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In Hameln befand sich ein bedeutendes Bahnbetriebswerk mit über 500 Arbeitsplätzen

Auch Lokomotiven haben eine Heimat

VON KLAUS SCHUBERT

veröffentlicht am 09.06.2011 um 19:27 Uhr

Nachdem die seit 1849 verfolgten Ziele, Hameln mit einer Eisenbahn an die seit 1894 bestehende Hannoversche Südbahn im Leinetal anzuschließen, erfolglos geblieben waren, kam die Stadt dennoch dank ihrer günstigen geografischen Lage im Wesertal für eine Ost-West-Verbindung Vienenburg (Harz)-Löhne und eine Nord-Süd- Magistrale Hannover-Altenbeken infrage. Als früher Eisenbahn-Knotenpunkt wurde aus der bescheidenen Lokstation der Hannover-Altenbekener Eisenbahn (HAE) bald ein Eisenbahnbetriebswerk, abgekürzt: Bw.

Der zunehmende Verkehr nach der Inbetriebnahme der zweiten großen Strecke 1875 von Löhne über Hildesheim nach Vienenburg, der Löhner Bahn, und schließlich 1897 der Lager Bahn mit dem Lokbahnhof und Wasserturm in Lemgo, einer Außenstelle des Bw Hameln, hatten den Arbeitsumfang des Bw vergrößert. Die beiden Privatbahnen Voldagsen-Duingen-Delligsen (1897/1901) sowie Vorwohle-Emmerthal (1900) und die Staatsbahn Bad Münder-Bad Nenndorf-Haste (1905), deren Züge in Hameln begannen und endeten, hatten ein Übriges zur Bedeutung des Bw Hameln beigetragen. Im Jahre 1920 war dann der zweigleisige Ausbau der Hannover-Altenbekener Bahn und der Löhner Bahn – teilweise verzögert durch den Ersten Weltkrieg – abgeschlossen. Somit waren auch die Anforderungen an das Bw Hameln gestiegen.

Dampflokomotiven brauchen viel Wasser, etwa dreimal soviel Wasser wie Kohle. Und so sind die Wassertürme zum Kennzeichen der Bahnbetriebswerke geworden. Hameln hatte sogar zwei erhalten, denn 50 große Lokomotiven, vorwiegend Güterzugmaschinen, wollten gespeist werden. Und das musste schnell geschehen. Hohe Behälter und dicke Rohre waren dazu erforderlich. Bei heutigen Museumsfahrten mit Dampflokbetrieb ergeben sich lange Wartezeiten, wenn örtliche Feuerwehren das Wasser liefern müssen.

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Der erste Wasserturm am Hastenbecker Weg.

Der Einsatz von Dampflokomotiven ist mit umfangreichen Arbeiten verbunden: Bekohlen, Ausschlacken, Wassernehmen und Löscheziehen (Entfernen der Flugasche aus der Rauchkammer), Sandnehmen, Abschmieren und Ölen. Diese Tätigkeiten wurden anteilig von Lokführer, Heizer und vom Schuppenpersonal durchgeführt, besagte doch die Vorschrift, dass jede für den Einsatz vorgesehene Lokomotive betriebsbereit abgestellt werden soll. Und auch im Schuppen gönnte man ihr keine Ruhe, denn ein Schuppenheizer sorgte dafür, dass das Feuer nicht ausging. Für Elektro- und Diesellokomotiven ist heute die Abstellung im Freien üblich, wobei Dieselloks elektrisch vorgeheizt werden müssen. Kleinere Reparaturen wie undicht gewordene Rohrverbindungen wurden von heimischen Lokomotivschlossern vor Ort erledigt.

Von 1912 an wurden in Hameln Akkumulator-Triebwagen auf den Nebenbahnen - Lager Bahn und auf der Süntelbahn Bad Münder-Bad Nenndorf eingesetzt. Ihren Strom entnahmen sie mitgeführten Bleibatterien. Ihren Namen verdanken sie ihrem Signalhorn: Heulboje. Die Energie der Ladestation lieferte Wesertal. Ihre nicht so auffälligen Nachfolger, die Baureihe 515, wurden erst 1995 ausgemustert. Das billige Öl hatte ihnen den Garaus gemacht. Ein frühes Zeichen der Elektromobilität, wie sie bis heute auf der Straße nicht erreicht worden ist.

Geheizt wurden die älteren Triebwagen mit Brikettöfen, die neueren mit einer Ölheizung, denn eine elektrische Heizung hätte den Aktionsradius wegen des hohen Energieverbrauchs zu sehr eingeschränkt.

Seit der Elektrifizierung der Strecke Hannover-Altenbeken im Jahre 1971 fahren dort Elektrolokomotiven, beheimatet im Bw Seelze. Und als dann 1990 die City-Bahn, im Jahre 2000 gefolgt von der S-Bahn, die Personenzüge ablöste, wurden auch die Fahrleitungen in den zehn Ständen des Lokschuppens abgebaut. Beim Brand im Lokschuppen am 14. September 1995 kamen DB-Fahrzeuge nicht zu Schaden, denn dieser war bereits an den Verein des Westfälischen Eisenbahn- und Technikmuseums Paderborn vermietet worden.

Die vorgesehene Gründung eines Eisenbahnmuseums in Hameln kam nicht mehr zustande. Aber Ludger Guttwein, der Vorsitzende des Vereins aus Borchen bei Paderborn, gründete stattdessen das Eisenbahn & Technik MUSEUM RÜGEN am Bahnhof Prora auf Rügen.

Im Jahre 1946 wurde dem Bw ein Kraftfahrdienst angegliedert. Zunächst diente der ehemalige Militärschuppen neben dem Güterschuppen als Reparaturwerkstatt für die bahneigenen Omnibusse und die im Fernverkehr eingesetzten Lastwagen. Diese Betriebsstelle wurde 1959 auf das Gelände am Hastenbecker Weg verlegt. Die Anlage ist 1983 an den Regional-Verkehrsbetrieb Hannover verkauft worden. Mit der Einrichtung einer Bahnbuslinie von Hannover am 16. September 1949 und weiterer Linien nahmen die Aufgaben des Bw im Kraftverkehr zu, förderten allerdings infolge der Parallelführung zu Schienenstrecken die Verlagerung des Verkehrs von der Schiene auf die Straße.

Bei der Deutschen Reichsbahn waren 1937 im Jahresdurchschnitt 713 030 Mitarbeiter beschäftigt. Die DR war damals der bedeutendste Arbeitgeber in Deutschland. In den 1950er Jahren beschäftigte die Deutsche Bundesbahn rund 500 000 Menschen und betrieb noch 10.000 Dampflokomotiven. Im Bw Hameln waren 1960 540 Bedienstete tätig. Im Jahre 1982 war ihre Anzahl auf 215 in folgenden Berufsgruppen gesunken:

85 Lokomotivführer

55 Kraftfahrer 14 Handwerker

40 Betriebsarbeiter

6 Wagenmeister 15 sonstige Mitarbeiter

Von 1956 bis 1977 sind im Bw Hameln 108 Maschinenschlosser ausgebildet worden. 40 von ihnen sind im Dienst der DB geblieben. In anderen Dienststellen der DB waren in Hameln weitere 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Mit der Einführung des elektrischen Betriebs auf der Strecke Hannover-Altenbeken im Jahre 1971 und der Ablösung der Dampflokomotiven durch Diesellokomotiven und Triebwagen verlor das Bw Hameln an Bedeutung. Mit dem 26. September 1980 endete der Personenverkehr auf der Lager Bahn, und seit 1968 war die Süntelbahn nicht mehr auf ihrer Gesamtstrecke befahrbar.

Im Jahre 1982 wurde das Bw ebenso wie die Bahnbus-Verkehrsstelle aufgelöst.

Der Großaktionär der HAE, Henry Bethel Strousberg (1823-1884), hatte 1868 die Lokomotiv- und Maschinenfabrik des Georg Egestorf in Linden vor Hannover erworben und besonders den Lokomotivbau großzügig ausgebaut. Die Fabrik lieferte sämtliche 60 Lokomotiven der HAE, die nach einheitlichen Baugrundsätzen und Normen gefertigt wurden. Damals trugen die Lokomotiven Namen anstelle der später eingeführten Betriebsnummern. So waren die 14 Personenzuglokomotiven nach Flüssen wie Weser und Werra, die 22 für gemischte Züge nach Gebirgen und Bergen wie Deister und Ohrberg und die 24 Güterzuglokomotiven nach Städten und Ortschaften wie Hannover, Springe und Ringelheim benannt.

1881 ging die HAE in die preußische Staatsbahn über. In Hannover-Linden hat die HANOMAG bis zur Aufgabe der Lokomotivfertigung im Jahre 1931 10 565 Lokomotiven hergestellt.

Zahlreiche Wohnbezirke wurden von der Eisenbahn geprägt. So wohnten in Rohrsen und in Afferde, dort im Langen Feld und in der Kolonie, zahlreiche Eisenbahnerfamilien. In der Chronik von Afferde wird dieser Ort als „Eisenbahner-Dorf“ bezeichnet.

In der Nähe des ehemaligen zweiten Wasserturms sind es die Straßennamen Am Wasserturm, Am Güterbahnhof und Friedrich-List-Straße, bis 1986 Julius-Dorpmüller-Straße, die auf den Ursprung durch die Eisenbahn hinweisen.

Lokomotive 44 379 auf der Drehscheibe vor der Lokleitung.



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