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Auf dem Dorf fühlen sie sich einfach sauwohl

Brökeln (phi). Das Haus auf dem Land, saftige Wiesen und goldgelbe Kornfelder direkt vor der Haustür – wovon viele „Städter“ romantisch verklärt träumen, das ist für einen Großteil der Menschen im Weserbergland alltäglich. Und während die meisten Familienväter ganz selbstverständlich zum Arbeitsplatz meist in die Kreisstädte pendeln, bleiben ihre Ehefrauen oft zuhause, um Haushalt und Kinder zu betreuen.

veröffentlicht am 07.10.2009 um 16:04 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 15:43 Uhr

dorf

Von Inken Philippi

Brökeln. Das Haus auf dem Land, saftige Wiesen und goldgelbe Kornfelder direkt vor der Haustür – wovon viele „Städter“ romantisch verklärt träumen, das ist für einen Großteil der Menschen im Weserbergland alltäglich. Und während die meisten Familienväter ganz selbstverständlich zum Arbeitsplatz meist in die Kreisstädte pendeln, bleiben ihre Ehefrauen oft zuhause, um Haushalt und Kinder zu betreuen.
 Karola Busse, Heidi Goes, Anette Ohm und Ilona Brenneke gehören zu diesen Frauen, die sich für das Landleben mit allen Konsequenzen entschieden haben. Die vier Frauen sind allesamt Mütter und Ehefrauen aus Brökeln, dem kleinen Ort auf halber Strecke von Bodenwerder zur Ottensteiner Hochebene. Knapp 170 Einwohner und keine Einkaufsmöglichkeit, kein Handy-Empfang und keine öffentliche Nahverkehrsanbindung in den Schulferien, dass sind die Rahmenbedingungen ihres Alltags.
 Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahre fehlen dort nahezu ganz, außer man leistet sich eine Tagesmutter. Drei der vier Frauen bezeichnen sich deshalb auch als „Nur-Hausfrau“ mit ihrem Ehemann als Hauptverdiener und wollen an dieser Stelle endlich mal deutlich erklären, warum sie nicht arbeiten: Bei einer Halbtagsstelle fressen die Kosten, die die Kinderbetreuung, Sprit und die Aufrechterhaltung eines „Plan-B“ für Notfälle bedeuten, den Verdienst nahezu komplett auf. Lediglich Heidi Goes, Mutter zweier Teenager, arbeitet als Kauffrau in einem Teilzeitjob. „Aber ich habe eine engagierte Oma, die sich um ihre Großenkel kümmert, sonst wäre das auch gar nicht möglich“, gibt die Brökelnerin unumwunden zu.
 Was also hält die Frauen bei diesen Umständen und der Abgeschiedenheit in ihrem Heimatdorf? Es ist allem voran die Tatsache, dass sie die im Allgemeinen als Einschränkung betrachteten Umstände für sich nicht als solche werten. Ganz im Gegenteil: „Ohne Handy lebt sich’s wunderbar ruhig“, findet Ilona Brenneke.
 Die gebürtige Brökelnerin ist Mutter dreier erwachsener Kinder und mit Leib und Seele Landwirtin. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie 365 Tage im Jahr den Hof außerhalb von Brökeln. Viehzucht und Feldarbeit fordern ganzjährigen Einsatz. Urlaub ist da rar. Ganze 14 Tage, natürlich nicht am Stück, verbrachte Ilona in den letzten neun Jahren fernab ihres Hofs. Trotzdem würde sie ihren Job nicht gegen ein Leben mit Büroalltag und geregelten Arbeitszeiten eintauschen. „Ich bin in diesem Haus schon aufgewachsen und kenne es nicht anders“, sagt die tatkräftige Landwirtin. Urlaub vermisse sie deswegen auch nicht.
 Urlaubsfreie Zeiten kennt auch Anette Ohm nur aus ihrer Kindheit. Die Mutter zweier Söhne im Alter von vier und eineinhalb Jahren wuchs auf dem Hof ihrer Eltern im Nachbardorf auf. „Ein landwirtschaftlicher Betrieb fordert die ganze Familie“, erklärt die junge Frau. Gerade zu arbeitsreichen Zeiten wie Ernte und Heueinfuhr sei man aufeinander angewiesen.
 Ihr Mann hat in einem Kfz-Betrieb heute geregelte Arbeitszeiten und Anette selbst betreut als Hausfrau die beiden Kinder. Die Bankkauffrau ist es gewohnt in der Abgeschiedenheit zu wohnen und empfindet die Ruhe als angenehm, im Gegensatz zu Karola Busse. Die gebürtige Hessisch-Oldendorferin und Mutter zweier Söhne im Alter von acht und elf Jahren ist ebenfalls Hausfrau und würde sich „manchmal schon etwas mehr Stadtnähe wünschen“.
 Sie hat sich über die Jahre mit dem Dorfleben arrangiert. Ihr Mann besaß bereits ein Haus in Brökeln, „sodass wir uns schließlich entschieden haben, hier zu wohnen“, erklärt die junge Ingenieurin und fügt lächelnd hinzu: „Außerdem ist mein Mann dem Dorf sehr verbunden, ich glaube nicht, dass ein Umzug für ihn infrage gekommen wäre.“ Zwar tut sie sich noch manchmal schwer mit der Abgeschiedenheit, dafür hat sie aber eine andere Tatsache zu schätzen gelernt: „Die Menschen verbindet hier eine Grundsolidarität. Man kann sich darauf verlassen, dass Nachbarn im Notfall weiterhelfen, zum Beispiel handwerklich bei dem Sturm ,Kyrill‘ oder aber auch in kleinen Dingen, mit Milch, Eiern, Butter oder Ähnlichem.“ Einsamkeit schweißt eben zusammen. Das allein ist aber nicht die Ursache des Gemeinschaftssinns. Man verbringt, da sind sich die Frauen einig, einfach mehr Zeit mit den Menschen am Ort, weil eben auch jeder jeden kennt und das Dorf überschaubar ist. Toleranz und Respekt sind hier grundlegende Voraussetzung für das tägliche Miteinander.
 Kleinere Reibereien gibt es trotzdem, zum Beispiel, wenn in der Pfingstnacht Blumentöpfe, Gartenmöbel und andere Dinge von ortskundigen Jugendlichen „ausgeliehen“ und in die Ortsmitte zur Abholung gestellt werden. Alles in allem sei der Umgang untereinander aber einfach herzlicher hier, finden die Brökelnerinnen. Man achte mehr aufeinander als die Menschen in Städten und sei sich damit letztlich näher.
 Tatsache ist, dass sich die Frauen bewusst dazu entschlossen haben, hier zu leben und nicht mit ihrer Entscheidung hadern. „Wir wussten, was uns erwartet“, stellt Anette Ohm realistisch fest. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie auf berufliche Karrieren vorerst verzichten müssen und betrachten es nicht als Nachteil, ihre kleinen Kinder selbst zu betreuen oder betreut zu haben. „Wir wollten das so“, halten sie noch einmal mit Nachdruck fest und machen dabei einen durchaus zufriedenen Eindruck. Über den Traum vom „Bauernhof auf dem Land“ können sie nur lächeln. „Gerade Leute aus der Großstadt wissen manchmal gar nicht, wovon sie da reden“, vermuten sie, was man von den vier Frauen aus Brökeln nicht behaupten kann. Zwar leben sie wohl im Landhaus-Traum, aber Träumerinnen sind sie nicht.

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