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Protokollseiten im Archiv rausgerissen

Adolf Hitler bis heute Ehrenbürger?

Bad Nenndorf (tes). Die Kurstadt entdeckt die schwarzen Kapitel ihrer Geschichte: "Adolf Hitler ist bis heute Ehrenbürger der Stadt", hat Dietmar Buchholz, Sprecher von "Bad Nenndorf ist bunt" beim Vortrag von Karl Josef Kreter kritisiert und löste damit bei vielen Neubürgern Verständnislosigkeit aus.

veröffentlicht am 12.11.2008 um 00:00 Uhr

Als Buchholz Ratsmitglied war (von 1991 bis 2001) sei die Ehrenbürgerschaft Hitlers ein offenes Geheimnis gewesen. Der damalige Gemeindedirektor Möllmann habe ihm allerdings geraten, "nicht an diesem Thema zu rühren". Buchholz machte sich dennoch auf die Suche nach den historischen "Leichen im Keller" der Gemeinde und stieß dabei auf ein Problem: "Es ist schwer, Quellen zu finden", erklärte er, entsprechende Seiten in den Gemeinderatsprotokollen seien aus den Akten im Gemeindearchiv herausgerissen worden. "Bezeichnend für den Geist, der damals herrschte", meint Buchholz. "Über Verleihung und Aberkennung einer Ehrenbürgerschaft muss der Rat beschließen", bestätigt Franz Springer, Sprecher des Deutschen Städtetages, auf Anfrage. Allerdings: In einigen Bundesländern sei eine Aberkennung nur zu Lebzeiten möglich, erlösche jedoch mit dem Tode automatisch. Ob diesauch in Bad Nenndorf der Fall ist, darüber könne die Gemeindeverwaltung Auskunft geben. Stadtdirektor Bernd Reese folgte dieser Meinung und erinnerte sich als langjähriges Ratsmitglied ebenfalls an entsprechende Diskussionen in den neunziger Jahren. Gegen diese Einschätzung spricht allerdings, dass Agnes Miegel bis heute als Ehrenbürgerin gilt. "Geklärt wurde damals nichts", sagt Buchholz. Dabei sei es nur "ein formaljuristischer Akt", die Ehrenbürgerschaft Hitlers, die es während des Dritten Reiches in vielen Dörfern und Städten gegeben habe, zu löschen. Eine Sprecherin des Landkreises brachte auf Anfrage Licht ins Dunkel. Demnach sieht die Niedersächsische Gemeindeordnung (NGO) keine verbindliche Regelung vor: "Das Gesetz regelt dazu nichts", so die Sprecherin. Allerdings: Folge man der Kommentierung zur NGO sowie der allgemeinen Auffassung erlösche die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod. Gleichzeitig stehe es dem Rat frei, diese Einschätzung mit einer politischen Willenserklärung zu bekräftigen. Entsprechende Fälle von Gemeinden, in denen die Ehrenbürgerschaft nachträglich aberkannt wurde, sind beim Landkreis bekannt. Denn mit dem Problem "Ehrenbürger Hitler" steht die Kurstadt keinesfalls allein da. Viele Gemeinden gingen nach dem Krieg von der Annahme aus, dass eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod endet - und schafften erst spät klare Verhältnisse. Die Stadt Baden-Baden hat den Namen Adolf Hitler 50 Jahre nach Kriegsende in ihrer Ehrenbürgerliste durchgestrichen. In Bad Doberan, Gastgeber des G8-Gipfels, hat die Stadtvertretung 2007 einstimmig die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Hitlers beschlossen - nach 75 Jahren.



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