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Geschichte des VfL Hameln von 1849 e.V. / Förderung der körperlichen und geistigen Ausbildung

Auch Hameln soll eine Turnanstalt haben

Soll nicht auch Hameln eine Turnanstalt haben?“, so beginnt Senior Georg Ferdinand Schläger einen Aufruf in den von ihm herausgegebenen ›Hamelnschen Anzeigen‹ im Frühjahr 1849. Er setzt fort: „Wie wir schon seit Jahren den Wunsch ausgesprochen haben, dass man auch hier möge eine Turn-Anstalt gründen, weil der Segen groß ist, den sie für die geistige und sittliche Bildung der Jugend bringt: so schmerzt es uns, dass wir bis auf diesen Augenblick hinter den vielen Städten, welche eine solche Schule errichteten, zurückbleiben. - Und doch ist die Sache nicht schwierig. Denn einen passenden Platz würde die Stadt gewiss bald ausfindig machen, den die Behörde für diesen Zweck unentgeltlich ohne Zweifel einräumt, wie dies in Hannover, Celle, Northeim, Hildesheim u.s.w. geschehen ist, und die Kosten der Einrichtung dürfte das wohlwollende Publikum gern erleichtern, von welchen den Rest der zusammengetretene Verein nach und nach abtragen könnte. Unter den jungen Männern gibt es gewiss schon Einige, welche den ersten Unterricht zu erteilen imstande sind. Das Turnerfest in Hannover hat uns auf´s Neue den Wunsch erweckt, dass auch Hameln einmal ein ähnliches Fest feiern möge. - Also, Ihr jungen Männer und Jünglinge, greifet ernst das Werk an, und es wird ein uns fehlendes, zeitgemäßes Institut auch bei uns in´s Leben treten! Dr. Schläger“.

veröffentlicht am 10.07.2009 um 23:00 Uhr

Die MTV Gründungsstätte in der Bäckerstraße 12

Autor:

Udo Wolten

Am 19. Juli 1849 - also vor 160 Jahren - ist es bereits soweit, dass der Männer-Turnverein gegründet werden kann - im Gebäude der heutigen Löwen-Apotheke, Bäckerstraße 12. Als Vorsitzender des einstweiligen Vereinsvorstands fungiert der Student Eduard Schläger, Dr. Schlägers Sohn.

Eine Turnordnung wird verfasst, in der wir lesen: § 1 Der Turnwart hat auf dem Turnplatze, sowie auf Turnfahrten die oberste Leitung und entscheidende Stimmen. § 2 Der Turnwart hat das Recht zu verlangen, dass ihm ein Turnwart-Obmann zur Seite gestellt wird, der ihm bei seinen Geschäften unterstützt.

Der Verein hatte keine politischen Bestrebungen

In einer Erklärung von 1850 über „Wollen und Ziele“ schreibt der Vorstand: „Der hiesige Verein hat sich nun … dem erstgenannten deutschen Turnerbunde angeschlossen. Unser Verein steht also politischen Bestrebungen und Tendenzen gänzlich fern; er verfolgt lediglich den Zweck, durch turnerische Bestrebungen seine Mitglieder in ihrer körperlichen und geistigen Ausbildung zu fördern. … hoffen wir, dass alle Turner und Turnfreunde in hiesiger Stadt zur Förderung der gedachten Zwecke unsers Vereins sich als ordentliches oder außerordentliches Mitglied anschließen werden.“

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VfL 1. Damenabteilung 1905
  • VfL 1. Damenabteilung 1905

Auch der Hamelner Turnverein sieht sich schon früh – wie andere Turnbewegungen in verschiedenen Städten – dem Vorwurf ausgesetzt, er wolle politische Arbeit treiben und sich in Staatsangelegenheiten einmischen wie die Studentenbewegung jener Zeit.

Am 6. August 1861 schreibt die Königlich Hannoversche Landdrostei: „Wir wünschen zu vernehmen, ob in dem Personal der Vorstandsmitglieder des Turnvereins seit der Berichterstattung vom 18. Nov. v[origen] J[ahres] Änderungen eingetreten sind. Daneben sind diejenigen Vorstandsmitglieder zu bezeichnen, welche sich in politischer Beziehung bemerklich gemerkt haben.“

Nicht der Ruf nach dem Staat, sondern nach eigenem Einsatz und eigener Verantwortung prägt die Pionierarbeit des Männer-Turnvereins. Dr. Schläger - inzwischen zum Ehrenmitglied des MTV ernannt - veröffentlicht im Oktober 1952 folgenden Aufruf: „Turnverein betreffend. Der hiesige Turnverein ist, in Beziehung auf seine Gerätschaften, gegenwärtig in einem so vollkommenen Zustande, dass ihm wahrlich nichts zu wünschen übrig bleibt. Aber woran es leider seit langer Zeit gefehlt hat und immer wieder zu fehlen scheint, das sind die Turner selbst, d. h. solche, welche speziell an diesem so nützlichen Institute mit voller Energie Teil nehmen. Wohl sind hinreichend Mitglieder in diesem Vereine, aber man komme nur an den regelmäßigen Turn-Abenden zum Turnplatze, und man wird sich wundern, dass höchstens sechs, ja meistenteils noch weniger Turner da sind. Worin mag diese Erscheinung ihren eigentlichen Grund haben? Sollte es nicht möglich sein, dass die früher so eifrigen Turner Ahlborn, Wittenberg, Eickemeyer etc. diese Sache wieder zu einem kräftigeren Emporschwunge brächten?“ Was allerdings fehlt, ist eine geeignete Turnhalle. In den Hamelnschen Anzeigen finden wir dazu am 12. April 1863 einen bemerkenswerten Artikel: „Bekommen wir eine Turnhalle? Motto: Das Beste ist der größte Feind des Guten. Bereits seit dem Jahre 1851 hat der hiesige Männer-Turnverein wiederholt und unter Darlegung der dafür sprechenden Gründe um den Bau einer Turnhalle nachgesucht. Anfangs war wenig Aussicht auf Erfüllung dieses Wunsches vorhanden; wie aber das Gute in der Regel sich erst allmälig Bahn bricht, so steigerten sich auch die Aussichten, nachdem der Werth und die Bedeutung des Turnens hinsichtlich der körperlichen, geistigen und sittlichen Entwickelung in Betreff der jungen Männer und insbesondere der heranwachsenden Jugend in den letzten 5 bis 6 Jahren im ganzen zugenommen hat…“

Der MTV bekommt die Zusage des Magistrats, in der Bäckerstraße die Turnstunden anzubieten. Das Klütberg-Wett-Turnen wird Anfang des Jahrhunderts eingeführt (1934 zum 32. Mal wiederholt!). Das Feiern gehört schon in den frühen Jahren zum Bestand des Vereinslebens. Die Chronik des MTV weist ein großes Fest an drei Tagen im Juni 1861 aus. Am Wochenende 26.-28. Juni 1886 gibt es ein Turnfest, und natürlich wird das 50-jährige Bestehen vom 21. bis 23. Mai 1899 gebührend gefeiert: „Pfingstsonntag: Abends 8 ½ Uhr Kommers im Saal des Hotels Monopol; Pfingstmontag: Morgens 9 Uhr Gemeinschaftlicher Spaziergang über den Klüt, Morgens 11 Uhr Frühschoppen-Concert im Börsengarten (W. Holländer), Mittags 1 Uhr Festessen daselbst à Gedeck 1,50 M ohne Weinzwang, Nachmittags 4 Uhr Schauturnen im großen Saale des Hotels Monopol…“

„Damenabteilung“ wird eingerichtet

Vorwiegend jüngere Mitglieder des MTV (anfangs 19) hatten sich am 19. Januar 1900 im „Turner-Bund“ (TB) zusammengeschlossen; nicht zu verwechseln mit dem Turn-Club von 1880! Für die weibliche Bevölkerung wird erst ab 1905 eine „Damenabteilung“ eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt bestand der Turner-Bund Hameln bereits fünf Jahre. 1908 verzeichnet die Chronik die Gründung eines Frauenturnvereins, der seine Übungsstunden in der Turnhalle des Gymnasiums durchführen konnte.

Nach der Auflösung aller Turn- und Sportvereine durch die amerikanische Besatzungsmacht im April 1945 kommt es acht Monate später zu einer Fusion des MTV mit dem TB. Der Frauenturnverein hatte sich bereits im Jahre 1939 dem MTV angeschlossen. Am 28. Dezember 1945 tritt der „Verein für Leibesübungen“ – bald mit dem Zusatz „von 1849“ – in die Fußstapfen aller drei Vereine, sieht sich aber vor allem als Nachfolger des Ursprungsvereins MTV.

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