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Die große Leidenschaft des Schaumburger Weltumseglers Adolf Mensing (1845-1929) war das Meer

An Bord der Gazelle nach Yokohama

An die Schule habe ich nur unangenehme Erinnerungen“ heißt es in den Aufzeichnungen des Bückeburgers Adolf Mensing (1845-1929). „Die Lehrer wechselten, meine Faulheit blieb dieselbe.“ Besser als um die Freude am Lernen war es um die Abenteuerlust und den Bewegungsdrang des Pennälers bestellt. Seine Leidenschaft war das Meer.

veröffentlicht am 15.12.2012 um 00:00 Uhr

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Eine seiner ersten großen Weltumseglungen führte ihn 1862, also vor 150 Jahren, an die Küsten Chinas und Japans – damals für die Leute hierzulande eine unbekannte, unvorstellbar ferne Welt. Die Beschreibung der Erlebnisse, Eindrücke und Begegnungen während des zweieinhalb Jahre dauernden Törns bilden den Hauptteil der von Mensing später zu Papier gebrachten Lebenserinnerungen.

Der Titel des mit viel Witz und Humor angereicherten Werks: „An Bord der Gazelle nach Yokohama“ (siehe Quellenhinweis). Es beschreibt den Kampf der Segler mit Wind und Wellen, die Begegnung mit fremden Ländern und Kulturen und (last but not least) die Erlebnisse der trinkfesten Besatzung in den Kneipen und Spielhöllen der Hafenstädte.

Darüber hinaus gibt Mensing eine ganze Menge Geschichten und Histörchen aus seinen Bückeburger Flegeljahren zum Besten. Danach hatten er und sein knapp drei Jahre älterer Bruder Franz (1843-1911) vor allem Streiche, Flausen und Raufereien im Kopf.

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Ausbildungsschiff und erster Einsatzort des „Cadett-Aspiranten“ war die 1843 in Dienst gestellte preußische Segelkorvette „Amazone“.

Zu ihren Opfern zählten auch etliche hochwohlgeborene Altersgenossen wie der später zum Landesherrn gekrönte Fürstensohn Georg und dessen Bruder Prinz Hermann. Kein Wunder, dass die Sprösslinge eines in der Residenz stationierten Offiziers als ungeratene Rüpel galten. Nicht nur deshalb reifte in den Brüdern schon früh der Plan, den fried- und ordnungsliebenden Bückeburger Mitbewohnern den Rücken zu kehren und die Welt zu erobern.

Zum Vorbereitungsprogramm gehörten neben Fluchen und Rauchen auch Seenotrettungsübungen. „Da Bootsfahrten nicht möglich waren, fuhren wir häufig auf Eisschollen in der Pferdeschwemme herum“, schildert Adolf Mensing das Wintertraining. „Dabei fielen wir mehrfach ins Wasser“. Im Sommer versuchten sie auf einem Misthaufenbündel balancierend, die Jauchegruben der Nachbarn zu überqueren. Wer umkippte, kam „so lange unter die Pumpe, bis das ablaufende Wasser keine Färbung mehr zeigte“.

Mit 15 war kein Halten mehr. Nach einigem Hin und Her stimmten die Eltern zu. Auf Wunsch des Vaters bewarben sie sich als Marinekadetten. Die Chancen standen gut. Die napoleonischen Kriege und die zunehmenden kolonialen und wirtschaftlichen Interessen hatten bei den europäischen Großmächten den Wunsch nach eigenen Seestreitkräften geweckt. Seit den 1840er Jahren waren auch Preußen und Österreich dabei, Flotten aufzubauen. Im Hause Mensing wurde überlegt, unter welchem Kommando die Söhne fahren sollten. Offensichtlich kam es zu einer Art Kompromiss. Der ältere Franz ging 1857 zur österreichischen K.K.-Marine, Bruder Adolf heuerte drei Jahre später unter preußischer Flagge an.

„Die Lehrer schienen über meinen Abschied überhaupt nicht betrübt zu sein“, beschrieb Adolf Mensing später die Reaktion der Pädagogen des Gymnasiums Adolfinum. Sein Ausbildungsschiff als „Cadett-Aspirant“ wurde die Segelkorvette „Amazone“. Es war der Beginn einer 33 Jahre andauernden, äußerst turbulenten und erlebnisreichen Karriere. Sie führte ihn auf verschiedenen Schiffen, zuletzt im Rang eines Kapitäns zur See, mehrere Male rund um die Welt.

Erst während der letzten Berufsjahre war Adolf Mensing überwiegend an Land. Er leitete die Kieler Marineakademie und galt reichsweit als führender Sachverständiger für Kartografie und Seezeichentechnik. Auf sein Konto gehen mehrere bahnbrechende Erfindungen und nautische Weiterentwicklungen. 1889 nahm er als deutscher Abgesandter an der internationalen Marinekonferenz in Washington teil.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Mensing als angesehener Pensionär im kaiserlichen Berlin. Durch das öffentliche Interesse an ihm und seiner Lebensleistung gerieten auch seine Familie und seine Vorfahren in den Blickpunkt. Die Mensings stammten aus Rinteln. Als bis dato Bekanntester der Sippe galt Adolfs Großvater Wilhelm (1765-1837). Dessen abenteuerliche Frauengeschichten und seine undurchsichtige Rolle in der sogenannten „Hessischen Staatsschatzaffäre“ hatten lange Zeit deutschlandweit für Gesprächsstoff gesorgt. Hintergrund: Der Sohn eines Rintelner Schmieds war zum Stabsoffizier und Vertrauten des hessischen Kurfürsten Wilhelm I. aufgestiegen. Als Wilhelm beim Einmarsch Napoleons 1806 Hals über Kopf aus Kassel flüchten und in Holstein und später in Böhmen Asyl suchen musste, trug er Wilhelm Mensing auf, die landesherrliche Geldschatulle zu verstecken. Die war aufgrund des schwunghaften Soldatenhandels des kurhessischen Potentaten prall gefüllt. Tatsächlich brachte Mensing den Staatsschatz in einer Nacht- und Nebelaktion bei einem Frankfurter Bankier in Sicherheit. Von dort bekam sie Landesherr Wilhelm nach seiner Rückkehr zurück. Allerdings hielt sich lange Zeit hartnäckig das Gerücht, dass Mensing während der Rettungsaktion einen Teil des Schatzes in die eigene Tasche abgezweigt habe.

Dem hohen Ansehen seines Bückeburger Enkels Adolf taten diese und andere Gerüchte keinen Abbruch. Geschichte und Geschichten um die Mensings gerieten in Vergessenheit. Und nur noch wenige Zeitgenossen dürften wissen, dass sich Adolf Mensing um Erhalt und Rettung der lange Zeit vom Verfall bedrohten Schaumburg verdient gemacht hat. Hintergrund: Bei einem Flottenbesuch von Wilhelm II. im Jahre 1906 in Kiel hatte der Kaiser den Marineoffizier gefragt, was er dem Bückeburger Schlossherrn Georg zu dessen am 16.4.1907 anstehender Silberhochzeit schenken könne. „Schenken Majestät dem Fürsten seine Stammburg, die Schaumburg“, schlug der das damals dem preußischen Fiskus gehörende heimische Wahrzeichen vor.

Quellenhinweis: Adolf Mensing: An Bord der Gazelle nach Yokohama. Ein preußischer Marineoffizier erinnert sich, hg. v. Horst Auerbach; Rostock 2000; ISBN 3-356-00883-8.



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