weather-image
16°
Inkontinenzversorgung wird umgestellt

AOK zieht die Notbremse im Windelstreit

Landkreis (tes). Die AOK Niedersachsen hat auf den geballten Protest (wir berichteten) reagiert und die Versorgung mit Inkontinenzartikeln für Versicherte mit Blasenschwäche auf eine neue Basis gestellt. Pflegeverantwortliche in Schaumburg reagieren aber nur verhalten optimistisch auf diese Zusage - im Spagat zwischen Sparzwang und der bestmöglichen Versorgung der Patienten.

veröffentlicht am 15.11.2008 um 00:00 Uhr

In einer Presseinformation hat die AOK Fehler eingeräumt: "Wir bedauern außerordentlich, dass sich im Zuge der landesweiten Ausschreibung zum Teil gravierende Probleme gezeigt haben", erklärte Vorstand Jürgen Peter. Die Konsequenzen: Pflegeheime erhalten rückwirkend ab 1. Oktober für jeden inkontinenten Bewohner eine zusätzliche monatliche Vergütung für erhöhten Aufwand. Zugleich habe die AOK bei Lieferanten darauf hingewirkt, dass bei der Versorgung der Versicherten die Lieferverträge verstärkt beachtet werden. Das bezieht sich insbesondereauf die erforderliche Qualität und die Versorgungsabläufe. "So wird sichergestellt, dass sich die Versorgung sowohl in Heimen als auch Zuhause in Kürze deutlich verbessert", verspricht Klaus Altmann, Pressesprecher der AOK Niedersachsen. "Das ist gut zu sehen, was erreicht werden kann, je mehr rebelliert wird", meint Schwester Helga Drinkuth vom Evangelischen Pflegedienst Eilsen. Dennoch sorge sie sich um weniger betuchte Patienten. "Viele müssen für eine optimale Qualität jetzt monatlich mehr als 70 Euro zuzahlen." "Der Gedanke der AOK ist richtig, aber die Ausführung mangelhaft", kritisiert Margot Lucke die fehlende Beratung, besonders für die große Mehrzahl der Betroffenen, die nicht in Heimen oder von Pflegediensten versorgtwerden. "Die stapeln Windelpakete in ihrer Wohnung und können sich ohne Lobby nicht wehren." Über dieses ungelöste Problem klagten auch die Apotheken. Im Rosenhof Stadthagen will Geschäftsführerin Edith Seddig die für 27 Monate zugesagte Übergangspauschale von 11 Euro pro AOK-Versichertem in Hilfen für den Umgang mit dem Material investieren. Knackpunkt der chaotischen Zustände sei, dass es der Ausschreibungsgewinner nicht geschafft habe, bedarfsgerecht und bewohnerbezogenzu liefern. Weder Logistik noch Qualität stimmten. In vielen Bundesländern habe die AOK auf den Weg der Ausschreibung verzichtet, betont Seddig. "Im Gesetz war das nur für 2008 eine Soll-, ab 2009 ist es eine Kann-Bestimmung." Heimleiter Armin Brosch vom Herminenhof Bückeburg begrüßt die Zusage der AOK, die Umsetzung der Lieferverträge verstärkt zu beachten. "Viel Arbeit und der Ärger von Angehörigen sind auf uns verlagert worden; die Mitarbeiter von Medi Markt lassen sich hier nicht sehen." Den Betroffenen sei nur die Wahl geblieben: Zuzahlung oder schlechtere Qualität, moniert Brosch. "Wir müssen die Folgen ausbaden und geraten an unsere Grenzen, weil wir keine Rechtsbeziehung zum Lieferanten haben." Auch Marion Klimek, Heimleiterin der Lindenpark-Residenz in Bad Nenndorf, hofft dass die AOK die Versprechen durchsetzt. Noch seien die Zusagen zuunkonkret. Margot Lucke, die über jahrelange Erfahrung als Oberaufsicht der Pflegedienste in Schaumburg sowie als Gutachterin im medizinischen Dienst verfügt, will abwarten, ob sich die Neuregelung bewährt. "Sonst ist das der größte Skandal aller Zeiten."

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare