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Wenn Rock Richtung Klassik geht

An-Streicher für die Songs der harten Jungs…

Neu ist die Idee nicht, das muss man ganz klar formulieren. Rockmusiker haben schon immer auch die Nähe zur Klassik gesucht, manchmal sogar, ohne dass es ihre Anhängerschar gemerkt hat oder merken wollte. Stings „Englishman in New York“ aus dem 1988er Album „Nothing like the sun“ gilt bis heute höchstens als ungewöhnlich klassisch geprägter Popsong, aber dass ihn einer gänzlich dem klassischen Genre zuschreiben würde, hört man sehr selten. Man müsste als Rockpop-Fan ja zugeben, über den Tellerrand hinausgehört zu haben… Schwierig, schwierig.

veröffentlicht am 04.11.2010 um 17:48 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Jens Meyer

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Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Nun sind gottlob die Grenzen mittlerweile so fließend geworden, dass selbst hartgesottene Metallica-Fans ein paar Streicher-Einheiten, die wie ein Peeling für die raue Schale von „Nothing else matters“ und anderen Songs wirken, gar nicht mal übel finden. Was soll man auch tun, wenn die knallharten Rocker feinen Zwirn anstatt Lederjacke tragen und urplötzlich mit dem San Francisco Symphony Orchestra auf Tournee gehen, um daraufhin dann auch noch ein Doppelalbum zu veröffentlichen? Weghören? Och nö…

Sting-Fans, und da schließt sich der Kreis zum Beginn dieser Geschichte, haben das mit dem Weghören gar nicht erst versucht. Jetzt setzt der 59-Jährige, der mit der Supergruppe Police immerhin ziemlich punkrockige Zeiten erlebt hat, ein reines Klassik-Album heraus. „Symphonicities“ heißt es und es enthält Hits von Police und Stings Soloalben in einem klassischen, kontrastreichen Outfit. „Roxanne“, „We work the black seam“, „Every little thing she does is magic“ – statt Rockband weiß der Brite mit der Kreidestimme unter anderem das Royal Philharmonic Concert Orchestra oder auch The New York Chamber Consort als Klangkörper hinter sich. Und man höre und staune: „Englishman in New York“ hat sich im Vergleich zum Original gar nicht so vehement verändern lassen!

Nächster Kandidat auf der Liste ist Paul Carrack. Paul wer? Viele Menschen kennen mehr seine Stimme als seinen Namen. Dabei gehört Carrack zu den fleißigsten im Popbusiness überhaupt. Als Sänger für Ace, Squeeze und Mike & The Mechanics, als Songschreiber unter anderem für die Eagles und Roxy Music, als Multiinstrumentalist für Eric Clapton, Elton John und und und. Mal ganz von seinen mehr als ein Dutzend umfassenden Soloalben abgesehen. Das Neueste, da schau her, ist unter anderem in den legendären Abbey Road Studios zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra eingespielt worden, alles sinnlich und -voll arrangiert von David Cullen und produziert von seinem alten Kumpel Peter van Hooke. „A different hat“ heißt das Werk nicht nur, weil Carrack die Mütze gegen einen Trilby eingetauscht hat. „A different hat“ ist vielmehr ein Projekt in krassem Gegensatz zu seinem bisherigen Schaffen.

Vor fünfzehn Jahren wäre Carrack nicht auf die Idee gekommen, so etwas zu tun, aber da gab es auch Mike und die Mechaniker noch, die sich regelmäßig in den Charts festbissen. Jetzt, 2010, erfahren, besonnen und easy going, wagte Carrack den Schritt ins Klassische, ohne Zweifel nicht mozartistisch, sondern zuweilen der hochwertigen Unterhaltungsmusik zuordnend, doch großartig. Dass seine kristallklare Stimme perfekt ins Bild passt, ist ein Vorteil.

„Es ist ein anderer Ansatz. Wir wollten wieder etwas ganz anderes machen.“ Das sagt Peter Maffay. Seine Band, bestückt mit Ikonen der deutschen Rockmusik wie Carl Carlton (Gitarre), Bertram Engel (Drums) und Jean-Jaques Kravetz (Piano, Keyboards), hat sich für die gerade laufende Tournee mit dem Philharmonic Volkswagen Orchestra fette Verstärkung geholt. „Du“, „Und es war Sommer“, „Sonne in der Nacht“ und andere Songs in ungewöhnlichem Gewande, allerdings nicht rein klassisch, sondern wohldosiert durchgesetzt mit klassischen Elementen und in anderen Arrangements. Wieder: Streicher-Einheiten, Bläsersätze, Violinenvariablen. Mutig, doch wer nach 40 Jahren Schlager, Rock und Pop, Weltmusik und Tabaluga-Märchen immer noch am Start ist, der wagt eben mehr als andere – und gewinnt damit dann auch die Herzen seiner und neuer Fans. Die auf zunächst 25 Konzerte geplante Tournee in den größten Hallen Deutschlands – so ein Orchester passt eben in keinen kleinen Club hinein – ist um Zusatztermine im nächsten Jahr erweitert worden, unter anderem auch in der TUI-Arena in Hannover.

Es ist also kein „No Go“ mehr, als Rockmusiker den Weg Richtung Klassik einzuschlagen, schon gar nicht, wenn man den Weg auch wieder zurück findet zu seinen eigenen Wurzeln.

Peter Maffay TATTOOS (Sony)

Am 27. Januar 2010 präsentierten Peter Maffay, seine Band und das Philharmonic Volkswagen in einer Weltpremiere die Tattoo-Hits aus 40 Maffay-Jahren im neuen Gewand im Berliner Tempodrom. Dieser besondere Moment ist nun auf der Premium Edition „Tattoos – Live“ festgehalten. Auf der ersten CD sind neben den Songs der Original-CD „Tattoos“ drei Bonustracks im Orchester-Sound zu hören: „Tiefer“, „Halt Dich an mir fest“ und „Steppenwolf“. Nicht alle Versionen von Peter Maffays großen Hits sind durch die klassischen Elemente auch wahrhaftig besser geworden – aber anders. Anspieltipp: „Sonne in der Nacht“

Peter Gabriel SCRATCH MY BACK (RealWorld)

„Scratch My Back“ wurde mit verschiedenen Chören und Orchestern eingespielt, wobei sich Gabriel beim Arrangieren seiner sehr persönlichen Versionen unter anderem von John Metcalfe (The Durutti Column) unterstützen ließ. Zum Schmunzeln ist der Titel, denn Gabriel dreht den Ausspruch „You scratch my back and I’ll scratch yours“ um, ist doch geplant, dass alle hier gecoverten Gruppen und Solokünstler sich nun mit Covern aus Gabriels Fundus revanchieren wollen. Die schwermütig und getragenen, manchmal dramatischen Lieder in Moll, in den die Streicher Trauer tragen, sind sehr eigenwillig – aber gelungen.

Sting

SYMPHONICITIES (Universal)

Sting hat hier ein Meisterstück abgeliefert, und er weiß, dass er möglicherweise daran den geringsten Anteil hat, denn vor allem das Royal Philharmonic Orchestra verleiht den Hits von Police und Sting eine neue, großartige Spannung. „Roxanne“ beginnt sehr ruhig und entwickelt sich schließlich furios. „I Hung My Head“ erreicht eine tiefere Intensität als die Rockversion. Unbestrittener Höhepunkt des Albums aber ist die hymnische Darbietung des Police-Klassikers „Every Little Thing She Does Is Magic“; man möchte tanzen, man möchte dirigieren, man möchte mitsingen. Als wenn ein Traum Flügel bekommt.

Scorpions MOMENTS OF GLO- RY live (Eagle)

Welch grandioses Ereignis: Scorpions-Sänger Klaus Meine schwärmt noch heute von dem unglaublichen Sound, den die Berliner Philharmoniker dem Hardrock der Hannoverschen Kultband aus Anlass der Expo-Weltausstellung 2000 in der Landeshauptstadt verliehen haben. Nach der normalen „Moments Of Glory“-CD wurde dann auch das Live-Konzert auf Tonträger gebannt und millionenfach verkauft. Eine Hymne jagt darauf die andere. Eine höchst gelungene Symbiose der verschiedenen Musikwelten. Anspieltipp: „Big City Nights“ – klingt noch kraftvoller als es ohnehin schon ist in der Rockversion.

Paul Carrack

A DIFFERENT HAT (Carrack)

Was auf Anhieb besonders auffällt, ist der für Paul Carrack ungewöhnlich erlesene Gesangsstil. Carrack nimmt sich zurück, lässt den Streichern Raum. Was dabei entsteht, ist eine unglaubliche Intimität, die dem Zuhörer nicht verborgen bleibt. Das Album wurde in den Air Studios und in den berühmten Abbey Road Studios aufgenommen. Die Songs wurden für das Royal Philharmonic Orchestra neu arrangiert. Paul Carrack sang dabei seine Parts live ein, und so wurde „A Different Hat“ – tatsächlich in nur vier (!) Sessions eingespielt – zu einem sehr lebendigen, aber ruhigen Album. Anspieltipp: „It ain‘t over“.

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