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Wie das Portrait des Mindener Klinikum-Namenspatrons entstand / Am Wochenende ziehen die Patienten ein

Alte Pelzkappe als Vorbild für Johannes Weslings Nerz

Minden. Johannes Wesling (1598 bis 1649) gilt unter Belesenen als große Nummer. Da der im italienischen Padua lehrende Professore "besser war in der Lehre vor allen anderen", heißt es in einer frühen Würdigung, "bewunderte ihn ganz Europa". Allerdings hat es aus heutiger Betrachtung den Anschein, dass Bewunderer aus der Zunft der darstellenden Kunst den Namenspatron des neuen Mindener Klinikums nur in sehr überschaubarer Zahl heimsuchten. Inhaltsreiche Portraits des Gelehrten sind Mangelware. Auf den wenigen überlieferten Bildnissen ist zudem kaum mehr als das Antlitz zu erkennen. "Der hatte nicht mal richtige Klamotten an", sagt Bernd Spriew ald.

veröffentlicht am 28.03.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Herbert Busch

Spriewald kam im Rahmen der Neubaufacette "Kunst am Bau" die Aufgabe zu, von dem vor mehr als 400 Jahren in Minden geborenen "Mann mit dem Spitzbart" ein stimmiges (und repräsentatives) Konterfei zu fertigen. Dabei erwies es sich nicht unbedingt als vorteilhaft, dass dem in der Fachliteratur als "Begründer der vergleichenden Anatomie" beschriebenen Weserstädter im Laufe der Jahrhunderte nicht nur die Schreibweise seines Namens - mal fügten ihm die Geschichtsschreiber in der Mitte ein "S" hinzu, mal setzen sie ihm ein "V" statt des "W" voran - durcheinandergeriet. Auch dass die Historiker, einem schlechten Brauch folgend, ihre Schilderungen bedenkenlos von vorgeborenen Histörchenschreibern abpinselten und dass der "Spitzbart" nach und nach aus allen populären Enzyklopädien gefallen ist, war von Nachteil. "Ich musste sozusagen einen neuen Wesling erfinden", gibt der Künstler zu verstehen. Eine 1:1-Kopie des einzig als relevant bekannten und arg oberflächlich gestalteten Abbilds des auch unter dem Gelehrtenname "Veslingius" geführten Mindeners sei nicht gefragt gewesen. "Glücklicherweise waren die Gesichtszüge einigermaßen deutlich zu erkennen", erläutertder in Ovenstädt tätige Maler und Grafiker. Ansonsten indes: "Die Kleidung ohne Farbe und Struktur, Details Fehlanzeige, die ganze Dreiviertelbüstenchose ziemlich lieblos." Spriewald begab sich auf den von Koller, Kamisol und Schaube gepflasterten Weg in die Welt gepflegter Herrenoberausstattung des 16. und 17. Jahrhunderts. Studierte den Faltenwurf unterschiedlicher Tuche; experimentierte mit Leder, Fell und Filz. Und entschied sich schließlich für Pelz. "Eine Pelzweste kann man aber schlecht erfinden", klärt die Fachgröße auf, "das ist ja kein Gummi oder Latex." Für den "leicht violett durchschimmernden Nerz samt beinahe nicht sichtbarem weißem Unterhaar" bedurfte der stets nach der Natur arbeitende Künstler also einer Vorlage. Mittlerweile wurden die Auftraggeber unruhig. "Fast hätte ich unsere Katze genommen", prononciert der Auftragnehmer rückblickend. Das per Pinsel und Spachtel auf feinste belgische Leinwand aufgetragene Portrait (140 Zentimeter breit, 1,65 Meter in der Höhe) wies im vier mal fünf Meter messenden Atelier des Ovenstädters nach einem halben Jahr intensiven Schaffens zwar ein passables Gesicht aber kein "tragbares" Gewand auf. Für dessen Design musste schlussendlich eine abgehalfterte Pelzkappe aus dem Nachlass eines früheren Wegbegleiters herhalten. So kam es, dass die Kopfbedeckung eines gewissen Zerzaus nun dem Herrn Wesling in der tempelhohen Eingangshalle des Klinikums einen warm-behaglichen Ausdruck um die Nase zaubert. Und dass, ergänzt Spriewald, habe alles zueinander gefunden: Eine wohl vom damaligen Landrat Wilhelm Krömer persönlich "ver- blitzte" Vorlage, der ochsenblutrote Gemäldewandhintergrund, sibirischer Stiefelfilz (fürs Hemd), ein bewusst zurückgedrängtes (damit die Blicke sich nicht zu sehr darauf konzentrieren) und in Gold eingelegtes "Kreuz von Jerusalem" als Brustschmuck, eine dem Greifgliedmaß des Bildgestalters nicht vollends unähnliche Hand sowie das Zusammenspiel des in opalischem Hellblau changierenden Hemdes mit dem für den Bildgrund komponierten gläsernen Grün älterer Nordseeflaschen. Als Lohn der Mühen erntete Spriewald während der offiziellen Enthüllung des Kunstwerks ungeteilt positiven Zuspruch von allen Seiten. Der Name Wesling genießt (unter Belesenen) auch hierzulande einen respektablen Klang. Letzte wissenschaftliche Station vor der Übersiedlung des Mindeners nach Padua war (im Anschluss an Studien der Rechtswissenschaften und Medizin in Helmstedt, Leiden, Wittenberg und Groningen) die Universität Rinteln. Der Vater des Anatomen, Hermann Wesling, Dr. der lutherischen Universität Rostock, war in Stadthagen juristischer Berater des Fürsten Ernst von Holstein- Schaumburg, der seinerzeit die Residenz Bückeburg im Stil der Weserrenaissance ausbauen ließ. Vater Wesling bemühte sich seit 1608 um den Aufbau einer schaumburgischen Landesuniversität in Stadthagen und wurde deren erster Rektor.



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