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Abendgespräch mit Integrationsberater Stephan Hartmann zur Lage der Zuwanderer

"Alltäglicher Rassismus nimmt zu - und er ist ein Problem der Älteren"

Rinteln (cok). Selten war ein Vortrag bei den "Rintelner Abendgesprächen" zugleich auch ein so lebhaftes Frage- und Antwort-Spiel wie jetzt beim Referat von Stephan Hartmann, Integrationsberater beim Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt. Unter dem Titel "Schaumburg ist bunt" berichtete er im Nikolai-Gemeindesaal über die Situation der Zuwanderer im Landkreis und über den "Kommunalen Aktionsplan für Weltoffenheit und Demokratie, gegen Rassismus und Intoleranz".

veröffentlicht am 23.04.2007 um 00:00 Uhr

Etwa 9140 Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit leben unter den 165 000 Einwohnern des Landkreises Schaumburg. Sie kommen aus insgesamt 121 Nationen, allen voran aus der Türkei (etwa ein Drittel aller Zuwanderer), dann aus Italien (712), Polen (635) und Griechenland (543). Auch jeweils fast 300 Russen und Engländer sind dabei, je etwa 140 Libanesen und Holländer, dazu je um die hundert Iraker, Ukrainer, Vietnamesen und Kasachen. Und von 195 Menschen weiß man nicht recht, was es mit ihrer Staatsangehörigkeit auf sich hat. Für alle diese Menschen ist Integrationsberater Stephan Hartmann die einzige Anlaufstelle, wenn es Probleme gibt rund um den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit, um Fragen des Bleiberechts oder einer drohenden Abschiebung. Er stellt den Kontakt mit der Ausländerbehörde her, sucht nach Rechtsanwälten, hilft bei Übersetzungsproblemen. 297 Zuwanderer erhielten im letzten Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft - aber Anträge gibt es viel mehr. "Wo sind denn in ihrer Statistik die ganzen Aussiedler geblieben", fragte ein Zuhörer und erfuhr, dass Aussiedler - die allermeisten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion - nicht gesondert erfasst werden, da sie die deutsche Staatsangehörigkeit ja bereits besitzen. "Rund ein Viertel aller im Landkreis lebenden Menschen haben einen so genannten Migrationshintergrund", betonte Hartmann, und spätestens an diesem Punkt seines Vortrages häuften sich die Fragen aus dem Publikum: "Können ,Deutsche' aus aller Welt jederzeit wieder hierher zurückkommen?" - "Bemühen sich politische Flüchtlinge mehr um Integration als ,Wirtschaftsflüchtlinge'?" - "Wie kann man Migranten dazu bringen, die deutsche Sprache schneller und besser zu erlernen?" - "Was behindert Integration mehr: Religionszugehörigkeit oder Tradition?" Das waren Fragen, die eine bei fast allen Zuhörern spürbare Sorge zum Ausdruck brachten, das Problem der Integration von Ausländern sei vielleicht niemals wirklich in den Griff zu bekommen. "Ich habe das Gefühl, die Bemühungen dazu gehen recht einseitig nur von den Deutschen aus", so ein Mann aus dem Publikum. Stephan Hartmann versuchte, solche Bedenken zu relativieren: "Worum geht es denn, um Integration oder um Assimilation, um die totale Anpassung? Wenn Deutsche auswandern, haben auch sieüberall das Bedürfnis, sich mit anderen Deutschen zusammenzutun und ihre Tradition und ihre Muttersprache möglichst zu bewahren." Bis zum Jahr 2050 brauchte Deutschland 50 Millionen Zuwanderer, wenn die heutige Wirtschaftskraft aufrechterhalten werden soll. "Dann gibt es kein Deutschland mehr", meinte einer. "Das kommt darauf an, wie wir in einem neuen Deutschland miteinander umgehen", so Hartmann. So sieht der "Kommunale Aktionsplan", der 2003 in einem Workshop mit 80 Teilnehmern aus Gewerkschaftsbund, Kreisjugendring, verschiedenen Kommunikationszentren und der AWO entwickelt wurde, nicht nur vor, verbesserte Möglichkeiten der Integration von Ausländern zu schaffen (vor allem durch Sprachförderung), sondern beide Seiten für ein interkulturelles Zusammenleben zu öffnen, in dem das Fremde als Bereicherung angesehen werden kann. "Der alltägliche Rassismus hat zugenommen", sagt Hartmann. "Und er ist vornehmlich ein Problem der älteren Generation, auch wenn unsere Gesellschaft das gerne auf die Jugendlichen abschieben möchte."



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