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Zum 300-jährigen Jubiläum ihrer berühmtesten Firma dreht sich in der sächsischen Stadt alles um zerbrechliche Kunst

An Meißens Kirchturm erklingt ein Porzellanglockenspiel

Meißen. Auf dem noch unglasierten Stück zieht die Porzellanmalerin eine knapp einen Zentimeter lange gebogene Linie, eine zweite quert diese, dann kommen kurze Striche an den unteren Teil des Kreuzes. „Schwertern“ heißt dieser kürzeste Arbeitsgang bei der Herstellung des Meissener Porzellans. Aber gerade der adelt die Kostbarkeiten, die seit 1710 die Porzellanmanufaktur verlassen. Das 300-jährige Jubiläum wird ausgiebig gefeiert.

veröffentlicht am 02.04.2010 um 17:51 Uhr

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Am 23. Januar 1710 vermeldete die Hofkanzlei von Kurfürst August dem Starken in einem „allerhöchsten Dekret“ in lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache die Erfindung des europäischen Hartporzellans und die Gründung einer Porzellanmanufaktur. Warum gerade in Meißen? Der Grund ist simpel: Die Albrechtsburg stand leer, seitdem die Wettiner mit Sack und Pack nach Dresden umgezogen waren. Außerdem schien das technologische Geheimnis in der Burg auf einem

Felssporn hoch über der Elbe sicher, sicher vor Spionen – und vor dem Ausbrechen der Experten, denn eigentlich waren auch die wichtigsten Akteure nur Gefangene des porzellanverrückten August: der Alchimist und Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger mit seinen oft vergessenen Mitarbeitern.

Den Meißnern waren ihre neuen, vom Landesherren herbefohlenen Mitbürger auf der Burg – die Manufakturisten – suspekt. Und die wiederum, so ist in einem langen Beschwerdebrief zu lesen, fühlten sich „gemobbt“ und beklagten „das verächtliche Bezeigen gegen uns und unsere Gering-Achtung“.

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Kunstvoll gemalt: Auftragen des Zwiebelmusters – es gilt als das erfolgreichste Blaudekor der Porzellangeschichte.

Erst als es 1773 auf der Burg brannte und die Meißner Einwohner zum Löschen eilten, kam man sich näher. Die Töchter der Stadt und die zugereisten Burschen trugen das Ihre zur Verschmelzung der beiden Welten bei. Seitdem lebt man miteinander und voneinander, an guten wie an schlechten Tagen. Mehr zum spannenden Verhältnis zwischen der Stadt und der Manufaktur ist in der Ausstellung im Stadtmuseum zu erfahren (bis 7. November).

Wie auch immer – Meißen ist Porzellan, und das seit 300 Jahren. Auch außerhalb der Manufaktur. Am Turm der Frauenkirche erklingt ein Porzellanglockenspiel; in einem kleinen Park nahe der Manufaktur wachsen seltene Pflanzen, damit die Porzellanmaler sich dort Anregungen holen können; die Nikolaikirche birgt eine ganz aus Porzellan gestaltete Gedächtnisstätte für die Opfer der Kriege. Auch das Jubiläum findet natürlich vor allem in und um Meißen statt, mit Ausstellungen und Vorträgen, Festen und Konzerten, mit Spaziergängen und Nordic-Walking-Touren auf dem Porzellanpfad. Und mit einem speziell ausgetüftelten „Menü auf weißem Gold“, also auf echtem Meissener Porzellan.

Die Wirte von zwölf Gaststätten – alle gehören zu den 25 Weinlokalen mit dem Prädikat „Besonders empfohlen an der Sächsischen Weinstraße“ – servieren sächsische Spezialitäten auf dem von ihnen extra dafür angeschafften Service „Wellenspiel“. Wer noch mehr über Kostbarkeiten und Köstlichkeiten erfahren will, dem bieten die mit unterhaltsamen Vorträgen verbundenen Veranstaltungen „Tisch- und Tafelkultur bei Meissen“ oder „Tee, Kaffee und Schokolade – die drei heißen Lustgetränke“ Gelegenheit zum Genießen.

Der Höhepunkt zum Jubiläum ist die Sonderausstellung „All Nations are Welcome. 300 Jahre Manufaktur Meissen als Brücke zwischen Kulturen, Nationen und Religionen“ bis 31. Dezember. Gezeigt werden Porzellane aus den Ursprüngen, erste Formen und Dekore, die überwiegend ostasiatischer Keramik nachempfunden wurden. Aber auch Stücke, die im Auftrag der russischen Zarin Katharina II. gefertigt wurden, und moderne Kunstwerke wie die Großplastik eines Weißkopfseeadlers, welches das Foyer der amerikanischen Botschaft in Berlin schmückt.

Wer auch kaufen möchte, sollte daran denken, dass Porzellan aus Meißen nicht automatisch Meissener ist. In der Stadt formen und malen und brennen schließlich noch andere Werkstätten. Auch in den Antiquitätengeschäften sollte man die Objekte der Begierde von unten betrachten. Wer das Berühmte haben will, der suche am besten direkt in den Shops der Manufaktur. Die wurden für den erhofften Besucheransturm edel hergerichtet, vom preisgeschrumpften Outlet-Angebot bis zur makellosen Premium-Ware, vom barocken Prunkstück bis zum jugendlichen Sushi-Set, vom kleinen Souvenir bis zum 100 000-Euro-Kronenleuchter gibt es alles.

Das Markenzeichen der gekreuzten blauen Schwerter nutzen die Meissener übrigens nicht von Beginn an, sondern erst seit 1722, nachdem ein um das Geheimnis wissender Mitarbeiter nach Wien entschwand und dort die europäische Konkurrenz entfachte.

Tourismusverband Sächsisches Elbland, Fabrikstr. 16, 01662 Meißen, Tel. (0 35 21) 7 63 50, www.elbland.de, www.meissen2010.com.



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