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Niemand darf Saatgut verkaufen, das nicht durchs Bundessortenamt zugelassen wurde

Alles streng genormt

Bis auf wenige Ausnahmen darf niemand, der Obst, Gemüse oder Getreide gewerblich anbaut, nach Belieben säen, was er für richtig hält, niemand darf Saatgut verkaufen, das nicht durchs Bundessortenamt zugelassen wurde, und wer lizenzierte Sorten doch selber anbaut, muss Lizenzgebühren zahlen. Heute legt eine EU-Kommission den Entwurf für neue, noch strengere Vereinheitlichungsregelungen vor, die europaweit gelten sollen. Kritiker befürchten eine weitere, gefährliche Verarmung der Sortenvielfalt.

veröffentlicht am 06.05.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 10:51 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Der freie Umgang mit Saatgut ist ein Grundrecht“, meint etwa Landwirt Ernst Steenken vom niedersächsischen Landesverband „Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft“. „Wir fürchten, dass es keine 20 Jahre dauert, und dann hat die Industrie die herkömmliche Landwirtschaft komplett geschluckt. Dann bestimmen nur noch internationale Konzerne, was bei uns angebaut wird. Die werden in erster Linie auf ihre Ertragszahlen gucken und weniger darauf, ob uns unsere Lebensmittel überhaupt schmecken. Alternativen? Die gibt es dann nicht mehr.“

Ob sich die Lage tatsächlich so zuspitzen wird, ist noch Spekulation. Tatsache aber bleibt, dass die Durchsetzung europaweit einheitlicher Regelungen im Saatgutverkehr genau die Schlupflöcher schließen soll, die bisher dadurch gegeben sind, dass die einzelnen Länder die aktuellen EU-Vorgaben unterschiedlich auslegen. Geplant ist die Ausweitung eines Zulassungszwangs mit Prüfverfahren, die so teuer sind, dass sich nur noch Großkonzerne eine Lizenzierung leisten können. Wer sich dem Verfahren entziehen will, muss sich vor dem Gemeinschaftlichen Sortenamt rechtfertigen und mit Verwaltungsstrafverfahren rechnen. Was soll dann mit den vielen lokal angepassten, traditionell überlieferten oder nur noch seltenen Sorten geschehen?

Die Gegenfrage könnte da lauten: Wozu braucht man solche Sorten überhaupt? „Ja, die Vielfalt wird durch strenge Zulassungsverfahren klar eingeschränkt“, sagt auch Karin Dieckmann, im Nienstädter Samenzuchtbetrieb „Dieckmann-Seeds“ für die Produktentwicklung zuständig. „Doch das hat auch seinen Sinn. Wir brauchen Sorten, die perfekt dafür sorgen können, dass unsere Bedürfnisse rund um Ernährung, Futtermittel und Energie zuverlässig befriedigt werden. Die strenge Normung des Saatguts sorgt dafür, dass die Landwirtschaft kalkulierbar ist, weil man wirklich genau das bekommt, was man bestellt hat.“

Hobbygärtner dürfen züchten und anbauen, was sie wollen.
Hobbygärtner dürfen züchten und anbauen, was sie wollen. Foto:Fotolia

Lizenzgebühren müssten sein, da die Zucht von Hochleistungssorten Jahre intensiver Arbeit und Investitionen bedeute. „Unser Betrieb züchtet auf höchstem Niveau, und doch überstehen von den vielen Anmeldungen beim Bundessortenamt nur wenige das strenge Zulassungsverfahren. Da entstehen Kosten, die nur wieder reinkommen, wenn wir große Mengen auf den Markt bringen können – und wenn die Landwirte dann tatsächlich auch Lizenzgebühren in genau der Höhe zahlen, die dem Wiederaussaatvolumen entspricht.“ Dass sich eine extreme Konzentration auf wenige international wirkende Saatgutfirmen zuspitzt, bestätigt sie durchaus, zumal da das US-Unternehmen Monsanto kürzlich Teile von „Dieckmann-Seeds“ übernommen hat.

Nun scheint auch die EU-Kommission für den Saatgutverkehr den Gedanken der Sortenvielfalt nicht ganz außer Acht zu lassen. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2012, nach dem Hobbygärtner und Kleinbauern in beschränktem Rahmen sehr wohl auch nicht lizenziertes Saatgut vermehren und weitergeben dürfen, solle im Prinzip Bestand haben, heißt es in einer Pressemitteilung. Gefordert werde in diesem Bereich nur, dass Kleinbauern im Obst- und Gemüsebau mit ihren alten, lokalen Sorten ein abgespecktes, kostengünstiges Registrierungsverfahren durchlaufen. Traditionelle Sorten, die in ihren jeweiligen Regionen nachweislich bereits auf dem Markt sind, sollten also keine Probleme bekommen.

„Das klingt allerdings nach viel mehr, als es in Wirklichkeit bedeutet“, so Helmut Sobottka vom Bioland-Marienhof in Esperde, der unter anderem auch den Wochenmarkt in Hameln und mehrere Supermärkte der Region, unter anderem den Edeka-Markt in Hessisch Oldendorf beliefert. „Für uns Bio-Landwirte gelten in Bezug aufs Saatgut insgesamt kaum andere Regeln als für die Landwirtschaft insgesamt.“ Das bestätigt Eckhard Reiners, im Bundesverband Bioland der Mann für die Richtlinien und Qualitätssicherung. „Die Hürden für eine Sortenzulassung sind schon jetzt teilweise absurd hoch angesetzt“, sagt er. „Das Kriterium der Samenfestigkeit ist natürlich auch für uns wichtig, doch wenn die Sorten dann auch noch eine durchgehende Homogenität aufweisen müssen, werden Weiterzüchtungen praktisch unmöglich gemacht.“

Es sei gut, dass alte Sorten prinzipiell weiterhin zugelassen sein sollen, doch bringe das nicht viel, wenn man sie nicht weiterentwickeln darf, ohne ein unüberwindbares Zulassungsverfahren zu überstehen. „Es gab zum Beispiel samenfeste Züchtungen bei Zuckermais, Erbsen oder Blumenkohl, hervorragende Sorten in unseren Augen, deren Zulassung daran scheiterte, dass entweder die Blätter unterschiedlich groß wuchsen oder die Blütenfarbe nicht homogen genug war. Unter solchen Bedingungen wird man kaum Bio-Züchtungen voranbringen können.“ Was er sich wünschen würde: Dass man verstärkt dem Markt überließe, welche Sorten sich durchsetzen oder bestehen bleiben und welche untergehen.

Von einem freien Saatgut-Markt kann nun kaum die Rede sein. Der Raiffeisen-Markt in Rinteln etwa bezieht sein Handelsgut, zugelassenes Saatgetreide von Gerste, Weizen, Hafer, von drei großen Firmen. Brächte ein Kleinbauer ein tolles Produkt an, um die Samen im kleinen Rahmen zu vermarkten, es wäre verboten, diesen an Kunden weiterzugeben. Neues kommt nur im Rahmen von Prüfungsverfahren aufs Feld, wenn sie nämlich deutschlandweit auf insgesamt 100 Hektar ausgesät werden, um zu testen, ob sie sich in Schleswig-Holstein, im Schaumburger Land oder in Bayern gleichermaßen beständig entwickeln. Hiesige Proben gehen an die Landwirtschaftskammer Hameln. Die gibt gegebenenfalls die Partie frei, danach ist das Bundessortenamt zuständig.

„Es heißt, Kleinbauern dürften in regionalem Rahmen am Markt bestehende eigene Sorten anbieten und weitergeben“, so Landwirt Ernst Steenken. „Aber bisher sieht es so aus, als sei es die EU, die nun generell bestimmt, was ,klein‘ und was ,groß‘ ist. Die Bio-Betriebe sind ja auch ,groß‘. Mit dem strengeren und vor allem verteuerten Verfahren haben sie kaum eine Chance, neue zulassungsfähige Sorten zu züchten.“ Zum Problem einer immer mehr zerstörten genetischen Vielfalt komme, dass die jeweils neuesten Zuchtsorten gar nicht unbedingt die besten seien, sondern oft nur diejenigen mit dem höchsten Saatertrag, was sie für die Konzerne besonders reizvoll mache. „Doch wir Landwirte haben da kaum eine Wahl.“

Worauf Biobetriebe, die „Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft“ und Organisationen wie die „Saatgutkampagne“ nun noch setzen, ist der Europäische Gerichtshof, dessen Vertreter schon einmal Verordnungsentwürfe der EU-Kommission zugunsten der Sortenvielfalt relativierten und urteilten, dass gewisses Saatgut auch ohne amtliche Zulassung in geringen Mengen regional gehandelt werden darf. Wenn heute die neuen Saatgutverordnungen zunächst durchgewinkt werden, wird der Europäische Gerichtshof, so hofft man, prüfen, ob diese Regelung trotz europäischer Normierungsvorgaben weiterhin praktikabel bleibt.

„Es ist trotzdem einfach ein Wahnsinn“, meint Ernst Steenken. „Wir sollen uns freuen, dass Hobbygärtner anbauen dürfen, was sie wollen, und Saatgut ihrer Lieblingssorten straflos an den Nachbarn weitergeben können? Und dankbar sein, dass in kleinstem Ausmaß vielleicht erlaubt bleiben wird, regionale Traditionssorten tatsächlich am Wochenmarktstand anzubieten?“ Es sei schon ein eigenartiges Gefühl, wenn er an seinen Vater denke, und wie der seine beste Gerste wegstellte, um sie dann reinigen und beizen zu lassen für die nächste Aussaat.

„Eigenes Saatgut, das war und ist der Ursprung von allem“, sagt er. „Eigentlich.“

Die Zeit, in der Landwirte die Saat ihrer besten Gewächse sammelten, um sie im nächsten Jahr in der Hoffnung auf hohen Ertrag neu auszusäen, ist längst vorbei. Saatgut wird eingekauft, jedes Jahr neu von Firmen bezogen, die mit langjährig geprüften Hochleistungs-Produkten größtmögliche Erntesicherheit garantieren.

Hobbygärtner dürfen züchten und anbauen, was sie wollen.



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