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Vor 380 Jahren starb der Theologie-Professor und Schaumburger Superintendent Josua Stegmann

„Ach bleib mit deiner Gnade…“

Für historisch interessierte Zeitgenossen ist klar: Josua Stegmann (1588-1632), Landessuperintendent und Theologie-Professor der Uni Rinteln, war eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Schaumburger Geschichte. Über die beruflichen Verdienste des vor 380 Jahren verstorbenen Protestanten hinaus ist vor allem ein von ihm verfasstes kirchenmusikalisches Highlight in Erinnerung geblieben. Der Choral „Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ“ gehört bis heute zu den bekanntesten und beliebtesten Gesangbuch-Liedern. Die vor fast 400 Jahren entstandenen Verse haben nichts von ihrer ursprünglichen Kraft und Wahrhaftigkeit verloren.

veröffentlicht am 21.07.2012 um 00:00 Uhr

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Stegmann stammte aus einer protestantischen Pastorenfamilie. Er war im thüringischen Sülzfeld bei Meiningen aufgewachsen. Mit 19 folgte er dem Vorbild des Vaters und begann ein Philosophie- und Theologiestudium. Nach dem Magisterexamen arbeitete an der Universität Leipzig als wissenschaftlichen Mitarbeiter. Schon bald machten Berichte über die außerordentliche Begabung des jungen Luther-Anhängers die Runde. Kein Wunder, dass der damalige Schaumburger Graf Ernst den Hoffnungsträger 1617 auf den frei gewordenen Superintendenten-Posten seines kleinen Landes holte. Stegmanns Dienstsitz war Stadthagen, damals das kulturelle Zentrum der hiesigen Region.

Zu den Aufgaben des geistlichen Oberhirten gehörte auch die Lehrtätigkeit am Stadthäger Gymnasium. Die Schule galt als beste Bildungseinrichtung der Grafschaft und hatte als „Gymnasium illustre“ annähernd Hochschulniveau. Doch das reichte dem Landesherrn nicht. Beharrlich arbeitete er daran, seiner Lehranstalt Nr. 1 das Promotionsrecht und damit den Status einer „Volluniversität“ zu verschaffen. Das war alles andere als einfach. Das Reich war seit der Reformation glaubensmäßig gespalten. Das Recht, eine neue „Akademie“ ins Leben zu rufen, war dem Kaiser vorbehalten. Der in Wien amtierende Habsburger Katholik Ferdinand II. aber zeigte sich von der Idee, eine protestantische Eliteschule ins Leben zu rufen, wenig begeistert. Erst nach Zahlung beträchtlicher Bestechungsgelder unterschrieb er das Gründungsdokument.

Für viele überraschend beließ Ernst den akademischen Lehrbetrieb nicht in Stadthagen, sondern verlegte ihn nach Rinteln. Wie die meisten anderen Professoren zog auch Stegmann in die Weserstadt um. Bei der Gründungsfeier der „Ernestina“ getauften neuen Hochschule am 17. Juli 1621 hielt er die Eröffnungsrede.

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Titel eines 1645 erschienenen Gebetbüchleins mit Versen von Josua Stegmann.

Das Gros der Rintelner Bürgerschaft scheint der neuen Bildungseinrichtung in ihrer Stadt wenig Sympathie entgegengebracht zu haben. In einem Ratsprotokoll werden die „schweren Kosten“ beklagt, „die man zu behuff der Herrn Professoren und Studenten“ künftig aufzubringen haben werde, um „Häuser, Kammern und Bettwerk in den notwendigen Stand zu setzen“. Doch so schlimm wurde es nicht. Von den vorgesehenen 17 konnten nur 14 Lehrstühle besetzt werden. Und auch der Andrang der Studenten blieb mit durchschnittlich 120 hinter den Erwartungen zurück. „Haben wir gleich nit so viel Studenten auff unser Academi, so lassen wir uns doch begnügen si habemus paucos et bonos, wenn die wenigen so wir haben wolgerahten und from sein“, tröstete Stegmann sich und seine Kollegen.

Was damals noch keiner ahnte: Die größten Schwierigkeiten standen der Stadt und der neuen „Academi“ noch bevor. Ein Jahr nach der Einweihung erreichte das Kampfgetümmel des Dreißigjährigen Krieges die hiesige Region. Genau an dem Tage (21. März 1622), an dem Landesherr und Uni-Gründer Ernst zu Grabe getragen wurde, drang der berüchtigte katholischen Söldnerführer Fleckenstein mit seinen Horden in Rinteln in. Es war der Auftakt einer langen Kette von Überfällen, Plünderungen und Brandschatzungen.

Mit der verwahrlosten Soldateska kam auch die Pest in der Stadt. Die Seuche soll mehr als 800 Einwohner umgebracht haben. Wie die meisten anderen Einwohner war auch Stegmann aus der Stadt geflohen. Das rettete ihm zwar das Leben, kostete ihn jedoch sein gesamtes Hab und Gut. In dieser für ihn und das Gros der Bevölkerung verzweifelten und schier ausweglosen Lage begann er kleine, zu Herzen gehende „Trostverse“ zu schreiben. 1630 kam das Gebetsbüchlein „Hertzen Seufftzen“ auf den Markt. Es war innerhalb weniger Tage vergriffen. Zu den in der Sammlung veröffentlichten Texten gehörte auch das sechsstrophige Gedicht „Ach bleib mit deiner Gnade“. Es wurde schon bald überall im Land als Lied gesungen. Eine passende Melodie gab es bereits. Sie war von dem 1615 verstorbenen Weimarer Stadtkantor Melchior Vulpius als eine Art Begräbnischoral komponiert worden.

Seinen Not leidenden Zeitgenossen hatte Stegmann Trost und Überlebensmut spenden können – er selber aber ging an „Hertzen Seufftzen“ zugrunde. Auslöser war eine tiefe persönliche Demütigung. Die militärischen Anfangserfolge der kaiserlichen Truppen hatten zu einer „Gegenreformation“ in vielen der im Zuge der Reformation protestantisch gewordenen Gebiete geführt. Die akademische „Lufthoheit“ über die Rintelner Ernestina-Universität wurde dem damals erzkatholischen Benediktinerorden übertragen. Zwischen den evangelischen Professoren und den fundamentalistischen Mönchen begann ein heftiger Streit um die „rechte“ Glaubenslehre.

Eine ganze Reihe der Lehrstuhlinhaber wurde aus ihren Ämtern gejagt, die meisten zogen daraufhin ganz aus der Stadt. Als einer der wenigen hielt Josua Stegmann den Anfeindungen stand. Am 13. Juli 1632 forderten ihn die Benediktiner zu einem öffentlichen Glaubensdisput heraus. Die Veranstaltung geriet zur Farce. Während des Streitgesprächs kam es zu tumultartigen Szenen. Stegmann wurde ausgelacht, verhöhnt und beschimpft, seine sachlichen Wortbeiträge vom Gejohle der aufgehetzten Menge übertönt.

Der bekennende Luther-Anhänger reagierte zutiefst verstört und verletzt. Aus seinen Notizen wird deutlich, dass er mit dem schockierenden Erlebnis nicht klar kam. Nur wenige Wochen später, am 3. August 1632, ging sein Leben mit 44 Jahren zu Ende.

So soll er ausgesehen haben, der Theologe und Lieddichter Josua Stegmann (Illustration aus der Zeitschrift „Die Esche“, Heft 1/1973).



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