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Alwin Steinmeier hat in 25 Jahren als Standesbeamter im Pyrmonter Rathaus eine Menge erlebt

Als das Brautkleid schwarze Sprenkel kriegte

Bad Pyrmont (jl). Für die einen soll es „der schönste Tag“ ihres Lebens sein, für den anderen ist es Alltag: Die meisten der etwa 2500 Paare, die sich in den letzten 25 Jahren in der Kurstadt trauen ließen, bekamen es dabei mit einem Mann zu tun: Alwin Steinmeyer. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet er als Standesbeamter im Pyrmonter Rathaus.

veröffentlicht am 30.12.2009 um 11:04 Uhr
aktualisiert am 18.03.2010 um 16:50 Uhr

Jasmin Meier

„Man ist der Buchhalter des Lebens“, sagt der 61-Jährige. „Wer keine Geburtsurkunde hat, existiert streng genommen gar nicht.“ Und ohne Sterbeurkunde sei ein Mensch offiziell nicht tot. Doch abgesehen vom rein Formellen erlebt Steinmeyer in seinem Amt ganz konkret, wie die Zeit vergeht. So etwa, „wenn ein junges Paar sich bei mir trauen lässt, dessen Eltern ich schon verheiratet habe.“

Auch wenn die Zeitspanne seit 1985 so lang nicht scheint, hat sich seither doch einiges geändert. Wie anderswo, so hat auch im Standesamt die Einführung der EDV die Arbeit vereinfacht; ein Tippfehler zwingt heute nicht mehr zum Neuschreiben einer kompletten Urkunde.

Doch auch gesellschaftliche Trends prägen die Arbeit: So verzichten heute bis zu 40 Prozent aller Paare auf eine kirchliche Trauung. Deshalb sieht sich der Standesbeamte gefordert, „den formellen Akt etwas auszuschmücken“. Bis zu 40 Minuten kann eine Trauung dauern, für ganz Eilige kann Steinmeyer auch kürzer. „15 Minuten müssen die Leute aber mindestens einkalkulieren“, betont der seit 37 Jahren verheiratete Vater zweier Kinder.

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Praktische Ratschläge statt salbungsvoller Sprüche: Alwin Steinmeier erzählt von seiner Arbeit als Standesbeamter. Fotos: jl

„Salbungsvolle Sprüche“ mag Steinmeyer indes nicht. „Ich versuche lieber, gerade jungen Paaren deutlich zu machen, dass der gemeinsame Lebensweg auch mal steinig sein kann.“ Auf diese Weise einen Moment lang für nachdenkliche Gesichter zu sorgen, findet er nur recht und billig. Und hofft: „Vielleicht bleibt ja das eine oder andere haften.“

So sehr die rund 100 Eheschließungen pro Jahr für ihn zum Alltag zählen, so haben sich ihm einige doch unauslöschlich eingebrannt: „Einmal habe ich die Schwester einer Braut als deren Mutter begrüßt“, erinnert sich Steinmeyer. „Das war peinlich.“ Ein andermal trieb es dem Standesbeamten die Schamesröte ins Gesicht, als er das weiße Kleid der Braut beim Hantieren am verklemmten Füllfederhalter mit schwarzer Tinte besprenkelte. „Da hat dann jemand im Drogeriemarkt Tintenkiller besorgt. Aber das machte alles noch viel schlimmer“, erinnert sich der Standesbeamte, den der zeitliche Abstand inzwischen darüber schmunzeln lässt.

Und dann war da noch die Braut, die sich nach der feierlichen Beurkundung wieder setzen wollte, aber zu Boden ging, weil jemand ihren Stuhl verrückt hatte.

Eine andere junge Frau brauchte Steinmeyers Trost, als ihr Liebster nicht im Standesamt erschien. „Damals gab es noch keine Handys“, sagt Steinmeyer. So konnte der Galan nicht erklären, dass er im Stau stand. „Weil zwei Hochzeitsgesellschaften gleich hinterher ihre Termine hatten, musste ich die Braut und die Gäste aus dem Trauzimmer schicken“, erinnert sich der 61-Jährige. Immerhin fand die Hängepartie ein gutes Ende, als der Bräutigam dann eintrudelte.

Ein bisschen Fracksausen hatte Steinmeyer, bevor er 2001 die erste Lebenspartnerschaft zweier Männer besiegelte. „Weil dabei andere Begriffe verwendet werden müssen als bei Ehepaaren, habe ich mir vorher einen Spickzettel gemacht“, gesteht er. Schließlich aber brachte er seinen Einsatz ohne Not und fehlerfrei über die Bühne.

Allerdings erschöpft sich die Arbeit im Standesamt längst nicht in Trauungen. Ebenso hat es Steinmeier mit Eltern zu tun, die kommen, um den Tod ihres Kindes beurkunden zu lassen. Und auch Vaterschaftsanerkennungen zählen zu seinen Aufgaben. Derweil beantwortet seine Mitarbeiterin Sabine Fasse nebenbei am Telefon auch schon mal die Frage nach der Geburtszeit. „Fürs Horoskop“, erklärt die schmunzelnd. Und Steinmeyer benennt eine Herausforderung seines Berufs: „Man muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen.“ Als er sich seinerzeit um die Stelle bewarb, „wusste ich das nicht“.

Davon, Trauungen auch im Pyrmonter Schloss anzubieten, war Steinmeyer anfangs auch wenig begeistert. „Ich glaubte, man verzettelt sich.“ Aber inzwischen findet er seine Einsätze im Schloss „große Klasse“. 40 waren es allein in diesem Jahr.

Einen der dramatischsten Einschnitte hat dem Standesamt die Schließung der beiden Pyrmonter Entbindungsstationen vor zehn Jahren beschert. Denn seither werden im Rathaus nur noch die Hausgeburten verzeichnet. Und das sind pro Jahr höchstens eine Handvoll. „Ich hätte das gern weitergemacht, auch weil das Geburtenregister der Stadt einen gewissen Status bringt“, sagt Steinmeier.

Den kennt seine Nachfolgerin Jasmin Meier nur noch aus Erzählungen. Für die 27-jährige Wörderfelderin, die ihren Dienst offiziell am Freitag antritt und noch bis August 2010 eingearbeitet wird, ist die Anfang 2009 eingeführte rein elektronische Beurkundung längst Alltag. Und Alwin Steinmeyer freut sich – nicht zuletzt, weil sich im Rathaus eine so „nette und charmante“ Nachfolgerin für ihn gefunden hat.



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