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US-Bomber vor 65 Jahren über Aerzen abgeschossen / Jörg Grote zählte einst zu den Augenzeugen

Amerikaner hofft auf Hinweise zum Todesflug

Aerzen (cb/koe). Das Hilfegesuch erreichte die Aerzener Maschinenfabrik über einen Kunden ihrer Tochtergesellschaft in Amerika: Marc Hallerman aus den USA forscht nach Robert Golomb, der im Zweiten Weltkrieg zur Besatzung einer B 17 gehörte. Bei dem Namen der Maschinenfabrik war Hallerman hellhörig geworden – das Flugzeug, so wusste er, war 1944 über Aerzen abgestürzt. Was Hallerman, der sich in militärischen Internetforen Hinweise auf den Todesflug erhofft, nicht weiß:

 

veröffentlicht am 01.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 04.12.2009 um 16:28 Uhr

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Aerzen (cb/koe). Das Hilfegesuch erreichte die Aerzener Maschinenfabrik über einen Kunden ihrer Tochtergesellschaft in Amerika: Marc Hallerman aus den USA forscht nach Robert Golomb, der im Zweiten Weltkrieg zur Besatzung einer B 17 gehörte. Bei dem Namen der Maschinenfabrik war Hallerman hellhörig geworden – das Flugzeug, so wusste er, war 1944 über Aerzen abgestürzt. Was Hallerman, der sich in militärischen Internetforen Hinweise auf den Todesflug erhofft, nicht weiß: Ausgerechnet ein früherer Mitarbeiter des Unternehmens ist es, der als achtjähriger Junge Augenzeuge des Absturzes war und in späteren Jahren die Umstände erforschte. „Wir hörten einen Motor aufheulen, dann das typische tack-tack-tack“, erinnert sich Jörg Grote an den Beschuss durch einen deutschen Jäger. Vom Hof vor der Aerzener Maschinenfabrik war dann der amerikanische Bomber zu sehen. Die linke Seite der B 17, die in sehr geringer Höhe über dem Ort flog, brannte. Dann schlug das Flugzeug am Ortsrand in Höhe des heutigen Hopfenweges auf, zerschellte und brannte aus. Zusammen mit seinem Vater Paul Grote – übrigens in den sechziger Jahren Geschäftsführer der Aerzener Maschinenfabrik – fuhr der damals Achtjährige zur Unglücksstelle.

Vor 65 Jahren musste Aerzen die für den Ort größte Bedrohung im Zweiten Weltkrieg durchstehen. Über dem Flecken lag am 30. Januar 1944, einem Samstag, eine geschlossene Wolkendecke. Hoch oben in den Wolken ziehen am späten Mittag dieses Tages US-Bomberströme dröhnend ihre Bahn. Braunschweig, Oschersleben, Magdeburg und Berlin waren damals ihre Ziele bei Tag und bei Nacht. Industrieanlagen des Dritten Reiches, besonders Fertigungsstätten für deutsche Flugzeuge, wurden getroffen, aber auch geschlossene Wohnviertel der Zivilbevölkerung. Eines der alliierten Flugzeuge, eine viermotorige B 17 mit der Nr. 4231-461, wurde von deutscher Flak im Zielgebiet beschädigt, musste den sofortigen Rückflug antreten. Wie der Luftkriegshistoriker Detlev Creydt berichtet, standen an den Luftabwehrgeschützen bei Braunschweig teilweise 16 bis 17 Jahre alte Schüler aus Stadtoldendorf und Eschershausen.

US-Leutnant Charles Scott von der angeschossenen viermotorigen 4231-461 hatte befohlen: „Schleuniger Rückflug nach England.“ Über Aerzen aber kommt das Ende. Ein deutscher Jäger schießt die Maschine ab.

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Ein weiterer Augenzeuge, Friedrich Meyer, erinnert sich sehr exakt: „Das Knattern der MGs in den Wolken machte uns Angst. Leergeschossene Patronenhülsen, amerikanische und deutsche, fallen mit metallischem Klang auf die Dächer. Plötzlich stürzt ein Mann kopfüber aus den Wolken herab. Sein Fallschirm öffnet sich erst spät, nur wenige hundert Meter über dem Boden. Dann erst folgt die niederstürzende US-Maschine torkelnd aus den Wolken. Nachdem der Bomber eine Eiche gestreift hatte, schraubt er sich noch mal etwas hoch, um dann dicht neben dem Alten Forsthaus am Nordrand des Dorfes endgültig abzustürzen.“ Mehrere Flieger sprangen mit ihrem Fallschirm ab. Eines der Besatzungsmitglieder verfing sich mit seinen Fallschirmleinen in einem hohen Baum am Tannenweg.

Es war der Navigator Bernard Wilson. „Mein Vater sprach beruhigend auf ihn ein“, erzählt Jörg Grote. Dessen Hilfe war gefragt, weil er die englische Sprache beherrschte. Mit Erfolg: Der verletzte Amerikaner, der zunächst jede medizinische Versorgung verweigert hatte, ließ sich verarzten. In seinem Buch spricht Creydt von sieben in Aerzen in Gefangenschaft geratenen US-Fliegern. Drei US-Soldaten fanden den Tod, von insgesamt zehn Besatzungsmitgliedern.

Unter den Toten war auch Robert Golomb. Seine Leiche wurde erst nach einigen Tagen gefunden, als die Flugzeugtrümmer abtransportiert werden sollten. Der Kanonier, so glaubt Jörg Grote, hatte keine Chance bei dem Absturz. Auf einer Zeichnung zeigt er die Bodenwanne am Flugzeugrumpf, in dem der Bordschütze festsaß. „Ein ganz schlechter Posten“, sagt Grote über Golomb, der in den Trümmern verbrannte. Der Feldwebel starb im Alter von 23 Jahren, die elterliche Adresse war in New York. Mehr Einzelheiten waren über den jungen Soldaten nicht zu erfahren. Bestattet wurde Golomb auf dem Aerzener Friedhof. „Etwas abseits, auf dem Kreuz, stand die Nummer des Flugzeugs“, weiß Grote. „Das Grab wurde gepflegt, ich habe es selbst gesehen.“ Nach dem Krieg, im März 1946, exhumierten die Amerikaner den Leichnam, sargten ihn neu ein und transportierten ihn ab.

Laut Friedrich Meyer sah es so aus, als hätte ein im US-Bomber verbliebener Pilot noch versucht, den torkelnden Bomber abzufangen, über Kirche und Ortskern hinweg auf freies Feld zu steuern, um so für das Dorf eine noch größere Katastrophe zu verhindern. Katharina Hölterhoff-Grote, die mit ihrem Ehemann Jörg Grote in diesem Jahr auch einen britischen Freundeskreis von ehemaligen Kriegspiloten in Aerzen zu Gast hatte, führt eine andere Erklärung an. Das Ehepaar hatte Kontakt mit dem deutschen Flieger, der den amerikanischen Bomber abgeschossen hatte. „Wir wissen von ihm, dass er den Beschuss über Aerzen ausgesetzt hat“, erzählt sie. „Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Selbst in der schlimmsten Zeit des Krieges gab es eine Ehre bei den Fliegern. Sonst hätte Aerzen eine Katastrophe erlebt.“

Bei den umfangreichen Recherchen fand Jörg Grote übrigens heraus, dass die B17 keine Bomben an Bord hatte. Die Maschine war mit einem Geheimauftrag unterwegs, sollte Flugblätter über Braunschweig abwerfen, um mit Informationen über den Vormarsch der Allierten der Propaganda der Nationalsozialisten etwas entgegenzusetzen und zum Widerstand gegen Hitlerdeutschland aufzurufen.

Wenn sich Jörg Grote heute an das Geschehen vor 65 Jahren zurückerinnert, dann beschreibt er seine damaligen Gefühle mit einer Mischung aus Neugierde und Angst. Als er später die Negative von den Fotos fand, die sein Vater an der Absturzstelle gemacht hatte, wollte er schließlich mehr über das damalige Ereignis wissen und begann mit seinen Recherchen. Dabei fand er auch die Namen der Besatzungsmitglieder heraus. Einer der Überlebenden, die er anschrieb, war Bernard Wilson, der 1944 mit seinem Fallschirm in dem Baum hing. Es war die einzige Antwort, die Jörg Grote erhielt. Der frühere Navigator des Flugzeugs zeigte Interesse an einem Bild von der Absturzstelle. Den Namen des Schützen Greiner, der die Maschine über Aerzen abgeschossen hatte, wollte Wilson aber nicht erfahren.

Erinnerungen an die Beinahe-Katastrophe: Katharina Hölterhoff-Grote und Jörg Grote ließen sich ein Bild von dem Luftkampf über Aerzen malen. Der Vater von Jörg Grote schoss 1944 sogar ein Foto von dem abgestürzten B-17-Bomber, das trotz schlechter Qualität von zeitgeschichtlicher Bedeutung ist – das Fotografieren war verboten.

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