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Renommiertes Streichquartett zieht die Zuhörer im Staatsarchiv in seinen Bann

"Amati"öffnet Hörräume und lässt Konstanten ins Wanken geraten

Bückeburg. Es hat einfach Freude gemacht, dem international bekannten Streichquartett "Amati" im Staatsarchiv zu lauschen. In brillanter Wohlfühlqualität präsentierten die Schweizer Gäste des Kulturvereins Haydn und Mendelssohn Bartholdy genauso elanvoll und engagiert wie die modernen Meister Haas und Williams.

veröffentlicht am 27.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Dietlind Beinssen

Joseph Haydn gilt durch seineüber 80 Streichquartette nicht nur als "Vater" dieser Gattung, sondern er hat maßgeblich deren formale Entwicklung geprägt. So weist auch das mitunter recht tückische "D-Dur-Quartett, op. 76, 5" die Weiterführung vom Divertimento zum Konzertstück auf sowie die gleiche Gewichtung der Stimmen. Ausdrucksvoll und mit Verve formten Axel Schacher (Violine), Katarzyna Nawrotek (Violine), Nicolas Corti (Viola) und Claudius Hermann (Violoncello) das einleitende Allegretto-Allegro. Ihre Homogenität durften sie danach im Largo cantabile e mesto unter Beweis stellen, und mitreißendes Tempo sowie vitale Musizierlust gab es bei Menuetto und Presto zu bestaunen. Seit der Gründung vor 25 Jahren durchbrechen die Programme der "Amatis" die Schwelle vom 20. ins 21. Jahrhundert undöffnen Hörräume, in denen Konstanten von vergangenen Jahrhunderten ins Wanken geraten. Die Gegenwart stand in der ehemaligen Residenzstadt mit dem unmittelbar ergreifenden "2. Streichquartett" des 1953 geborenenÖsterreichers Georg Friedrich Haas im Repertoire: ein sinnlicher Rausch aus gedehnten Klanggestalten von düster und drohend bis verstörend schön. Dass diese Schöpfung zu einem der Höhepunkte des inspirierten (und inspirierenden) Geschehens wurde, lag an der Interpretation: Die vier Solisten musizierten kraftvoll und feurig, doch jederzeit mit gebändigtem, kultivierten Temperament. Nach der Pause setzten die Streicher ein fulminantes Plädoyer für den 1958 in London verstorbenen Ralph Vaughan Williams. Der Komponist hat sich intensiv mit dem Sammeln und Veröffentlichen englischer Volkslieder beschäftigt und entdeckte zudem die englische Musik der Renaissance. Beides - und noch ein bisschen sein Lehrer Ravel - beeinflussten denStil erheblich. Für die vier aussagekräftigen Sätze des "2. Quartetts" waren die aufeinander eingeschworenen Schweizer genau die richtigen Sachwalter. Sie hinterfragten den komplexen Notentext und verdeutlichten ihn mit allen Auswüchsen koloritreich, aber nicht zimperlich. Das Publikum spielte seine Partnerrolle vorzüglich mit: Es lauschte gebannt und verwandelte sein Empfinden in ausgiebigen Beifall. Das in der Geschlossenheit bewundernswerte Miteinander der Amatis bewährte sich zum Schluss abermals in "4 Stücken op. 81" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dieses Opus besaß genügend Raum für den Einzelnen, ohne dass die bewegte Sprache die Zügel verlor. Die Virtuosen boten statt einseitigem Schönklang Leidenschaft, Kontraste und gelegentlich herbere Akzente.Das erzeugte Spannungsbögen, farbige Dynamik und heftigen Applaus für einen Auftritt der Superlative! Eine Mendelssohn-Fuge als Zugabe stand am Ende der virtuosen Pirsch.



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