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Im Laufe von fast 30 Jahren hat sich vieles grundlegend geändert / Hamelner Anbieter setzen auf heimische Erzeuger

Alles Bio – vom Nischen-Geschäft zum Supermarkt

Hameln (roh). Es war Idealismus, der Anke Getzschmann und Thomas A. Herrmann vor fast 30 Jahren in die Bio-Branche trieb. „Und ein bisschen Egoismus“, sagt Getzschmann. Zu der Zeit gab es in Hameln noch keinen Naturkostladen – sie musste immer bis nach Hannover fahren, um sich mit Bio-Produkten zu versorgen. 1982 gründete sie dann kurzerhand gemeinsam mit drei Freunden das „Naturinchen“. Heute ist sie Marktleiterin des Bio-Ladens im Hefehof und stellt fest: „Der Idealismus von damals ist nicht verschwunden, aber wir sind professioneller geworden.

veröffentlicht am 16.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

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Hameln (roh). Es war Idealismus, der Anke Getzschmann und Thomas A. Herrmann vor fast 30 Jahren in die Bio-Branche trieb. „Und ein bisschen Egoismus“, sagt Getzschmann. Zu der Zeit gab es in Hameln noch keinen Naturkostladen – sie musste immer bis nach Hannover fahren, um sich mit Bio-Produkten zu versorgen. 1982 gründete sie dann kurzerhand gemeinsam mit drei Freunden das „Naturinchen“. Heute ist sie Marktleiterin des Bio-Ladens im Hefehof und stellt fest: „Der Idealismus von damals ist nicht verschwunden, aber wir sind professioneller geworden. Vieles hat sich grundlegend geändert.“ Hermann, Geschäftsführer der Vollkorn GmbH, einem Unternehmen, das mehrere Bio-Supermärkte in Südniedersachsen betreibt, hat sogar früher eine Zeit lang selbst Biogemüse in Demeter-Qualität angebaut. „Wir haben damals angefangen, in einer Garage Nüsse und Körner aus biologischem Anbau aus Säcken heraus zu verkaufen“, erinnert er sich. Mit der Garage von einst hat der Supermarkt an der Deisterstraße kaum noch was gemein. „Unser Ziel ist die Vollversorgung der Kunden mit Bio-Produkten“, sagt Herrmann. Der klassische Supermarktcharakter ist gewollt. Der Bio-Laden im Hefehof ist zwar kleiner, aber auch dort ist nur noch wenig von der Pionierarbeit von einst zu spüren. „Einer unserer Schwerpunkte ist die Frische, ein anderer die Regionalität“, sagt Getzschmann und führt aus, dass sie die Produkte möglichst von heimischen Erzeugern, wie dem Marienhof Esperde und der Bäckerei Kornblume in Aerzen beziehe, ansonsten aber über den nahen Großmarkt in Göttingen versorgt werden. Auch im Bio-Supermarkt in der Deisterstraße werden Produkte des Marienhofs und der Kornblume angeboten. Herrmann: „Wir würden gerne noch mehr heimische Erzeuger gewinnen, aber das ist nicht ganz so einfach hier in Hameln.“ Der Aerzener Bäckermeister der Kornblume, Henning Pettig, backt nicht nur für Hamelner Biomärkte Bio-Brot. „Wir beliefern Märkte von Schieder bis Barsinghausen“, sagt er. Rund 1000 Brote pro Woche liefere er aus – vor allem Roggen- und Sonnenblumenbrote seien der Renner. Dabei achtet der Bäcker vor allem auf Qualität. Das sei bei der Herstellung von Bioprodukten eine besondere Herausforderung. Supermarkt-Geschäftsführer Herrmann klärt auf: „An dem sechseckigen EU-Ökosiegel erkennt der Kunde auf den ersten Blick, dass es sich um ein Bioprodukt handelt, aber es gibt auch noch die Verbandsware.“ Verbandsware, ergänzt Getzschmann, das seien Produkte, die nicht nur den EU-Richtlinien, sondern darüber hinaus den speziellen Anforderungen der Erzeugerverbände entsprechen müssten. „Bioland, Demeter und Naturland sind solche Verbände, deren Kontrollen und Vorgaben wesentlich strenger sind als die EU-Ökoverordnung es verlangt“, betont sie. Herrmann spricht das aus, was Kenner der Szene immer wieder monieren: „EU-Ökoware lässt sich viel billiger produzieren als Verbandsware.“ Und so versuchen Getzschmann und Herrmann, den Kunden möglichst Verbandsware anzubieten – das gelingt nicht immer, wie beide Fachleute unisono feststellen.

Aber auch die Verbände untereinander sind sich mitunter nicht wohlgesonnen. Bei Brotaufstrichen könne es zum Beispiel zu dem kuriosen Fall kommen, dass, obwohl ausschließlich Rohstoffe der Erzeugerverbände verwendet wurden, am Ende „nur“ das EU-Ökosiegel herauskommt, wie Herrmann erklärt. „Ein Beispiel: Bioland-Qualität heißt, dass nur Bioland-Rohstoffe enthalten sind. Wenn man nun Bioland-Rohstoffe mit Demeter-Rohstoffen mischt, dann hat man zwar ein qualitativ hochwertiges Produkt, aber es erfüllt eben nicht die Bioland-Kriterien und auch nicht die Demeter-Qualität, ergo: EU-Ökosiegel.“

„Die Konkurrenz sind nicht die Bioläden, sondern die Discounter“, sagt Thomas A. Herrmann. Konsequenterweise führe das dazu, dass es bei einigen Produkten zu einem Preiskampf komme, sagt der Geschäftsführer. „Auf einen solchen Preiskampf lassen wir uns nicht ein“, verkündet dagegen Getzschmann entschieden – und dann blitzt er auf, der Idealismus, mit dem sie vor mehr als 25 Jahren den ersten Bioladen in Hameln eröffnete. „Für uns bedeutet ‚Bio‘ auch Verantwortung. Vor allem eine gesellschaftliche Verantwortung, wie zum Beispiel Klimaschutz, ökologische Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Regionalität.“

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Beide Bioläden in Hameln haben eine treue Stammkundschaft, die hin und wieder Produkte nachfragt, deren Beschaffung kaum möglich ist. Auf der anderen Seite zeigen die Kunden einigen Angeboten auch die Rote Karte. Während im Hefehof Babynahrung kaum noch eine Rolle spielt (Getzschmann: „Babynahrung gibt es mittlerweile auch in Supermärkten und Reformhäusern in Demeter-Qualität.“), so ist das Bio-Eis im Biosupermarkt an der Deisterstraße ein Ladenhüter. Marktleiter Moreno hat auch eine Erklärung: „Wenn schon sündigen, dann richtig.“

Wer auf „Bio“ schwört, kann sich auch bei der dekorativen Kosmetik auf eine große Vielfalt einstellen.

Geschäftsführer Thomas A. Herrmann (li.) und Marktleiter Paulo Moreno freuen sich auf das erste Bio-Maibockbier.

Fotos: roh



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