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Gewerkschafter stellen sich notfalls sogar Lastwagen in den Weg / Trotz vieler Konfliktpunkte schrumpft die Mitgliederzahl

Alter Kämpfer, junge Aktivistin – im Namen der Solidarität

Hameln (roh). Er ist Gewerkschafter durch und durch. Fast 60 Jahre gehört Klaus Stenzel der Gewerkschaft an. Von 1960 bis 1971 fungierte er sogar als Bundesjugendsekretär. „Bereits mein Vater und mein Opa waren in der Gewerkschaft“, da sei es für ihn ganz logisch gewesen, noch während seiner Lehrzeit der Gewerkschaft beizutreten. Die 23-jährige Jana Müller (Name von der Redaktion geändert) ist ebenfalls seit ihrer Lehre gewerkschaftlich aktiv. Als Jugend- und Auszubildendenvertreterin in einem Metallbetrieb hat die Elektronikerin klare Ziele: „Ich engagiere mich vor allem dafür, dass der Betrieb weiterhin viele Lehrlinge ausbildet und diese dann auch übernommen werden.“

veröffentlicht am 29.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Zwei Generationen von Gewerkschaftern: Klaus Stenzel und „

Von Matthias Rohde

Hameln. Er ist Gewerkschafter durch und durch. Fast 60 Jahre gehört Klaus Stenzel der Gewerkschaft an. Von 1960 bis 1971 fungierte er sogar als Bundesjugendsekretär. „Bereits mein Vater und mein Opa waren in der Gewerkschaft“, da sei es für ihn ganz logisch gewesen, noch während seiner Lehrzeit der Gewerkschaft beizutreten. Die 23-jährige Jana Müller (Name von der Redaktion geändert) ist ebenfalls seit ihrer Lehre gewerkschaftlich aktiv. Als Jugend- und Auszubildendenvertreterin in einem Metallbetrieb hat die Elektronikerin klare Ziele: „Ich engagiere mich vor allem dafür, dass der Betrieb weiterhin viele Lehrlinge ausbildet und diese dann auch übernommen werden.“

Für Stenzel waren es vor allem die Arbeitsbedingungen, die er verbessern wollte. „Ich hatte bei meiner Ausbildung zum Tischler Glück, aber ich habe viele Auszubildende kennengelernt, die während ihrer Lehrzeit Teppich klopfen oder Einkäufe erledigen mussten.“ Stenzel erinnert sich an den ersten Streik, den er von Gewerkschaftsseite betreute. Das war 1974 bei einer Firma in Hessisch Oldendorf. „Ein aufgeregter Streikposten teilte mir am Telefon mit, dass am Tor ein Mann mit einer Flinte stehe und das Ende des Streiks fordere.“ Die Polizei stellte später fest, dass die Waffe nicht funktionstüchtig war. Weniger wegen solcher Eskapaden, vor allem wegen Repressalien der Unternehmensführung hatten viele Gewerkschaftsmitglieder Angst zu streiken. „In der Nacht vorher hat wohl keiner der Beschäftigten richtig geschlafen“, erzählt Stenzel. Auch heute versuchten viele Unternehmer, die Gewerkschaftsarbeit zu erschweren, wie DGB-Regionssekretär Volker Eggers weiß: „Die Arbeit von Betriebsräten wird behindert. Und vor der Einstellung eines Bewerbers wird überprüft, ob er als Gewerkschaftsmitglied in Erscheinung getreten ist.“ Auch das Internet werde für Recherchen über „Unruhestifer“ herangezogen. „Facebook, Twitter und die anderen Netzwerke, in denen gerade Jugendliche bisweilen gedankenlos Informationen von sich einstellen, bieten Arbeitgebern reichhaltige Informationen.“ Das ist auch der Anlass für die Vorsicht von Jana Müller: „Vielleicht möchte oder muss ich mich eines Tages bei einem anderen Betrieb bewerben. Dann möchte ich wegen meiner Qualifikation und nicht wegen meines Engagements als Gewerkschafterin bewertet werden. Deswegen soll mein Name nicht veröffentlicht werden.“ An einem Streik hat Müller noch nicht teilgenommen, aber an einigen Protestaktionen.

Während eines Streiks in den 1960er Jahren hat sich Klaus Stenzel einem Lkw, der ein bestreiktes Tor passieren wollte, in den Weg gestellt. „Damals hatte die Unternehmensführung die Polizei dazugerufen. Ich wurde zwei Mal von den Polizeibeamten weggetragen, beim dritten Mal haben sie mich in die ,grüne Minna‘ gesperrt“, berichtet Stenzel und kann heute darüber lächeln. Dann keimt auch der Ärger in dem Gewerkschafter wieder auf: „Mich hat schon damals auf die Palme gebracht, wie einige Chefs versuchten, die Bildung von Betriebsräten zu verhindern.“ Drohungen, Manipulationen seien an der Tagesordnung gewesen. Es war die Zeit, als Stenzel den Solidaritätsgedanken immer weiter verinnerlichte. Heute wie damals, so Stenzel, gebe es viele Beschäftigte, die von der Arbeit der Gewerkschaften profitieren, aber nicht Mitglied sind. „Das ärgert mich ebenfalls“, betont er. Sein Großvater habe ihm erzählt: „Wer nicht in der Gewerkschaft war, musste früher damit rechnen, dass die anderen Arbeiter das gemeinsam genutzte Werkzeug wegschlossen, wenn sie Urlaub hatten.“

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In der Tat sei die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stark gesunken, bestätigt Eggers. Bei den DGB-Gewerkschaften ist sie mit 6,26 Millionen auf einem Tiefststand. Nicht wenige Beschäftigte sagten, dass sie sich den Mitgliedsbeitrag nicht leisten könnten. Eggers: „Der Niedriglohnbereich boomt, und oftmals bekommen Beschäftigte zusätzlich Arbeitslosengeld II, weil der Lohn vorne und hinten nicht reicht.“ Darüber hinaus werde die Gesellschaft zunehmend von einer Ellenbogenmentalität geprägt. „Die Solidarität schwindet“, stellt Eggers fest.

Traditionsgemäß wird Stenzel am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, an der Kundgebung in Hameln – diesmal ab 11 Uhr im Bürgergarten – teilnehmen. Eggers, der diese Veranstaltung organisiert und moderiert, erinnert sich gerne an das Jahr 1986, „als Willy Brandt hier war und 5000 Menschen erschienen“.



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