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Gastspiel in Vehlen: Eva-Maria Admiral hält Zwiesprache mit Paulus

Apostel stellt sich den Fragen aus dem dritten Jahrtausend

Vehlen. Direktkontakt mit dem Apostel Paulus, am besten per heißen Draht, E-Mail oder eben auch schriftlich - das mag eine gar nicht so seltene Wunschvorstellung sein. Schließlich geht es in der Welt und im Leben vieler Menschen keineswegs so gerecht und glücklich zu, wie es für sie wünschenswert wäre. Und es gibt äußerst viele Entscheidungen, die fürden Einzelnen schwer nachvollziehbar sind, was die Schauspielerin Eva-Maria Admiral zu der Äußerung veranlasst: "Lieber Paulus, ich hab' da mal eine Frage..."

veröffentlicht am 09.10.2006 um 00:00 Uhr

Eva-Maria Admiral mit ihrem Hund, der in einer Szene geduldig mi

Autor:

Siegfried Klein

Das langjährige Mitglied des Wiener Burgtheaterensembles schlüpfte beim Gastspiel in der Vehlener Kirche gleich in die Rolle mehrerer Frauen, die den gestrengen Apostel mit ganz unterschiedlichen Problemen konfrontierten. Dass sich in diesem Einpersonenstück Frauen, die sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs befinden, ausgerechnet an den als frauenfeindlich eingestuften Propheten wenden, erhöht sicherlich den Reiz der Dialoge. Da ist zunächst die schwer erziehbare Sandra, deren Mutter im Gefängnis sitzt und die deshalb im Heim lebt, weil die Pflegeeltern sie nicht mehr weiter aufnehmen wollten. Sie raucht, flucht und beklagt zunächst schriftlich ihre Situation, bis sie Paulus sogar per Fernruf erreicht. Der empfiehlt ihr, das störrische Wesen und alle Stacheln abzulegen und diesen Schritt aus eigener Kraft zu schaffen. Daraus würde ihre große Chance für ein anderes, zugleich besseres Leben bestehen. Eine wirtschaftlich unabhängige Werbe-Managerin zeigt sich ebenfalls keineswegs zufrieden mit ihrem Dasein. Sie lebt die meiste Zeit aus dem Koffer. Erfolg macht häufig einsam - diese Erfahrung musste die Akademikerin machen. Ganz andere Wünsche hat dagegen die total gestresste Hausfrau und Mutter von drei Kindern in einer Familie, in der nichts funktioniert. Sie hat Angst, bei ihren Aufgaben zu versagen. Die Reihe der Frauen, die mit sich und der Welt nicht zufrieden sind, setzt sich mit einer Journalistin fort, die politische Wissenschaften studiert hat. Sie sieht in der Religion lediglich "Opium für das Volk". Paulus versucht, diese Auffassung zu entkräften, und empfiehlt unter anderem: "Schreiben Sie in einer Sprache, mit der sie auch die jüngeren Gemeindemitglieder erreichen, unabhängig von deren Stande." Eine Jungfer kritisiert die nachlassende Moral der Jugend und ihre uniforme sowie zunehmend weniger schickliche Kleidung. Zu Wort kommt auch eine Lehrerin mit Alkoholproblemen. Alle diese Personen erhalten von dem Apostel eine Antwort zu ihren Fragen. Dabei zeigt sich Paulus erstaunlich weltoffen, gut informiert und keineswegs auf dem Wissenstand der Zeit vor 2000 Jahren. Sein Rat gipfelte in der Feststellung: "Jeder soll der Mensch sein, den er sein möchte; Gott kennt alle Dinge, die dem Einzelnen Angst machen. Bittet ihm, dass er Euch hilft, denn nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen." Eva-Maria Admiral kommt das Verdienst zu, auf verblüffend überzeugende Weise in die Rolle der so sehr verschiedenen Frauentypen geschlüpft zu sein. Und das alles in einem frappierenden Tempo, als müsse sie dafür nur kurz einen Schalter umstellen. Das dafür benötigte mehr oder minder modische Beiwerk lag in einem Koffer griffbereit. Die Zuhörer im Gotteshaus dankten ihr diese Leistung mit anhaltendem Beifall und fanden es schade, dass sie sich sofort danach auf dem Weg nach Wien machen musste. So mancher Besucher hätte ihr sicherlich gern gesagt: Ich hätte da auch mal eine Frage..."

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