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Professor Reinhard Brandt stellt am Gymnasium Ernestinum seine Aphorismen vor und sprichtüber die Frage "Was ist Philosophie?"

Allzu perfekte Antworten zu Bienentanz und Erdmännchen-Zeichen

Rinteln. Philosophie, das ist in den Augen vieler Schüler (und auch Erwachsener) ein eher lebensfernes Räsonieren über abstrakte Themen, die den Alltag kaum berühren. Als der Marburger Philosophieprofessor Reinhard Brandt nun auf Einladung von Lehrerin Dr. Ulrike Santozki in Gymnasium Ernestinum kam, ging es auch darum, dieses Vorurteil zu widerlegen.

veröffentlicht am 22.11.2007 um 00:00 Uhr

Philosophieprofessor Reinhard Brandt. Foto: cok

Autor:

Cornelia Kurth

Bereits im letzten Schuljahr hatte Ulrike Santozkis 10. Klasse Kontakt zum Professor aufgenommen. Der, sonstüberwiegend als Kant-Forscher bekannt, schreibt nämlich gerade an einem Büchlein, das philosophische Fragen versteckt in kleinen unterhaltsamen Texten, einer Mischung aus Anekdoten, fingierten Zeitungsmeldungen, aufgeschnappten Gesprächen oder gar scheinbar erst jetzt entdeckten Manuskripten alter Philosophen. Die Schüler hatten dem Professor einen Brief mit Fragen und Änderungsvorschlägen gesendet und daraufhin eine sehr aufgeschlossene Antwort erhalten. "Für mich ist es nichts Ungewohntes, meine Texte mit anderen Menschen zu diskutieren und Änderungsvorschläge anzunehmen", sagt Reinhard Brandt. Tatsächlich hat er manche Abschnitte seines Buches aufgrund der Schülerkritik umgearbeitet, andere ganz neu geschrieben, was die ehemalige 10. Klasse durchaus mit Stolz erfüllen kann, wenn sie die "Reflexionen für Unterricht und Reise", das im nächsten Jahr im Hanser-Verlag erscheinen wird, später noch einmal lesen. Während seiner insgesamt vier Veranstaltungen für die Oberstufe am Ernestinum hielt er zunächst einen Einführungsvortrag zum Thema "Was ist Philosophie?", in dem er vor allem die Fähigkeit des Menschen zur Selbstreflektion hervorhob. Diese Selbstreflektion zeige sich nicht nur bei der Suche nach "Wahrheit", sondern auch in den Bereichen der Ästhetik, der Moralphilosophie und der Rechtsphilosophie. Auch was neueste Erkenntnis in der Neurobiologie betreffe, müsse die Philosophie unbedingt mitreden, weil sie den Menschen als Ganzes im Blick habe. Thesen wie die, dass es allein das Gehirn sei, das denke und ein "Ich"-Bewusstsein einzig aus neurologischen Vorgängen im Gehirn erklärt werden könne, seien abwegig, sobald man philosophisch über die Entstehung des Denkens reflektiere. Das Denken sei unmittelbar mit der Sprache verknüpft und diese aus dem ursprünglichen, nur dem Menschen mögliche "Zeigen" in einer Lebenswelt entstanden. Hier nun warf eine kluge Schülerin Gegenargumente ein, wies auf den Tanz der Bienen hin oder auf die Zeigebewegung der "Erdmännchen", wenn sie ihre Kumpane auf Gefahren aufmerksam machen. Im Handumdrehen hätte eine spannende Diskussionen entstehen können. Doch Brandt, nicht untypisch für Philosophieprofessoren, bemühte sich sofort um perfekte Antworten, machte damit ein weiteres Nachfragen unmöglich und nahm sich selbst die Chance, die Wirkung seiner Ausführungen auf die jungen Zuhörer zu prüfen. Das war schade. Von einem kritischen Gespräch über seine Textsammlung konnte daher kaum die Rede sein. Dabei eignet sie sich eigentlich hervorragend dafür, genau die Selbstreflektion zu erproben, die dem Philosophen so wichtig ist. Trösten über dieses kleine Manko der Veranstaltung kann ja aber die unbenommene Möglichkeit, mal wieder einen Brief zu schreiben.



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