weather-image
19°
×

Die Sage in Oper und Musical

Als Hamelns Pfeifer zum Totentanz bat

Totentanz auf totem Land – die Macht des Geldes als perpetuum mobile – Michael Endes schaurige Vision einer Welt, die Endspiel spielt. Hamelns Rattenfänger als Welttheater. Die Geschichte der verlorenen Kinder – für Ende: eine unvollendete; Märchenstoff und Apokalypse mit einem Spielmann als Erlöser und dem Auszug der Kinder als Rettung und Neubeginn“, wie es in der Besprechung der Dewezet nach der Uraufführung hieß.

veröffentlicht am 21.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 14.10.2019 um 15:33 Uhr

Autor:

Ein weiteres Kapitel der endlosen Rattenfängergeschichte nach Zuckmayers so spektakulärem Schauspiel, das sich allerdings nicht durchsetzen konnte – sooft es auch als Vorlage für Libretti herhalten musste. Spielort diesmal: die Opernbühne.

Zufälle, die sich zusammenfügen. Günter Niemeyer, 1985 verstorbener Senior-Verleger der Dewezet, hatte Zuckmayer in den 60er-Jahren auf die Spur der Hamelner Symbolfigur gebracht. Damals wünschte sich Zuckmayer von Wilfried Hiller eine Musical-Fassung für sein Schauspiel „Der fröhliche Weinberg“. Hiller lehnte zwar ab – mit der Begründung: „zu dialogbelastet“, doch dann wollte „Zuck“, wie der berühmte Dramatiker gerne apostrophiert wurde, dass Hiller nach der Züricher Premiere aus seinem „Rattenfänger“ ein Musikdrama machen sollte. Dann starb Zuckmayer – und der Plan zerschlug sich. Zufällig trafen sich Hiller und Michael Ende in Rom, der dort an seiner „unendlichen Geschichte“ arbeitete und bereits drei Szenen eines Rattenfängerstücks in der Schublade hatte. Die Folge: „Totentanz und Spiel vom Ende.“ Rattenfängerpremiere in Dortmund am 26. September 1993.

Feidmans Klarinette verzauberte alle

In der Dewezet war zu lesen: „So einmütig wie hier werden moderne Opernwerke nur selten gefeiert. Bravo-Rufe nicht nur für die Sänger und Darsteller – Bravos auch für Regie und Ausstattung – vor allem aber für Michael Ende und Wilfried Hiller. Und immer wieder: Begeisterung für Giora Feidman und seine ‚gläserne Klarinette‘, mit der er das Publikum verzauberte. Auch einen Wilhelm Homeyer und Theaterdirektor Rainer Steinkamp, die diese Uraufführung in der Dortmunder Oper miterlebten. Eine Hoffnung, dieses Werk vielleicht auf der Hamelner Bühne erleben zu dürfen.“

Das Hamelner Theater und das Detmolder Landestheater feierten mit einer Musicalinszenierung nicht den ganz großen Erfolg. Foto: Wal

Eine Hoffnung, die in Erfüllung ging. Am 19. September 1994 stand es in unserer Zeitung: „Totentanz, Endspiel und Spiel vom Ende – Hamelns Rattenfänger als Welttheater“. Ein großer Abend allemal, die Premiere der Rattenfängeroper zur Saisoneröffnung im Theater Hameln. Und mehr als eine Premiere: denn zum ersten Mal ist die heimische Bühne am Spiel direkt beteiligt. Ein Experiment, mit dem Theaterleiter Rainer Steinkamp eine neue Seite heimischer Theatergeschichte aufgeschlagen hat.“ Eine neue Seite, die später noch einmal bedient wurde, als das Landestheater Detmold ein Rattenfänger-Musical herausbrachte.

Fröst als „Lichtgestalt aus dem Nichts“

„Setzten die Dortmunder“, wie es in der Kritik der Dewezet hieß, „auf große Oper, weite Räume, opulente Bilder und mit Martha Mödl und Giora Feidman als Spielmann auf Starbesetzung, punktet das Theater Hildesheim als Ensemble. Bewusste Beschränkung gegen überbordende Kulinarik – Totentanz auf totem Land gegen eingegrenzten Raum. Didier von Orlowskys Apokalypse-Schau ist auf Spiel und Tanz reduziert – ist eher Welttheater à la ,Jedermann‘ und barocke Parabel – und der Rattenkönig als personifizierter Mammon.“

Auch dieser Rattenfänger lebt vom Rattenfänger und hat in Martin Fröst einen ebenso jungen wie bewundernswerten Protagonisten. War Feidman der geniale Klezmer-Spieler, Solist im wahrsten Sinn des Wortes, der mit seiner Klarinette grandiose Monologe hielt, ein Erlöser und Wanderer zwischen den Welten – ist Fröst, der junge Schwede, eine Lichtgestalt aus dem Nichts; ein verspielter Träumer und reiner Tor und eingebunden in diese alte Sage, die hier eine so bittere Deutung erfährt.

Und Fröst brillierte noch einmal als Rattenfänger, der keiner aus dem Bilderbuch ist – eher: beklemmender Totentanz. Michael Endes Endzeit-Vision der Hamelner Sage in einer beeindruckenden Inszenierung der Bühnen der Stadt Kiel im Juni 1996.

In der Dewezet hieß es dazu: „Premiere zur Kieler Woche – und die schönste, geschlossenste – sehr stilisierte und reduzierte – aufregendste Aufführung bislang. Keine Rettung, keine fixierten Schauplätze – stattdessen Spielorte. Star des Abends – wie schon in Hameln und Hildesheim – Martin Fröst, der diesmal aus dem Orchestergraben steigt, abgekoppelt ist von dieser Welt, Mysterium und Musik pur, unantastbar – aus einer anderen Welt, undefinierbar und einfach da.“ Was Ende zeigen wollte – und damit heute wieder ganz aktuell: die korrumpierte, durch Geld verödete Welt. Und als Fazit: „Das ist großes Welttheater und prachtvoll vorgeführt.“

Völlig an Hameln vorbeigegangen: Eine weitere Rattenfänger-Vision des österreichischen Komponisten Friedrich Cerha, der die Oper im Auftrag des „Steirischen Herbstes“ komponierte. Die Uraufführung in der Regie von Hans Hollmann fand 1987 in Graz statt. Auch hier stand Zuckmayers Stück Pate für das Libretto.

Eher als Randerscheinung: Anfang Februar 2004 erlebte „Der Rattenfänger von Hameln“, von Victor Ernst Nessler 1879 in Leipzig uraufgeführt, eine Wiederbelebung durch die Oper Freiberg, zu der die Dewezet eine Leserreise organisiert hatte. Die große romantische Oper Nesslers – der vor allem durch seinen „Trompeter von Säckingen“ populär wurde und 1884 anlässlich der 600-Jahr-Feier der Rattenfängersage zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde – war 1884 in Hamelns Tivoli zweimal mit großem Erfolg aufgeführt worden. Eine „lohnende Wiederbelebung – aber vermutlich kein neuer Siegeszug“, wie es in der Dewezet hieß.

Und da hieß es zur Musical-Premiere Ende März 1999: „Das also war’s – war’s das?“ Der erhoffte künftige Welterfolg der Welturaufführung? Immerhin: Bravo-Rufe. Ein Erfolg. Zweifellos: „Der Rattenfänger – diesmal als Musical – hat mit Bravour bestanden“, hieß es in der Dewezet nach der Premiere. Und weiter: „Doch in die Begeisterung fallen ein paar Wermutstropfen – denn einmal mehr erweist sich, dass Carl Zuckmayers Vorlage, nach der das Libretto von Martin Trautwein entstanden ist, Schwächen besitzt. Aus nichts als engagierten Stärken. Denn natürlich reizt, was hinter der Sage steht: der Gegensatz von Arm und Reich“.

Musical wurde kein Publikumsmagnet

Dennoch die ernüchternde Bilanz: „Hamelns Rattenfänger – eine unendliche Geschichte und unsterblich: Die Sage, die durch Brownings Poem die ganze Welt überzog – sich aber offensichtlich sperrt, wenn sie auf die Bühne soll. Weder als Schauspiel den ganz großen Erfolg feiern konnte noch als Oper – und vermutlich auch nicht als Musical. Aber vielleicht erwartet man auch zu viel vom Rattenfänger.“ Immerhin nutzte die Dewezet die Gelegenheit, die gemeinsame Produktion des Hamelner Theaters mit dem Landestheater Detmold zu begleiten und die Produktion zu dokumentieren. Rainer Steinkamps Hoffnung, mit der Musical-Inszenierung auch das Sommerloch stopfen zu können, hat sich allerdings nicht erfüllt, weil Hameln-Touristen in der überwiegenden Mehrzahl Tagesbesucher sind. So mussten die zusätzlich geplanten Aufführungen ersatzlos gestrichen werden.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige