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Warum diese Gruppe eine geile Hardrock-, aber keine Heavy-Metal-Band ist

Auf dem Highway zur Hölle hängt AC/DC jeden Song an die große Glocke

Vorvorvorgestern bin ich gegen Mitternacht schweißgebadet aus einem Albtraum erwacht. Bob Dylan und Neil Young hatten mich verfolgt und wollten mir unbedingt ein Ständchen bringen, mit stromlosen Lagerfeuerklampfen und ihrem näselnd-heulenden Weltverbesserergejaule. Ich lief und lief und stolperte like a rolling stone in einen Abgrund, hernach ich an des heavens door knocken musste. Für einen, dessen erste Langspielplatte „Let There Be Rock“ hieß und von AC/DC war, ist ein albtraumatisches Meeting mit Dylan und Young, als würde man geteert, gefedert und gevierteilt werden.

veröffentlicht am 31.05.2011 um 14:33 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Immer mal wieder geistern die beiden Nachtgespenster in meinen Traumlandschaften umher. Ich rief sie nicht, werde sie aber nicht los. Am Morgen danach höre ich nie Radio, sondern lege „Back in Black“ auf. Dann ist alles gut. Das ist wie eine Kur nach schwerem Schlage. Denn Rock’n’Roll ist nichts Verwerfliches, „Rock’n’Roll Ain’t Noise Pollution“, nicht wahr?

Mann, was für ein grandioses Werk, eines der bedeutendsten der Rockgeschichte. 22 Millionen Mal wurde „Back In Black“ allein in den USA verkauft, weltweit angeblich über 33 Millionen Mal. Damit zählt die Platte zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Dabei stand die LP, die am 21. Juli 1980 veröffentlicht wurde, unter keinem guten Stern. Bon Scott, Sänger seit Bandgründung im Jahre 1973, hatte sich eines Abends in der „Music Machine“, einem Club in Camden Town (London), totgesoffen. Er war nach dem Gelage mit seinem Kumpel Alisdair Kinnear am eigenen Erbrochenen erstickt.

Doch die Band war nicht tot, höchstens ein paar Wochen in Schockstarre. Schon zweieinhalb Monate nach Scotts Ableben präsentierten die rockenden Young-Brüder Malcolm und Angus Scotts Nachfolger Brian Johnson. Heute lässt sich sagen, dass es wohl keinen anderen Kerl gegeben hat, der diesen Job hätte übernehmen können. Johnson ist ’ne Rampensau, kreischt und krächzt mit donnerndem, tief grollendem Timbre wie vom Wahnsinn befallen.

Allein wie Johnson für AC/DC aktiviert wurde, ist eine eigene Show wert. In seiner automobilen Autobiographie „Rock auf der Überholspur“ schreibt er, dass ihn eine gewisse Olga von der Wolga im Auftrag der Band anrief und ihm mit russischem Akzent unter dem Mantel der Verschwiegenheit verriet, dass es „die Atze und die Detze“ seien, die ihn wollten. Johnson, vorher mit der Gruppe Geordie relativ erfolglos (Hit: „All Because Of You“) und deshalb zwischenzeitlich als Scheibendoktor für gecrashte Autos aktiv, reiste sofort zum Treffen nach London.

Schon seinen ersten Job für AC/DC machte der raue Kerl saugut. Das Album „Back In Black“ entstand in den Compass Point Studios in Nassau auf den Bahamas; es gibt durchaus schlechtere Arbeitsbedingungen… „Hells Bells“, „Shoot To Thrill“, „You Shook Me All Night Long“ – im April und Mai 1980 wurde Musikgeschichte geschrieben, die bis heute nachklingt wie ein Dauerdonnerwetter. All diese Titel spielt die Band auf ihren Konzerten, kraftvoller denn je. Dass Drummer Phil Rudd gerade 65 Jahre alt geworden ist, dass Johnson aus 64-jähriger Kehle röhrt, dass Angus Young auch mit 56 Jahren noch in die Schuluniform hüpft, um mit seiner E-Gitarre rücklings die fette Rosie hochleben zu lassen, das war damals nicht abzusehen. Aber die AC/DC-Karawane zieht immer weiter. Von 2008 bis 2010 gaben die Hardrocker 168 Konzerte in 29 Ländern vor mehr als fünf Millionen Zuschauern! Wenn hier von Hardrockern die Rede ist, dann aus gutem Grund, denn selbst in Musikzeitschriften wie „Rolling Stone“ ist stets von der erfolgreichsten Heavy-Metal-Band zu lesen. Alles Quatsch. AC/DC ist nie eine Heavy-Metal-Band gewesen, immer eine heavy Hardrock-Band, wo ein dicker Bass wie beim Blues noch spürbar ist. Let there be rock!

Die Wurzeln von AC/DC sind in Schottland zu finden, doch der Grundstein für die Gruppe wurde erst 1973 in Sydney gelegt. Die Familie Young war von Glasgow nach Down Under ausgewandert. Angus und Malcolm, damals noch jung wie der Tag um halb zehn, spielten mehr als passabel Gitarre. Musikalischen Rat holten sie sich bei ihrem älteren Bruder George, unter anderem Mitglied der Easybeats, deren größter Hit „Friday On My Mind“ war, der in den Achtzigern noch erfolgreich von Gary Moore auf seiner LP „Wild Frontiers“ verhardrockt wurde. Malcolm und der junge Angus, der – wie wir heute wissen – zu einem der weltbesten Rockgitarristen werden sollte, konzentrierten sich ganz auf AC/DC. Am Silvestertag 1973 rockte die Gruppe den Chequers Club in Sydney und war seitdem selbst nach dem Tod des ersten Sängers Bon Scott nicht zu stoppen.

AC/DC bedeutet Wechselstrom/Gleichstrom. Den Bandnamen hatten die Youngs(ters) auf einem ollen Staubsauger entdeckt. Jeder kleine unplugged-Virus wird damit im Keim erstickt. Könnte der Name einer Hardrockband perfekter sein?

Sechs Langspielplatten entstanden bis zum Tode von Bon Scott. Er sang gefährlich gut, nicht aus tiefer Kehle, eher kopflastig, aber kräftig. „Let There Be Rock“ (unter anderem mit den Knallern „Overdose“ und „Whole Lotta Rosie“) und „Highway To Hell“ glänzen aus dieser Zeit hervor. Dass „Back In Black“ mit neuem Sänger noch besser (und erfolgreicher) werden würde, wurmte keinen Scott-Fan, wunderte höchstens manchen. Aber es war ja ein Ritt auf der Rasierklinge, überhaupt einen zu finden, der gegen die übermächtig kreischende E-Gitarre eines Angus Young anzusingen imstande war. Näselndes, weichgespültes Fiderallala und theatralisches Zeugs schied von vornherein aus, zu wuchtiges Herumgestampfe eben auch. So viel Auswahl blieb also nicht, und Johnson war die perfekte Wahl.

Wie bei vielen Rockbands gehörten die achtziger Jahre nicht zu den Sternstunden der Gruppe. Sicher, „Dirty Deeds“ war noch passabel, und auch „Who Made Who“ ging los wie die Feuerwehr. Aber erst als die Single „Thunderstruck“ aus dem 1990er Album „The Razor’s Edge“ mit einem mächtigen Videoclip um den Globus gepoltert wurde, war die Band wieder dort, wo sie Anfang des Jahrzehnts war: ganz oben. Und ganz live: „Ich mag es, vor der Menge zu rocken und ihr die Köpfe wegzublasen“, wird Angus Young zitiert. Zahm sind andere, AC/DC nie. Schon Bon Scott ließ einst die Welt wissen: „Wir wollen nur die Wände zum Einstürzen bringen.“

Wände zum Einstürzen bringen, Köpfe wegblasen, ja, da wird man neugierig, so als Kerl. „Jens, komm, wir gehen zu AC/DC“, sagte ich also im Jahre 2000 zu meinem gleichnamigen Kumpel. Die doppelten Jensens machten sich auf den Weg. Preussag-Arena Hannover, Herbst 2001. Süßlich duftende Rauchwölkchen stiegen empor und die AC/DC-Rockheroen rüttelten an den Grundfesten der Riesenhalle. Die Gruppe hängte ihre Hits an die große Glocke über dem Bühnensteg. „Dong, Dong…“ Angus setzte ein Riff nach dem anderen, fulminant und filigran zugleich. Sechs Saiten fürs Halleluja der AC/DC-Jünger. Den Boxentürmen hatte das Tour-Management schon lange vorher die Hörner aufgesetzt, rot leuchtend. Angus stand wie immer in Schuluniform da, und wenn er nicht stand, dann lag er eben oder kniete oder sonstwiewas. Ob das lächerlich ist, steht nicht zur Debatte, weil er diese Klamotte seit jeher trägt und sich ihr im Laufe jedes Konzerts ohnehin mindestens zur Hälfte entledigt. Machte er neun Jahre später genauso, diesmal auf dem Expo-Gelände in Hannover. Den stampfenden „Rock’n’Roll Train“ genossen 80 000 Fans, viele davon Zug um Zug… Es war überfällig.

„Ich habe keine Ahnung, warum sich Angus so viel Zeit gelassen hat“, maulte 2008 Brian Johnson im Interview herum. Der war heiß und neun lange Jahre waren ihm viel zu viel Zeit zwischen dem „Stiff Upper Lip“-Album und der „Black Ice“-Scheibe. Als Autonarr hatte er zwischendrin Rennen gefahren und half auch seinem Kumpel Greg Billings und dessen Band, ein Album zu produzieren. Diese Hitze, dieses Feuer, das nach so vielen Jahren immer noch brennt bei Johnson, den Youngs, Phil Rudd und Bassist Cliff Williams, ist so gewaltig wie ein Flächenbrand. Auf dass die Flamme ewig brenne und der Highway ohne Umleitung in die Hölle führt.

Let there be sound,

and there was sound Let there be light,

and there was light

Let there be drums,

there was drums Let there be guitar,

there was guitar, ah… Let there be rock!

Um ihn dreht sich alles: Der mittlerweile 56-Jährige Angus Young – hier ein Bild von der „Stiuff Upper Lip“-Tour 2001 – tritt seit den siebziger Jahren in Schuluniform auf. Sein Gitarrenspiel ist exzellent: rockig-kraftvoll, aber nicht ohne Fingerspitzengefühl.

Fotos: Jens Rathmann



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