weather-image
10°
Vor Gericht: Kurzschlussreaktion - Rentner prügelt auf Sohn ein / Mitgefühl für Angeklagten

Angst um Enkel - Eisenstange saust nieder

Stadthagen (menz). Prügel mit einer Eisenstange sind der Tiefpunkt eines Familiendramas gewesen, das vor dem Amtsgericht Stadthagen zum Thema wurde. Ungewöhnlich: Bei Richter und Staatsanwalt erregte der Angeklagte auf Grund der Vorgeschichte der Tat mehr Mitgefühl als das Opfer. Verurteilt werden musste er dennoch.

veröffentlicht am 27.11.2007 um 00:00 Uhr

Alles Schlechte traut diese Mutter ihrem Sohn zu. Die Stadthägerin ist überzeugt: "Er würde sich auch den Finger abschneiden, wenn er jemandem damit schaden könnte." Formuliert hat die Frau ihr Urteil am Rande eines Strafprozesses vor dem Amtsgericht Stadthagen. Verhandelt wurde der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung. Angeklagt war der Ehemann der Frau. Dieser soll dem gemeinsamen Sohn eine Eisenstange über den Kopf geschlagen haben. Für die Rentnerin ist es ausgemachte Sache, dass sich der Sohn die dicke Beule am Kopf selbst zugefügt hat - aus Bosheit. Die Frau kann es am Ende kaum fassen, dass ihr Mann schuldig gesprochen wurde. Fürsie ist die Entscheidung ein glattes Fehlurteil. Es tröstete sie nicht, dass Strafrichter Kai-Oliver Stumpe in Übereinstimmung mit dem Staatsanwalt auf einen minderschweren Fall erkannte und mit vier Monaten Haft auf Bewährung milde geurteilt hat. Das Strafmaß liegt nur einen Monat über der Mindeststrafe. Der 43-jährige Sohn lag mit Schädel-Hirn-Trauma zwei Tage im Krankenhaus, doch Mitgefühl mit dem Opfer will sich nicht einstellen. Die Sympathie gilt dem Mann auf der Anklagebank. Im Gegensatz zu seinem Sohn erscheint er dem Richter als "ruhiger und besonnener Mensch". Trotzdem hat Stumpe am Ende der Beweisaufnahme keinen Zweifel, dass der 66-Jährige in einer "Kurzschlusshandlung" Ende August vergangenen Jahres den Sohn vor dem Wohnhaus in Stadthagen "mit einem stumpfen Gegenstand" geschlagen hat. Man könne dem Angeklagten "menschlich gesehen keinen Vorwurf machen", zeigte der Richter Verständnis angesichts der Familiengeschichte. Zu Feinden geworden sind sich Eltern und Sohnüber dem Streit um das Wohl des Enkels. Erbittert beschrieben die Rentner, wie schlecht ihr Sohn den Jungen behandelt habe und wie sehr der Enkel gelitten habe. Mit der Drohung, er werde das Kind zur Adoption freigeben, habe der Sohn ein Kontaktverbot verhängt. Heimlich musste sich der Junge zu den Großeltern schleichen, in deren Obhut der Halbwaise jahrelang aufgewachsen war. An einem unerlaubtem Besuch entzündete sich die Auseinandersetzung, die jetzt das Gericht beschäftigt hat. Der Höhepunkt des Familiendramas brachte für den Enkel eine Wende. Das Jugendamt wurde endlich aktiv, nachdem der Junge dort schon einige Mal Hilfe gesucht hatte. Noch am Abend des Streits wurde der Enkel in einer Jugendwohngruppe untergebracht. Den Kontakt zum Vater hat er abgebrochen. Der 43-Jährige konzentriert sich anscheinend auf seine neue Familie. Er habe allen Besitz verschenkt und wolle auch in Zukunft nichts mehr besitzen, verkündete er in der Verhandlung. Ihn treibt die Angst um, bei seinem Tod könne jemand aus der ursprünglichen Familie etwas erben. Sehr sympathisch hat sich der Mann wahrlich nicht präsentiert. An dessen Glaubwürdigkeit als Belastungszeuge hat Rechtsanwalt Dominic Grimm aber vergebens gerüttelt. Das Gericht hielt es für abwegig, dass sich der Sohn die Verletzung selber zugefügt haben könnte, um dem Vater zu schaden. Zu solch "eiskaltem Kalkül" hielt der Richter den aufbrausend wirkenden Mann nicht für fähig. Auf Grund von Zeugenaussagen war auch ausgeschlossen, dass der Sohn eine alte Verletzung vorgezeigt hatte. "Das ist nicht das Ende", versuchte der Verurteilte seine Frau zu beruhigen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt