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Die grüne Politikerin privat

Anja Piel: „Ich habe gelernt zu sagen, ich will“

Fischbeck. Anja Piel stellt nicht so gerne Fragen. Jedenfalls nicht solche, die Kompetenzmängel und Wissenslücken offenbaren könnten. Sie gehört eher zu den Menschen, die sich Software- und Bedienungsanleitungen konsequent bis zur letzten Seite durchlesen und dann so lange rumfrickeln, bis sie es selbst hinbekommen. Fragen stellt sie lieber, wenn sie gut vorbereitet ist, das war schon immer so. Auch damals, auf der Klassenfahrt nach Würgassen, als sie sich für den Besuch des Kernkraftwerks (1994 stillgelegt) eine Liste mit Fragen geschrieben hatte.

veröffentlicht am 25.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.04.2010 um 11:46 Uhr

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Von Dorothee Balzereit

Fischbeck. Anja Piel stellt nicht so gerne Fragen. Jedenfalls nicht solche, die Kompetenzmängel und Wissenslücken offenbaren könnten. Sie gehört eher zu den Menschen, die sich Software- und Bedienungsanleitungen konsequent bis zur letzten Seite durchlesen und dann so lange rumfrickeln, bis sie es selbst hinbekommen. Fragen stellt sie lieber, wenn sie gut vorbereitet ist, das war schon immer so. Auch damals, auf der Klassenfahrt nach Würgassen, als sie sich für den Besuch des Kernkraftwerks (1994 stillgelegt) eine Liste mit Fragen geschrieben hatte. Wütend sei sie gewesen, sagt Anja Piel, aber schon rational genug, um zu wissen, dass Wut allein nicht ausreicht. Die damals 15-Jährige ist gut vorbereitet, sie stellt unbequeme Fragen zu technischen Problemen und Defekten und wird am Ende mit einem Rausschmiss belohnt. „Das weiß ich noch wie gestern“, sagt die frisch gewählte Landesvorsitzende der Grünen, für die der Ausstieg aus der Atomkraft auch 2010 noch eines der wichtigsten Ziele ist.

Die Abendsonne taucht Fischbeck in goldenes Licht, während Anja Piel erzählt. Idylle. Verliebt habe sie sich, als sie 2003 herzog, sagt die gebürtige Lübeckerin. In das Dorf, in die alte Stiftsschule, in der sie heute wohnt, den Stiftsgarten, über den sie für die Zeitung geschrieben hat und in das Stift selbst, in dem Frauen schon früh lernen durften. Die 44-Jährige ist gut gelaunt, energiegeladen läuft sie mit Windhund Fee und Higgins, einem englischen Jagdterrier, in Richtung Kiesteiche. Sie wirkt, als würde der Tag gerade erst beginnen und nicht, als hätte sie Stunden voller unbekannter Anforderungen am neuen Arbeitsplatz in Hannover hinter sich. Alles an ihr, der Haarschnitt, die Rede, die Bewegungen, vermitteln den Eindruck einer gespannten Feder, die nur darauf wartet, endlich loslegen zu dürfen.

„Fee habe ich von einer Tötungsstation in Irland“, erzählt sie, ein Ort, an dem die nicht tauglichen Rennhunde entsorgt werden. Die beiden Hunde sind die Einzigen in der Familie, die sich umstellen müssen. Statt täglich drei Stunden hat die Politikerin nun nur noch eine für sie übrig, den Rest besorgt die Hundesitterin. Ihre Kinder sind inzwischen groß, für Anja Piel war es der richtige Zeitpunkt, um durchzustarten.

Und was ist es für ein Gefühl, wenn man die Wahl zur Landesvorsitzenden gewonnen hat? „Ein gutes“, sagt Anja Piel. Das super Ergebnis habe ihr den Rücken gestärkt. In Fischbeck war der Bürgermeister der Erste, der gratuliert hat. Klar, auch die Nachbarn sprechen sie an, aber ansonsten sei es wie immer. Hier wissen die Leute, wie sie tickt. Draußen noch nicht alle. Denn die Unterstellung mancher Medien, dass sie Kontroversen scheue, hat Anja Piel schon geärgert. Denn sie streitet gerne, sagt sie, auf der Sachebene, auf dem Parteitag, eben da, wo es hingehört. Die Trennung von sachlich und persönlich ist ihr wichtig. Streitkultur, sagt die 44-Jährige, habe sie mit der Muttermilch aufgesogen. Debattieren gehörte im Elternhaus zum Alltag wie Zeitung lesen und die Tagesschau. Vor allem der Vater hat sie, ihre beiden Schwestern und den Bruder sozialpolitisch geprägt. „Such Dir nie einen Arbeitsplatz, wo es keinen Betriebsrat gibt“, rät der Vater ihr. Die Begeisterung der Tochter für die Grünen sei dem eingefleischten Sozialdemokraten dagegen suspekt gewesen. „Gehst Du schon wieder demonstrieren?“, und „über dich hat das BKA schon eine Akte“, hieß es oft. Heute wählen die Eltern rot-grün, „sie teilen sich mal so mal so auf“, sagt Anja Piel und lacht. Die rege Streitkultur des Elternhauses aber führt die Politikerin in Gesprächsrunden ihrer debattierfreudigen Partei fort, sie liebt das Detail und studiert vor der Wahl gern auch mal 1200 Änderungsanträge.

Gelernt hat Anja Piel nach der Schule Industriekauffrau, auch wenn sie damals lieber Journalismus studiert hätte, „aber dafür war das Geld bei vier Kindern zu knapp“, sagt sie schnörkellos. Heute ist sie froh, weil ihr die Ausbildung beim Begreifen von Haushalten helfe. „Ich hasse es, wenn Politikerinnen sagen, ich mache nur Familien und Soziales“. Anja Piel dagegen stürzt sich auf alle Themen. Mit viel Energie. Da verwischen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem oftmals. „Castor und Lichterkette, das würde ich sowieso machen“, sagt sie, „das ist mein Leben“. Mit der Energie zu haushalten, ist dagegen die einzige strikte Regel, die sie sich auferlegt hat. „Mich abzugrenzen und Verantwortung für mich zu übernehmen, das musste ich lernen“, sagt sie.

Und was musste sie noch lernen? „Das, was alle Frauen lernen müssen: Zu sagen, ich will, und nicht ich denke, ich meine, ich habe das Gefühl, dass…“ Auch die Rede-Regelung der Alphatiere hat Anja Piel begriffen: „Einfach zuerst melden und loslegen und nicht hinten anstellen“, ist ihr Tipp für andere Frauen. Geholfen auf ihrem Weg haben ihr in der Politik nach eigener Aussage Geradlinigkeit, Pragmatismus und vor allem Optimismus: „Für mich ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.“

Mit ihren Hunden Fee und Higgins hinaus in die Natur zu gehen bedeutet für Anja Piel Freude, Erdung und Entspannung.

Foto: doro



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