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"Zehn Tiere am Tag - mehr ist nicht drin": Gebissuntersuchungen mit vollem Körpereinsatz

Auch Pferde müssen mal zum Zahnarzt

Röhrkasten. Langsam werden die Augen des eben noch so aufgeregten Pferdes "Shadow" immer schwerer. Der Kopf sinkt nach unten, er scheint sich mit seinem mächtigen braunen Körper an seine Besitzerin zu lehnen. Die Betäubung wirkt, Shadow ist nun sediert. "Jetzt können wir anfangen", befindet "Pferdezahnarzt" Dr. Stephan Böttcher und gibt damit den Startschuss zur nachfolgenden Behandlung.

veröffentlicht am 15.11.2008 um 00:00 Uhr

Mit einer Raspel entfernt Dr. Stephan Böttcher die scharfen Kant

Autor:

Jessica Janson

"Eine Sedierung ist notwendig, wenn man Zahnuntersuchungen bei Pferden durchführt", erklärt Böttcher. Dabei wird das Pferd nicht in eine tiefe Narkose versetzt, sondern nur beruhigt. Es bleibt während der Behandlung stehen und ist schon nach einer Stunde wieder putzmunter. "Ohne diese Beruhigung wäre die Arbeit für das Pferd und den Menschen zu gefährlich", fügt er hinzu und führt das Zahnendoskop in das Maul des Pferdes ein. Auf einem kleinen Bildschirm neben ihm ist das Gebiss des völlig entspannten Vierbeiners in vielfacher Vergrößerung zu sehen. "Eigentlich sieht alles gut aus", lautet das Urteil des Experten. "Nur an den Außenkanten müssen wir ein paar scharfe Ecken abraspeln." Während er die elektrische Zahnraspel zur Hand nimmt, erzählt Böttcher von seinem Weg zum Zahnarzt. "Jeder Tierarzt darf Zahnbehandlungen vornehmen", erläutert er. Es gebe jedoch Möglichkeiten, Zusatzqualifikationen zu erwerben. Auch er selbst hat an Fortbildungen in den USA und Deutschland teilgenommen und darf sich seitdem geprüftes Mitglied der "Internationalen Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne", kurz IGFP, nennen. Nachdem alle scharfen Kanten an den Zähnen entfernt sind und das Raspeln beendet ist, wird das Gebiss entfernt, mit dem das Maul des Tieres offen gehalten wurde. "Ein Pferd hat eine Tonne Beißkraft", verrät Böttcher. "Da ist so eine Maßnahme schon sinnvoll. Außerdem wäre es ein enormer Kraftaufwand, das Maul des Tieres die ganze Zeit mit bloßer Manneskraft zu öffnen. Zumal die Besitzer ja meistens Frauen sind." So auch bei Shadow. Besitzerin Melanie Huxhold, die ihr Pferd bereits seit mehreren Jahren auf dem Klippschloss untergestellt hat, steht die ganze Zeit neben ihrem Liebling, spricht beruhigend auf ihn ein und hält seinen Kopf in Position. "Einmal jährlich mache ich einen Termin zur Zahnkontrolle. Ich reite Shadow etwa 320 Tage im Jahr, da möchte ich, dass es ihm gut geht", begründet sie ihr Engagement. Und tatsächlich können Zahnprobleme zu gravierenden Behinderungen beim Reiten und natürlich auch bei der Nahrungsaufnahme führen. "Pferdezähne bilden oft Kanten, die sich dann in die Schleimhäute bohren", weiß Böttcher. Das führe dann dazu, dass das Pferd die Paraden, die es von seinem Reiter über das Gebiss empfängt, nur noch unter Schmerzen aufnehmen kann. Außerdem ist die Futterverwertung nicht mehr gewährleistet. Kraftaufwendig ist die Arbeit auch mit den Hilfsmitteln noch. Etwa 30 Minuten ist der Tierarzt mit Shadow beschäftigt. Er raspelt, feilt, und entfernt Zahnstein mit einer Zange. Die ganze Zeit mit vollem Körpereinsatz, auch wenn die meisten Geräte elektrisch funktionieren. Beinahe jeden Tag führt der Arzt aus Friedewalde bei Petershagen solche Untersuchungen durch. "Maximal schaffe ich zehn Pferde am Tag, mehr ist dann doch nicht drin", erzählt er, während die Geräte aus Shadows Box geräumt werden. Auch heute ist der Arbeitstag noch nicht vorbei. Obwohl es schon halb sechs und seit langem dunkel ist, warten noch drei Patienten auf eineÜberprüfung ihrer Zähne. Böttcher nimmt es mit Humor und erklärt weiter die Fragen der interessierten Besitzer, während er seine Utensilien für den nächsten Vierbeiner vorbereitet. Um 19 Uhr ertönt dann schließlich das letzte Mal für diesen Tag: "Der Nächste, bitte."



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