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Bürofenster mit Panorama-Aussicht: Captain Andy Ridout erzählt auf seiner Brücke Seemannsgeschichten mit 11 000 PS

„Am liebsten steuere ich die Fähre übrigens rückwärts“

Dunkerque/Dover. Rechts über die Treppen geht es hoch. Dann gleich links durch die Tür. Wieder ein paar Stufen hinauf. Links um die Ecke. Den langen Flur entlang. Rechtsherum. Weiter geradeaus. Noch die letzten Treppenstufen hoch – und endlich ist man in der Chefetage angelangt: auf der Brücke der Maersk Delft, der gerade mal drei Jahre alten Fähre der Norfolkline. Wer hier der Boss ist? Captain Andy Ridout: Er hat 230 Fahrzeuge, 920 Passagiere, 80 Crewmitglieder und natürlich den Ärmelkanal im Blick. Und fährt mit der Route vom französischen Dunkerque ins englische Dover achtmal am Tag auf seiner absolute Lieblingsstrecke über den Channel. „Dies ist einfach die beste Passage“, sagt Ridout.

veröffentlicht am 04.09.2009 um 16:16 Uhr

Im Dezember 2006 wurde die Maersk Delft der Norfolkline in Südko

Autor:

Julia Marre

Mannschaftswechsel nach zwei Wochen

Und die beliebte Route Calais – Dover? „Viel zu hektisch, da geht’s ja alle 90 Minuten hin und her – dementsprechend viele Touren fährt man pro Tag.“ Und Zeebrugge – Dover? „Von Belgien aus ist man vier Stunden unterwegs. Das kann sich an Bord schon ganz schön hinziehen“, lacht Ridout. Sein Schiff ist mit einer Geschwindigkeit von 25 Knoten jeweils zwei Stunden lang auf See. Drei Fähren der Norfolkline verkehren im Zwei-Stunden-Takt rund um die Uhr; eine Tages- und eine Nacht-Crew wohnen für je zwei Wochen an Bord, anschließend folgt der komplette Mannschaftswechsel. Und dann hat Andy Ridout zwei Wochen frei. „Das war für mich ein großer Anreiz, Kapitän auf einer Fähre zu werden“, erzählt er. Es gebe wesentlich bessere Arbeitszeiten als auf den Frachtschiffen, auch wenn das Anforderungsprofil hoch sei. Ein vierjähriges Studium hat jeder, der auf der Brücke tätig ist, an einem speziellen Marine-College absolviert.

Schon beinahe 4500 Mal ist der Kapitän mit der Norfolkline zwischen Frankreich und England hin- und hergependelt. Langweilig war das bisher nie, sagt er. „Es passiert jedes Mal etwas Besonderes: Mal ist es besonders neblig im Hafen, mal stürmisch auf See, dann wieder fahren Segler in der Fahrrinne – keine Überfahrt gleicht der vorigen.“

Schon von seinem Vater kennt Captain Andy Ridout die Arbeit auf dem Meer, er fuhr ebenfalls zur See. „Ich habe viele Reisen mit ihm unternommen. Und: Hey, was gibt es Schöneres als diesen Job? Wer hat schon ein Büro mit dieser Aussicht?“ Er zeigt auf die Fensterfront, die die Brücke umgibt. Am Horizont lassen sich hinter dem großen Schornstein unzählige Punkte ausmachen: große Containerschiffe, kleinere Frachter, jede Menge Fähren, Segelboote. Die Sonne glitzert dazu auf der ruhigen Meeresoberfläche.

Hat mit 24 Jahren angefangen, als Kapitän zu arbeiten: Andy Rido
  • Hat mit 24 Jahren angefangen, als Kapitän zu arbeiten: Andy Ridout.
Zum Erwandern: das South Foreland Lighthouse,
  • Zum Erwandern: das South Foreland Lighthouse,
Zum Erkunden: die Festung Dover Castle.
  • Zum Erkunden: die Festung Dover Castle.

Aber ist es hier immer so ruhig? Gilt nicht der Ärmelkanal als gefährliche Wasserstraße? „Nein, das ist heute mit der sicheren Technik gar kein Problem mehr“, beruhigt der Captain und erklärt das automatische Radarsystem. Außerdem gebe es mit anderen Reedereien freiwillige Vereinbarungen darüber, wer seine Fähre auf welcher Route steuert. „Sicherlich passieren sehr viele Schiffe den Ärmelkanal, aber jeder kennt ja die Regeln“, sagt er. Eine Kollision hat Ridout in 20 Jahren auf See noch nicht erlebt. Was ihn neben zunehmendem bürokratischen Aufwand auf Trab hält, sind kleinere Zwischenfälle mit Passagieren: etwa wenn Fahrgäste medizinische Versorgung brauchen.

Am seitlichen Fenster blickt Andy Ridout bereits dem Fährhafen entgegen. „Übrigens: Habe ich schon erzählt? Am liebsten fahre ich rückwärts“, schmunzelt er – „da habe ich die allerbeste Sicht.“ Gleich, beim Anlegen, darf er mit dem Joystick wieder Millimeterarbeit leisten, um das knapp 190 Meter lange und 28,4 Meter breite Schiff in den Hafen zu bugsieren. Nur ein Passagier hat auf der Brücke der Fähre dann nichts mehr verloren. Aber wie geht es jetzt noch zurück zum Parkdeck: erst die Treppen hinunter, danach links – und dann…?

Service:

Wer Großbritannien besucht, beginnt seine Reise oft im Hafen von Dover oder – wenn er per Eurotunnel einreist – in Folkestone. Beide Orte liegen in der Grafschaft Kent, die viel zu schön ist, um sie gleich wieder zu verlassen.

Sehenswertes in Dover: Seit 900 Jahren sind auf der 1180 erbauten Festungsanlage Dover Castle Soldaten stationiert, auch gibt es hier unterirdische Geheimtunnel mit Lazarett, Küche und Kommandozentrale, die im Zweiten Weltkrieg eine tragende Rolle spielten. Eine Besichtigung samt Wanderung in den Felsen ist der perfekte Urlaubsbeginn; www.nationaltrust.org. uk/whitecliffs

Übernachtung in Dover: Im Nachbarort St. Margarate’s-at-Cliffe liegt The White Cliffs Hotel – ein kleines, stilvolles Hotel mit Restaurant, regionaler Küche und modernen Zimmern; www.thewhitecliffs.com.

Die Norfolkline: In der Hochsaison verkehrt die Norfolkline täglich 24-mal zwischen Dover und Dünkirchen. Reisebusgruppen und Fußpassagiere werden nicht transportiert, was erheblich die Ladezeiten verkürzt. Eine einfache Überfahrt mit Pkw kostet ab 26 Euro; www.norfolkline.com.

Wer durch die Klippen von Dover wandert, entdeckt auf der einen Seite das South Foreland Lighthouse, auf der anderen thront Dover Castle hoch über der Stadt.

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