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Altenheime ohne Sorgen um neue Kunden

Den mahnenden Appellen, die für die nahe Zukunft einen Pflegenotstand prognostizieren, widersprechen weder die Heimleiter der stationären Pflegeeinrichtungen noch die Führungskräfte von ambulanten Pflegediensten. Aber alle relativieren den aktuellen Zustand in der heimischen Region. Denn der ist – verglichen beispielsweise mit größeren Städten – noch ausgesprochen komfortabel, wie zum Beispiel der Heimleiter des Altenpflegeheims St. Monika, Michael Jungnitz, feststellt: „Das Angebot an Plätzen in den Pflegeeinrichtungen in unserer Region ist ausgesprochen gut.“ Während in Hameln für 10 Bürger über 65 Jahre ein Heimplatz zur Verfügung steht, seien es beispielsweise in Wolfsburg 26 Bürger für einen solchen Platz in einer stationären Einrichtung. Und wer aufmerksam durch das Weserbergland fährt, wird gleich mehrere Baustellen finden, auf denen neue Pflegeheime entstehen. Und auch bei den ambulanten Pflegediensten sind noch freie Kapazitäten. Die Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes der Hamelner Paritäten, Annelies Fischer: „Ganz aktuell haben die Anfragen etwas nachgelassen.“ Konkurrenz belebt das Geschäft, tönt der Volksmund. Dass Automobilhersteller, Versicherungsgruppen und Hersteller von Erfrischungsgetränken über Qualität und Preis um Kunden wetteifern, ist nichts Neues. Stationäre Pflegeeinrichtungen sollten jedoch angesichts der demografischen Entwicklung nicht um Kunden buhlen müssen, könnte man meinen.

veröffentlicht am 23.05.2011 um 20:10 Uhr

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Dass dem aber nicht so ist, stellt der Heimleiter des Sana- Seniorenheims „Zur Höhe“, Karsten Depta, klar: „Die Preise in Hameln sind unter anderem auf das große Angebot an verfügbaren Plätzen zurückzuführen.“ Zwar sei das Preisniveau insgesamt relativ niedrig, so die Heimleiter unisono, dennoch gebe es signifikante Preisunterschiede von teilweise mehr als 10 Euro pro Tag (Pflegestufe I). Jungnitz: „Jede Einrichtung hat natürlich besondere Angebote, mit denen sie zu überzeugen versucht, aber bei allen Faktoren, wie zum Beispiel Lage, Freizeitangebote, Essen und so weiter werfen die betroffenen Familien auch einen abschließenden Blick ins Portemonnaie.“ Und 10 Euro pro Tag, das machte im Monat einen Unterschied von immerhin schon 300 Euro aus.

Ohnehin führe die Kostendeckelung in der Altenpflege zu einer Kalkulation mit pfeilspitzer Feder, heißt es. Jungnitz: „Unsere Kalkulationsgrundlage ist eine Belegungsquote von 98 Prozent.“ Eine solche Quote erzielen aber nur die allerwenigsten Einrichtungen im Landkreis, wie die heimischen Experten feststellen.

In die Karten lassen sich die Heimleiter dennoch nicht schauen, kaum einer will öffentlich über die aktuelle Quote sprechen. Verglichen mit anderen Branchen, sei die Kalkulationsgrundlage von 98 Prozent horrend, betont Jungnitz, der darauf hinweist, dass führende Industriebetriebe, beispielsweise VW, mit einer 60-prozentigen Auslastung ihrer Kapazitäten kalkulieren. „Hotels kalkulieren mit einer Belegungsquote von gar 55 Prozent.“

Ins selbe Horn stößt der Heimleiter der Scharnhorst-Residenz: „Innerhalb der Einrichtungen gibt es, gerade was das Personal betrifft, keine Reserven.“ In anderen Bundesländern sähe das ganz anders aus, so Peters. Der Grund: Zwar ist das Pflegegesetz für die ganze Republik einheitlich gültig, die Personalschlüssel werden aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich berechnet. So ergebe sich beispielsweise, verglichen mit Baden-Württemberg, folgende Situation: „Stünde die Scharnhorst-Residenz mit ihren aktuellen Bewohnern und deren Pflegestufen zum Beispiel in Süddeutschland, dann könnten wir vier oder gar fünf Pflegefachkräfte mehr beschäftigen“, so Peters, für den feststeht: „Wir brauchen mehr Geld im System, und zwar schnell.“ Allerdings sei eine Aufstockung des Altenpflegeetats nicht nur über die sozialen Sicherungssysteme zu leisten, betont der Heimleiter und fügt an: „Auch jeder einzelne ist in der Pflicht, sich dieses Themas anzunehmen.“

Der Vorsitzende der Tönebön-Stiftung, Herbert Schneider, setzt ebenfalls auf eine duale Erhöhung des Budgets für die Altenpflege. „Es gibt ganz unterschiedliche Konzepte, wie ein Pflegeheim betrieben werden kann, aber unstrittig ist, dass es an allen Ecken und Kanten fehlt, und da wir es in diesem Bereich mit Menschen zu tun haben, können wir nicht einfach den sprichwörtlichen Hammer fallen lassen, wenn das Budget aufgebraucht ist.“ In solchen Fällen kämen im Tönebön-Stift stiftungseigene Mittel zum Einsatz, so Schneider. Darüber sieht der Vorsitzende in Sachen Bürgerarbeit in Hameln noch Wachstumspotenzial und nennt als Beispiel den Nachbarlandkreis Schaumburg. „Selbstverständlich sind auch die Löhne zu gering“, stellt Schneider fest, und fragt sich, wie angesichts solch niedriger Löhne Fachkräfte in der Region und in den hiesigen Einrichtungen dauerhaft gehalten werden sollen?

So gesehen ist es kein Wunder, dass es in einigen Einrichtungen zu einer starken Fluktuation bei den Pflegeteams kommt, während in anderen Einrichtungen kaum ein nennenswerter Personalwechsel stattfindet. Über die Qualität eines Pflegeheims sage eine Fluktuation aber noch nichts aus, wohl aber die bundeseinheitlichen Transparenzberichte der medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK), so die Heimleiter gleichlautend. Dennoch sei eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Pflegeheim immer eine, die auf ganz individuellen Vorgaben fuße. Jungnitz: „Die Transparenzberichte und die daraus resultierenden Noten sind ein wichtiger Indikator für die Qualität einer Einrichtung, aber eben nur einer neben zahlreichen anderen.“

Wer sich die Mühe macht und zum Beispiel die frei zugänglichen Transparenzberichte im Internet studiert (www.aok-pflegeheimnavigator.de), wird erstens feststellen, dass fast alle Einrichtungen mit wenigen Ausnahmen mit einer Durchschnittsnote von 1,5 oder besser bewertet werden, und zweitens, dass sich die Preise keinesfalls proportional zur Gesamtnote verhalten.

Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich in diesem Zusammenhang allemal. Im oberbayrischen Rosenheim müssen Pflegebedürftige wesentlich tiefer in die Tasche greifen als hierzulande. Der Unterschied beträgt rund 10 Euro pro Tag (Pflegestufe I). Noch deutlicher wird es am Beispiel München, wo ein Pflegeheimplatz durchschnittlich rund 25 Euro teurer ist. Zum Vergleich Hannover: Dort sind es lediglich rund fünf Euro mehr als im Landkreis Hameln-Pyrmont.

Ingo Peters nennt deswegen als eine seiner wichtigsten Aufgaben, den Pflegekräften den Rücken zu stärken, sowohl im wahrsten als auch im übertragenen Sinne des Wortes. Darüber hinaus sei es in den letzten Jahrzehnten zu einem Verlust von sozialen Kompetenzen in der Gesellschaft gekommen, der nicht im Schweinsgalopp wieder rückgängig zu machen sei: „Wer heute aus dem Berufsleben aussteigt, um die eigenen Kinder zu betreuen oder die eigenen Eltern zu pflegen, der wird am Ende seines eigenen Lebens durch die Fehlzeiten bei den sozialen Sicherungssystemen bestraft.“ Genau umgekehrt müsste es der Ansicht des Heimleiters zufolge sein: Familien, die ihre Kinder selbst erziehen oder ihre pflegebedürftigen Angehörigen versorgen, müssten einen Bonus erhalten.

Ein besonders wertvolles Nebenprodukt dieser Vorgehensweise wäre, so vermutet Peters, dass sich soziale Verantwortung im engsten Familienkreis ganz individuell entwickeln könnte, und so fast verloren gegangene Werte in der Gesellschaft wieder an Bedeutung gewännen. Wie diese Werte nämlich zusehends abhandengekommen seien, zeige sich immer wieder in Gesprächen mit Kunden, die einen Heimplatz suchen. Jungnitz: „Die Pflegeversicherung ist eine Teilkasko- und keine Vollkaskoversicherung.“ Zuzahlungen für einen Heimplatz von 1000 Euro und mehr sind durchaus keine Seltenheit.

Für Stephan Nielsen, Fachbereichsleiter der ambulanten Pflege des DRK, steht ebenfalls fest, dass ohne zusätzliche finanzielle Mittel eine bedarfsgerechte Altenpflege in den nächsten Jahren hochproblematisch werden könnte. Seiner Meinung nach wäre es wichtigm, einerseits mehr Geld ins System zu bringen, andererseits den Ausbau alternativer Pflegeformen, wie beispielsweise die Tagespflege, stärker voranzutreiben. Eines jedoch stellt auch er fest: Sorgen um neue Kunden müssen sich die Pflegeeinrichtungen im südlichen Niedersachsen nicht machen, gilt die Region doch als eine der am schnellsten alternden in ganz Deutschland. Fachkräfte allerdings, insbesondere die junge, mobile und flexible Generation, in der Region zu halten, könnte angesichts der verlockenden Angebote aus dem Süden der Republik durchaus zu einem Problem werden.

Wie sich die Gesellschaft auf den demografischen Wandel einstellt, das ist vor allem ein soziales Thema. Aber eben nicht nur, denn bei allen moralischen und ethischen Ansprüchen müssen Unterstützungs- und Betreuungskonzepte für Senioren wirtschaftlichen Vorgaben genügen. Im fünften Teil unserer Hintergrundserie „Leben im Alter“ berichten Heimleiter und Führungskräfte über ihren Alltag.



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