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Vor 60 Jahren starb mit Landrat Gebbers einer der ranghöchsten Schaumburger Nationalsozialisten

Am Ende nur noch „Mitläufer“

Mit ihm wurde ein Mann abberufen, dem man nicht zu Unrecht starke menschliche Qualität und in einem besonders hohen Maße auch Gerechtigkeit nachrühmt“, war 1952 in der Landes-Zeitung zu lesen. Die Würdigung galt dem verstorbenen Ex-Landrat Hermann Gebbers, von 1933 bis 1945 Verwaltungschef der Kreise Bückeburg und Stadthagen. Gebbers Dienstauffassung umschrieb die Zeitung vor 60 Jahren so: „Auch als die Besatzungstruppen einrückten, war er noch bis zur letzten Minute an dem Platz, wohin ihn das damalige politische und kommunalpolitische Leben verpflichtet hatte“.

veröffentlicht am 28.07.2012 um 00:00 Uhr

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Eine solch positive Bewertung eines Mannes, der zwölf Jahre lang zu den einflussreichsten Schaumburger Nationalsozialisten gehört hatte und für die Organisation der Judendeportationen zuständig gewesen war, wird nur vor dem Hintergrund der Nachkriegsverhältnisse verständlich. Eine selbstkritische Beurteilung der Hitler-Zeit war 1952, sieben Jahre nach dem Zusammenbruch, (noch) nicht gefragt. Eine unvoreingenommene Einschätzung von Gebbers’ Rolle im NS-Unrechtssystem ist erst seit Erscheinen einer sorgfältig recherchierten Lebensbeschreibung möglich (siehe Quellenhinweis).

Gebers war 1879 als Sohn eines Försters in Sachsen-Anhalt geboren worden. Seine Mutter stammte, wie auch seine spätere Ehefrau, aus Stadthagen. Nach Abitur und anschließender Banklehre absolvierte er ein breit gefächertes wirtschaftswissenschaftliches Studium in Berlin und Leipzig. Sein besonderes Interesse galt dem Warenaustausch mit fernen Ländern. Bereits während der Universitätszeit war er für eine Kaffeeimportfirma in Deutsch-Ostafrika unterwegs, arbeitete anschließend ein Jahr lang im Reichskolonialamt und verdingte sich später bei einer Hamburger „Kakao-Compagnie“. Er beherrschte mehrere Fremdsprachen, darunter Kisuaheli, Arabisch, Englisch und Französisch. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich als Freiwilliger zum Fronteinsatz.

Bei einer seiner zahlreichen Afrika-Reisen hatte Gebbers den Inhaber der Bückeburger „Dr. med. Friedrich Hey, Fabrik pharmazeutischer Präparate KG“ kennengelernt. 1926 stieg er dort als Direktor ein, verlor den gut dotierten Job jedoch Mitte 1932 „wegen der Wirtschaftsdepression“.

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Da traf es sich gut, dass der welterfahrene Manager, zuvor Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), 1931 zur aufwärts strebenden NSDAP übergewechselt war. Die Bückeburger Hitler-Gefolgsleute konnten ihn gut gebrauchen. Nicht zuletzt dank des persönlichen Ansehens von Männern wie ihm erzielte die Partei 1931, also bereits zwei Jahre vor der offiziellen „Machtergreifung“, einen überwältigenden Kommunalwahlerfolg. Gebbers zog in den Stadtrat ein und wurde Stellvertreter des beamteten Bürgermeisters Karl Wiehe. Zur Festigung seiner innerparteilichen Position übernahm er das Amt des NSDAP-Ortsgruppenleiters.

Im Jahr 1933 rückte Gebbers anstelle des aus dem Amt gejagten Sozialdemokraten Erwin Loitsch auf den Chefsessel des Landratsamts Bückeburg vor. 1936 wurde ihm zusätzlich die Leitung des Kreises Stadthagen übertragen. Anders gesagt: Gebbers war zum zweitmächtigsten Nationalsozialisten der schaumburg-lippischen Verwaltungshierarchie aufgestiegen. Eine noch steilere Karriere hatte nur der NSDAP-Kreisleiter und neue Landespräsident Karl Dreier hingelegt.

Anders als viele andere Parteiführer war Gebbers ein nüchtern denkender und solide handelnder Mann. Trotz stetiger Anfeindungen hielt er an seinem Posten als Vorstandsmitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche fest. Mit ideologischen Scharfmachern wie dem berüchtigten Schriftleiter Adolf Manns und dem neuen Bückeburger Bürgermeister Albert Friehe lag er im Dauer-Clinch. Den Meinser Dorfpolizisten, der sich auf Drängen des Ortsbauernführers Zutritt ins Haus eines Bergmanns verschafft und dort eine Friedrich-Ebert-Plakette beschlagnahmt hatte, kanzelte er mit dem Hinweis ab, dass eine „Ebert-Plakette in einer Privatwohnung genauso wenig staatsgefährdend wie ein Kaiserbild“ sei.

Genauso konsequent wie bei der Verfolgung parteiinterner Missstände ging Gebbers jedoch auch bei der Umsetzung der NS-Rassenpolitik vor. Beim Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 forderte er die Mitglieder seiner Ortsgruppe auf, „ein wachsames Auge für alles Nichtdeutsche zu haben“. Die Deportationsvorgaben setzte er widerspruchslos um, gewaltsames Vorgehen nahm er in Kauf: „Kleine im Übereifer vorgenommene Übergriffe sind durchaus verständlich“. Auch die Parteiideologie hatte er ohne Wenn und Aber verinnerlicht. Aufgabe der deutschen Frau sei es, „für die Erhaltung des reinen Blutes einzutreten, das allein das völkische Gemeinschaftsgefühl schafft und ermöglicht“.

Unmittelbar nach Kriegsende wurde Gebbers auf Weisung der Engländer entlassen, verhaftet und für sechs Monate in ein Internierungslager gesteckt. Danach kämpfte der mittlerweile 67-Jährige verzweifelt um seinen Ruf und seine Existenz. Er habe „das Rassenproblem nie zur Judenhetze missbraucht“, reagierte er auf die Vorwürfe bezüglich seiner Täterrolle bei der Umsetzung der sogenannten „Endlösung“. Mehr noch als solche Argumente half ihm der immer mehr erlahmende Wille der bundesrepublikanischen Politiker nach rückhaltloser Aufarbeitung der NS-Ära. 1946 war Gebbers noch als Aktivist und Nutznießer und damit als „mandatory removal“ (= entlassungspflichtig) behandelt worden – Ende 1948 wurde er nur noch als „Mitläufer“ (Kategorie IV) eingestuft. Die Neubewertung beinhaltete auch das Wiederaufleben seiner Pensionsansprüche. Viel Zeit zur Genugtuung blieb ihm nicht. Gebbers starb – erschöpft und zermürbt – Ende 1952 in seinem letzten Wohnort Stadthagen.

Quellenhinweis:

„Pragmatischer Beamter im Dienst der Volksgemeinschaft, Hermann Gebbers - Landrat in Bückeburg und Stadthagen“, Beitrag von Dr. Stefan Brüdermann, erschienen in dem 2009 veröffentlichten Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“ (ISBN 978-3-89534-737-5);

Daten, Fakten und Hintergrundinformationen über Hermann Gebbers, zusammengetragen in dem 2008 erschienenen historisch-biografischen Handbuch „Schaumburger Profile“, Bd. 66 der „Schaumburger Studien“ (ISBN 978-3-89534-666-8).

Mit ideologischen Scharfmachern unter seinen Parteifreunden wie dem berüchtigten Schriftleiter Adolf Manns (rechte Bildmitte, mit Brille und Schlips) hatte Gebbers (2. v.r.) nichts im Sinn.

Hermann Gebbers war von 1933 bis 1945 Verwaltungschef der Kreise Bückeburg und Stadthagen.



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