, sei es sofort los geworden. Krumsiek erinnerte sich auch noch an die Tatsache, dass 1946 zwei Züge mit weit über 1000 Vertriebenen aus dem Osten eingetroffen seien, für die dann die Einheimischen Wohnraum zur Verfügung stellen mussten. Noch acht Wochen vor der Währungsreform im Jahre 1948 habe der Schwarzmarkt geblüht. Ein Pfund Zucker habe damals 60 Mark gekostet. Nach dem Währungsschnitt änderte sich das Bild schlagartig. Dann seien genügend Lebensmittel auf dem Markt gewesen. "Ich habe vor allem die Leistung meiner Mutter bewundert, die in schwierigster Lage dasÜberleben ihrer Familie sicherstellte", betonte Krumsiek in seiner Nachbetrachtung jener wirren Zeit. "Wir sind durch die harte Gangart, die uns aufgezwungen wurde, lebenstüchtiger geworden", lautete sein Resümee. Das alles habe ihn später beeinflusst, sich politisch zu engagieren. Krumsiek: "Ich wollte, dass sich die Grausamkeiten der Vergangenheit nicht mehr wiederholen." "In den Schulklassen gab es damals bis zu 60 Schüler, und die Lehrkräfte waren teilweise bereits über 70 Jahre alt, denn viele der Jüngeren waren gefallen oder vermisst," schloss Dr. Krumsiek seine Erinnerungen an eine Zeit, die er so nicht mehr erleben möchte. Aus dem Kreis der Zuhörer in der "Roten Schule" kam der Vorschlag, er solle dasalles zu Papier bringen, damit diese Erfahrungen der Nachwelt erhalten bleiben - als ein warnendes Spiel dafür, wohin eine Diktatur führen könne, und wie wichtig es sei, sich gegen neue Anfänge zu wehren.



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