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Als das Münster sein Gesicht veränderte

L uthers neue Lehre hatte die Gläubigen von der Furcht vor dem Jenseits befreit und den Ablasshandel zusammenbrechen lassen, da die Sorge um das eigene Seelenheil sowie das der Verstorbenen jetzt allein der Gnade Gottes anvertraut werden konnte. Die Vielzahl von Altären, Reliquien und Gnadenbildern war überflüssig geworden. Die Verkündigung von Gottes Wort, die Predigt in deutscher Sprache stand nun im Mittelpunkt eines jeden Gottesdienstes zusammen mit Lobgesang und Gebet der Gemeinde. Die Kirchen veränderten ihr Gesicht.

veröffentlicht am 23.09.2012 um 14:12 Uhr

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Autor:

Petra Rabbe-Hartinger

Nach dem Übertritt des Seniors Johannes Hornemann 1563 und der einstimmigen Wahl Rudolf Mollers zum Dekan 1561 hatte der Rat erste bauliche Veränderungen 1564 vorgenommen und die nun überflüssig gewordenen Neben- und Seitenaltäre aus dem unteren Bereich der Stiftskirche entfernt. Um die Schäden durch die Abbrüche zu beheben und die mittelalterlichen Wandmalereien zu überdecken, wurde ein Vertrag mit dem Hildesheimer Maler Jost Westhof geschlossen. Er sollte die Kirche hell streichen und „grau in grau auf weiß“ ein Lilienmuster ins Gewölbe malen.

Allerdings schoss der Rat mit dem Vorhaben, „das lectorium oder den niedersten chor ... ganz und gar auf beiden seiten hinweg(zu)nemen, auch das monumentum und begrebnis weiland graf Bernhards... abzubrechen und nicht zu leiden“ über das Ziel hinaus. Diesbezüglich ist entscheidend, dass sich über der Vierung, die durch einen Lettner und Chorschranken zum Mittelschiff abgegrenzt war und in deren Mitte sich das Grabmal des Grafenpaa-res befand, abgedeckt durch den liegenden Stifterstein, nach Norden die Stiftsempore erhob, goes genannt (von coetus, Versammlung, Kollegium). Das Stift hatte zwar den Abriss – auch durch die Fürsprache seines lutherischen Dekans Moller – verhindern können, jedoch muss es auch im Bereich der dem Stift gehörenden Vierung zu nicht näher bekannten baulichen Veränderungen gekommen sein, denn die „olderlude des Münsters zahlten Westhof 4 Taler extra, dat crutzifix und die bilder boven der goes“ anzustreichen.

Die Trennung des Münsters in Stift- und Stadtkirche führte in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu Streitereien zwischen Stift und Stadt um den Besitz der Vierung und der Eigentumsrechte an der Krypta. Ein Beispiel: Justus von Kiepe, Kanzler in den Diensten der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, errichtete 1646 gegenüber dem Redenhof einen Adelshof (ehemals Alte Marktstraße 7) und erwarb zur gleichen Zeit vom Hamelner Rat im Münster einen Kirchenstuhl sowie einen Begräbnisplatz in der Krypta unter dem Glockenturm, den er sogleich „um ein Stück Geld“ verschließen ließ und mit einem Schloss sicherte. Die Stiftsherren ließen alles wieder abreißen und der Propst Anton Walthausen begründete dies in einem Schreiben an die herzoglichen Räte: „Weilen nun dem uhralten Herkommen nach der Raht den Glockenthurm, an dessen Schwibbogen das wapen (der Stadt) inwendiglich gemahlet ist, außwendiglich in baw und beßerung hält, die Stiftsherren aber unter demselben von alters nicht allein ihren Kirchenstand, die disposition über ihre Glocken, dann die Schlüssel und possession zu dem untersten gewölbe questionis bis uff diese Zeit gehabt haben.“ Der Rat dagegen bestand auf seinem Verkaufsrecht gerade deswegen, weil er seit 1564 sein „Insignum an dem äußersten Schwibbogen nach dem Chorwerck“ angebracht habe und das Kiepesche Begräbnisgewölbe unter der Vierung und eben nicht unter dem Hohen Chor läge.

Prächtiges Epitaph des Jurastudenten Konrad Reiche in patrizischer Kleidung, gest. 1626 im Alter von 21 Jahren. Foto: C. Wulf

Doch zu Beginn des 17. Jahrhunderts veränderte sich das Innere des Münsters zusehends durch getrennte Aktivitäten von Stadt und Stift gleichermaßen und es ist davon auszugehen, dass auch in dieser Zeit der Lettner und die Chorschranken endgültig entfernt wurden. Die Krypta, als Ort der Liturgie überflüssig geworden, hatte man schon im 16. Jahrhundert verschlossen sowie Jahre danach die Kapelle unter dem Kapitelsaal und die Elisabethkapelle.

Auf Seiten der Stadt ver-zeichneten 1624 die Kämme-reirechnungen 91 Taler, die der Provisor des Münsters, Peter Bock, für den Bau eines neuen Altares gebraucht hatte, der „überaus sauber geschnitzt ...weiß mit Gold vermahlet“ war und genauso wie die Kanzel von 1619 ein neues evangelisches Bildprogramm zeigte. An der Kanzel, deren Tür unter anderem die Porträts von Luther und Melanchthon zierten, waren die vier Evangelisten abgebildet sowie Paulus und „der Heyland, der ein Schaf auf den Achseln trägt“. Pastor Herr berichtete 100 Jahre später auch von einem daneben stehenden Taufstein mit dem „Hämelschen Wappen daran“, an dem erstmals Henning von Reden am 9. Juni 1625 ein „Knäblein“ taufen ließ. Kanzel, Altar und Taufe waren in den Blickpunkt der Gemeinde gerückt und um für annähernd jeden Gottes-dienstbesucher einen Sitzplatz zu haben, füllte sich die Kirche mehr und mehr mit Gestühl, das vermietet wurde und wovon noch Stuhlregister zeugen, und mit Emporen oder Priechen. Im nördlichen Seitenschiff wurde eine Prieche für die Bürger gebaut, ganz mit Wappen bemalt, deren Namen der Pastor Herr im 18. Jahrhundert teilweise noch lesen konnte, wie zum Beispiel Reimerdes, Klenck, Scadeland und Bosse. 1649 errichtete der Rat sich eine eigene Prieche im Süden gegenüber der Stiftsherrenempore (goes) mit einem Fenster in der Rückseite, das das Stadtwappen zeigte sowie die Wappen der Provisoren der Kirche Johann Schlüter und Johann Schwartze. Rechts neben der Orgel erhob sich die Prieche der Kaufmannsinnung von 1643, die sogar ein paar Jahre später eine zweite Stuhlreihe erhielt. 1686 reichten die Plätze an der Nordseite erneut nicht aus, und es wurde eine neue „lange und große Prieche“ errichtet, was durch Zerstörungen an Pfeilern und Kapitellen neben Tischler- auch Malerarbeiten verursachte.

Aber es gab auch Familienemporen: Die „Emporprieche derer von Rheden“ auf der Nordseite, links von der Orgel auffällig unvermalt, die Prieche der Familie Amelung und der „Stuhl“ der Grafen von Spiegelberg, der an Stelle des von ihnen 1416 gestifteten und 1567 abgebrochenen Altars St. Mauritius errichtet worden war. Die Priechen wurden durch „Armleuchter“ erhellt, die entweder von Familien oder von Ämtern und Innungen gestiftet wurden und Wachsdeputate erhielten. In der Mitte des 17. Jahrhun-derts wurden auch die gro-ßen Kronleuchter von Hamelner Bürgern gestiftet, von denen einige heute im Nordschiff hängen nebst angehängten Wappen. Zur Krone von Jost Polmann und Anna Margaretha Matthias von 1679 gehörten zusätzlich viereinhalb Pfund Wachs aus den Erträgen von drei Morgen Land am Klüt. Diese Stiftungen waren nicht nur wertvoll und bekundeten die enge Verbundenheit der Hamelner Oberschicht mit dem Münster, sondern demonstrierten auch Macht, Einfluss und Wohlstand des aufstrebenden Bürgertums. Aber solche Ausstattungsstücke weckten auch Gelüste: 1691 verschwand die Spilkersche Krone, deren Teile, wie sich herausstellte, vom Münsterküster Beneke für Bier und Schnaps versetzt worden waren.

Bis ins 17. Jahrhundert besaß allein die Stiftskirche St. Bonifatius das Begräbnisrecht und den einzigen Friedhof in Hameln. Sie behielt ihre Bedeutung als Begräbnisort weit über die Reformation hinaus. Seit 1560 ließ sich vermehrt die Hamelner Oberschicht im Münster sowie auch bis ins 18. Jahrhundert im Kreuzgang begraben, den Herr daher 1745 als Patrizierfriedhof bezeichnete. Er schloss sich im Süden an die Kirche an und war spätestens seit dem 13. Jahrhundert ausschließlich Stiftsherren als Begräbnis-platz vorbehalten gewesen.

Wohlstand und wachsenden Bürgerstolz zeigten nicht nur die Kleidung auf den vielen erhaltenen Grabsteinen und Epitaphien, sondern auch die Inschriften der nachreformatorischen Zeit. Sie sind geprägt von humanistischen Einflüssen, zumeist in Form lateinischer Grabgedichte verfasst und ein Hinweis auf reformatorische Bildungsideale der Hamelner Bürger. Gleichzeitig fanden sich zunehmend Stilelemente der Renaissance auf den Grabmälern sowie Ahnenproben, sodass bald keine Unterschiede mehr zwischen adligen und bürgerlichen Grabmälern erkennbar waren.

Auch die Stiftsherren veränderten ihre Kirche. Auf dem Hohen Chor befanden sich noch der Altar mit dem mittelalterlichen Aufsatz (heute im Museum) und das Ge-stühl der Kanoniker. Die Rückenlehnen der acht Plätze auf der Südseite waren mit „Bildern gezieret, alß dem Bildniß Christi, Maria und 6 Apostel“ und auf der Nordseite mit „dem Bildniß Johannis des Täufers, St.Bonifacii und 6 Apostel“, wobei die Zwischenräume mit „allerhand Laubwerck vermalet“ waren.

Nach 1636 kamen dann evangelische Bilder hinzu, die von dem Stiftsherren Johannes Block gestiftet wurden: 14 Gemälde auf Leinwand, einzeln gerahmt und oben an der Mauer befestigt, welche die „Geschichte des beklagens-werten Leidens und Sterbens unseres Erlösers und Herrn Jesus Christus“ darstellten.

1686 stiftete der Stiftsherr Urbanus Höcker vier große Bildtafeln für den Hohen Chor mit den vier Evangelisten zur „Ehre Gottes und zum Schmuck für diese Kirche“, und auch der Messingkron-leuchter war ein Geschenk eines Kanonikers.

Wie im Verantwortungsbereich der Stadt blieb auch im Stiftsbereich Altes erhalten und wurde durch evangeli-sche Bilder ergänzt. Dieser nicht bilderstürmerische Umgang mit der vorhandenen mittelalterlichen Ausstattung wurde im Münster auch daran deutlich, dass im heutigen Kapitelsaal, der ehemaligen Stiftsakristei, noch zu Pastor Herrs Zeiten „allerhand Reliquien und Alterthümer aus dem Pabstthum“ aufbewahrt wurden und sich im nördlichen Querhaus oben an der Wand noch Klappaltäre befanden sowie das dort bis heute zu sehende Madonnenrelief.

Eine Unterbrechung des konstanten Umbaus der Kirche brachte der Dreißigjährige Krieg, von dessen Geschehen Hameln erstmals 1622 berührt wurde. 1625 kam es zur Besetzung durch kaiserliche Soldaten unter Tilly und 1629 zum kaiserlichen Restitutionsedikt, das die nach 1552 in protestantischen Besitz gekommenen Gebiete zurückforderte, was auch Hameln betraf. Das Stift wurde rekatholisiert, die Jesuiten übernahmen Schule und Stift, und der protestantische Propst Anton Walthausen sowie widerstrebende Kanoniker wurden vertrieben. 1633 war der Spuk vorbei, und Schule und Stift wurden wieder protestantisch. Die Schule, die sich im Stiftsgebäude über dem südlichen Kreuzgangflügel befand und ruiniert war, wurde sorgsam renoviert und sogar um einige Klassen erweitert, und in der Kirche wurden ebenfalls Spuren der Abrisse durch die „Katholischen“ beseitigt. Die üppige und wertvolle Ausstattung des Kircheninneren nach der Reformation durch Hamelner Bürger zeigte deren enge Verbundenheit mit ihrem Münster. Erst nach 1803 verschwanden alle Einbauten, und nur Weniges ist noch heute im Museum zu finden.

Norddeutschland war evangelisch. Die Konzentration auf Kanzel und Altar veränderte das Innere der Kirchen ganz elementar, und auch das Hamelner Münster St. Bonifatius wurde im 17. Jahrhundert in eine lutherische Predigtkirche umgewandelt. Im Rahmen des Münster-Jubiläums ein Blick zurück.



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