weather-image
15°
×

„Auf Dauer macht dieser Job kaputt“

Vor allem dem hohen Engagement der Pflegekräfte sei es in erster Linie zu verdanken, dass die Altenpflege in Deutschland noch nicht kollabiert ist. Merkwürdigerweise sagen das nicht einmal die so gelobten Pflegekräfte selbst, sondern zum Beispiel Ingo Peters, Heimleiter der Hamelner Scharnhorst-Residenz. Als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet es Peters zurzeit, dem Personal den Rücken zu stärken. Annette Fischer, Pflegedienstleiterin im Pflegeheim der Julius-Tönebön-Stiftung, stimmt Peters zu und ergänzt: „Mir liegt es besonders am Herzen, dass das Image des Berufes aufgewertet wird und die Pflegekräfte die Wertschätzung erfahren, die ihnen gebührt.“ „Am meisten macht mir in meinem Beruf der Umgang mit den Menschen Spaß“, sagt Pflegehelferin Luca Topalovic. Die 24-Jährige arbeitet in der Scharnhorst-Residenz und gibt zu: „Natürlich gibt es auch mal schlechte Tage, die sehr stressig sind, aber überwiegen die guten Tage.“

veröffentlicht am 03.03.2011 um 10:47 Uhr

Autor:

Michael Wyrwoll, Mitarbeiter der Heimaufsicht des Gesundheitsamtes im Landkreis Hameln-Pyrmont, kennt solche und ähnliche Aussagen aus seiner täglichen Arbeit und wundert sich nicht. „Nein, denn das ist ja die Wahrheit: Viele Pflegekräfte sind hochengagierte Menschen und fühlen sich nicht nur mit ihrem Beruf, sondern vor allem mit den Bewohnern der Einrichtungen verbunden.“ Dennoch sei das nur die eine Seite der Medaille. Jüngste Umfragen unter Pflegekräften haben gezeigt, dass nur die allerwenigsten von ihnen unter den momentanen Voraussetzungen in einer Senioreneinrichtung leben möchten. Dieses Bekenntnis aber auch öffentlich auszusprechen, wagen aber nur die wenigsten Pflegekräfte.

51 Einrichtungen mit insgesamt 2739 Plätzen werden im Landkreis vorgehalten – Tendenz steigend, wie Wyrwoll weiß: „In Kürze werden noch mindestens drei weitere Einrichtungen dazu kommen.“ Die durchschnittliche Belegung war im Jahr 2010 mit rund 85 Prozent alles andere als gut, denn in der Regel wird bei allen betriebswirtschaftlichen Kalkulationen in der Branche von einer Belegungsquote von 98 Prozent ausgegangen. „Natürlich gibt es einige Einrichtungen in der heimischen Region, die im letzten Jahr zu 100 Prozent belegt waren, aber eben auch solche, die knapp über 60 Prozent lagen.

Offensichtlich ist die Erweiterung der Kapazitäten dem Umstand geschuldet, dass Südniedersachsen als eine der am schnellsten alternden Region des Landes gilt, wie der Heimleiter des Hamelner Altenpflegeheims St. Monika, Michael Jungnitz, meint. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Experten ist er zudem der Meinung, dass es kaum möglich sein wird, mehr Geld ins System zu bekommen. „Natürlich ist es verständlich, dass angesichts der angespannten Situation in der Altenpflege der Wunsch nach mehr Geld wächst. Andererseits muss dabei aber berücksichtigt werden, dass eine solche finanzielle Aufstockung auch Inflation bedeutet.“ Die Mehrheit der in der Altenpflege tätigen Menschen aber wünscht sich eine solche Gehaltserhöhung. Zum Beispiel der Leiter der Berufsfachschule Altenpflege der Julius-Tönebön-Stiftung Frank Zander: „Allein wenn ich mir die Einstiegsgehälter der Pflegefachkräfte anschaue, dann muss da was passieren.“ Zwischen 1400 und 2000 Euro brutto verdiene eine Pflegefachkraft direkt nach der Ausbildung. „Hinzu kommt, dass viele Arbeitgeber nicht immer Vollzeitstellen anbieten, sondern Halbe- oder Dreiviertelstellen.“ Diese Maßnahme werde oftmals deswegen ergriffen, um möglichst flexibel auf Ausfallzeiten beim Personal reagieren zu können. Im Ergebnis aber führe eine reduzierte Stundenzahl auch zu reduziertem Entgelt.

3 Bilder
Carola Dudek (links) und Bettina Gehring mit Übungspuppe in der Emmerthaler Altenpflegeschule.

Zander ist seit 1997 Leiter einer der beiden im Landkreis befindlichen Berufsfachschulen und er bestätigt den Trend, der sich bei der Ausbildung landauf landab abzeichnet. „2005 haben sich hier bei uns noch 160 Bewerber vorgestellt, die den Beruf ergreifen wollten. 2007 waren es schon nur noch 75 und seit 2009 liegen wir bei rund 45 Bewerbern.“ Insgesamt stünden 35 Ausbildungsplätze zur Verfügung. „Pro Jahr brauchen wir zwischen 65 und 75 neue Pflegekräfte“, so Zander.

Ulrike Bäßler, Leiterin der Emmerthaler Altenpflegeschule: „Pro Jahr haben wir 25 Plätze zu vergeben, und aktuell gibt es auch noch ausreichend taugliche Bewerber.“ Und Zander fügt hinzu: „Ein Grund für den Rückgang der Bewerber ist im wirtschaftlichen Aufschwung zu sehen.“ Gerade wenn es in der Wirtschaft brumme, werden andere Berufsfelder für die jungen Menschen attraktiver. Wer nach der Attraktivität des Altenpflegeberufs fragt, erhält in vielen Fällen die Antwort: „Das ist ein krisensicherer Job.“ Tobias Stille, zurzeit im zweiten Lehrjahr zur Pflegefachkraft, sieht seine Zukunft jedoch trotz der guten Perspektiven nicht unbedingt in der Branche: „Die Arbeit macht sehr viel Spaß; vor allem der Dank der Bewohner gibt mir immer wieder das Gefühl, eine wichtige Arbeit zu machen.“ Später will er sich weiterqualifizieren und mittelfristig studieren. „Auf Dauer macht man sich in diesem Job kaputt“, gibt er zu. Hinten und vorne fehle es an Personal, so der 23-Jährige. Auch Bettina Gehring und Carola Dudek sind Auszubildende zur Pflegefachkraft und planen schon jetzt, sich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung weiter zu qualifizieren. Gehring ist 47 Jahre alt und hat Architektur studiert. Viele Jahre habe sie in dieser Branche gearbeitet, die mittlerweile aber „tot“ sei, wie sie meint. „Mein Vater hat in einem Altenheim gelebt. So habe ich einen Einblick in das Berufsbild bekommen.“ Die 24-jährige Dudek wollte als Kind Medizinerin werden. „Leider hat das mit der Schule dann nicht ganz so gut geklappt, aber wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, möchte ich mich auf jeden Fall weiterbilden und später im mittleren Management der Altenpflege arbeiten.“

Viel Arbeit, wenig Geld, Schicht- und Wochenenddienst, zu wenig Personal, Stress - all das sind Aussagen, die immer wieder mit der Altenpflege in Verbindung gebracht werden. Dudek und Gehring wiegeln ab: Natürlich gäbe es auch mal stressige Tage, aber man versuche schon, auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner einzugehen.

Bei der Heimaufsicht hat es im letzten Jahr hingegen einen deutlichen Anstieg der Beschwerden gegeben. Waren es 2009 noch 54 Beschwerden, so waren es im letzten Jahr gleich 74. „Die Beschwerden kommen aber nicht nur von Angehörigen und Insidern, sondern auch von Passanten, Nachbarn und Dritten“, berichtet Wyrwoll. Er ist überzeugt: „Es muss mehr Geld in das System Altenpflege. Allerdings reicht eine finanzielle Aufstockung bei Weitem nicht aus, um den Anforderungen der nächsten Jahre gerecht zu werden.“ Viel wichtiger seien beispielsweise intelligente Personalkonzepte. Pflegefachkräfte beispielsweise müssten häufig Aufgaben wahrnehmen, für die sie überqualifiziert seien.

Und dann ist da noch die Diskussion über die Schreibarbeit in der Pflege: „Selbstverständlich muss in der Altenpflege dokumentiert werden, aber einmal reicht, denn hin und wieder kommt es beispielsweise zu Doppeldokumentationen, die nicht nur Zeit kosten, sondern auch Unübersichtlichkeit schaffen.“ Beharrlich berät Wyrwoll die Einrichtungen die Dokumentation effektiver zu gestalten: „Einige Einrichtungen haben bereits erste Schritte unternommen, aber hier stehen wir noch ganz am Anfang.“

Die Geschwindigkeit, mit der sich das Bild der Gesellschaft verändert, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, und sie wird sich dem Vernehmen nach noch steigern. Die Versorgung und Betreuung alter Menschen sei, so die heimischen Experten, nicht nur eine Herausforderung für kommende Generationen, sondern bereits für die aktuelle. Das Wissen allein, dass Altenpfleger in der Regel hochengagierte Menschen mit großem Herz sind, werde dauerhaft nicht reichen, um ein würdevolles Leben für Menschen in Senioreneinrichtungen zu gewährleisten. Dies komme, so ein Heimleiter, einer sozialen Ausbeutung der Pflegekräfte gleich. Aber auch die Familien und Angehörige von Pflegebedürftigen müssten zusätzlich in die soziale Verantwortung genommen werden. Wyrwoll: „Natürlich kostet die Unterbringung eines Pflegebedürftigen Geld, aber neben einer qualitativ hochwertigen Pflege, die ohne Zweifel ihren Preis hat, braucht ein Pflegebedürftiger am Ende seines Lebens gleichfalls Geborgenheit und eine Verbindung zu seinem bisherigen sozialen Umfeld.“ Beispielsweise wäre es zu überdenken, Angehörige über vertragliche Verpflichtungen in die Betreuung des Pflegebedürftigen einzubeziehen.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in dieser Republik über den drohenden Notstand in der Altenpflege berichtet wird. Ganz aktuell geht es um den Nachwuchs in der Branche – der nämlich wird knapp, so die Fachleute. Dabei können selbst die düstersten Prognosen für die Jahre 2020 und 2050 nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bereits jetzt mächtig im Gebälk der Altenpflege knirscht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt