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Abschluss in Gefahr? Nachhilfe für Azubis

Als die Klausur vom Lehrer zurückkam und eine Fünf darunter stand, war klar: Der Abschluss ist gefährdet. Der Betrieb, in dem die 19-jährige Cornelia Duensing ihre Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert, wusste, dass es knapp werden würde – und natürlich wusste es die Auszubildende selbst. Rechnungswesen war ihr schlechtestes Fach und bis zur Abschlussprüfung war es nur noch ein Dreivierteljahr.

veröffentlicht am 18.12.2009 um 10:05 Uhr

Rechnungswesen war das schlechteste Fach von Cornelia Duensing,

Autor:

Marie Denecke

„Man schiebt das Lernen immer weiter vor sich her“, sagt Cornelia Duensing, eine junge Frau mit offenem Gesicht, großen Augen und freundlichem Lächeln. Nach der Berufsschule sei sie nach Hause gekommen und habe sich mit allem Möglichen beschäftigt – nur nicht mit dem, was sie hätte machen müssen: sich an den Schreibtisch setzen und den Stoff in Mathematik vorbereiten und nachholen.

Und irgendwann, schildert sie, hatte sie den Faden verloren: „Das Tempo an der Berufsschule konnte ich nicht mehr mithalten. Und vor jeder Arbeit wurde es eng.“ Zeit, die Notbremse zu ziehen – und Hilfe zu holen. Allerdings: Nachhilfe für einen Berufsschüler? Woher sollte die kommen?

Die Idee hatte der Vater der 19-Jährigen aus Helpsen, die bei „Möbel Heinrich“ in Stadthagen ihre Ausbildung absolviert. „Er hatte von dieser Maßnahme des Arbeitsamtes gehört und meinte, dass das etwas für mich sein könnte“, schildert sie.

Gemeint sind die sogenannten ausbildungsbegleitenden Hilfen, kurz abH. Sie bieten Nachhilfeunterricht für Berufsschüler – angeboten werden sie von der jeweils zuständigen Agentur für Arbeit, durchgeführt werden sie von einem sogenannten Bildungsträger.

Der Auszubildende oder auch der Betrieb können sich für die abH bei der Agentur für Arbeit anmelden. Nachhilfe kann jeder Auszubildende bekommen, ein paar Voraussetzungen gibt es jedoch: Er muss seine erste Ausbildung absolvieren, muss die allgemeine Schulpflicht erfüllt haben und darf nicht älter als 25 Jahre alt sein. Und das Ausbildungsziel, wie es heißt, muss gefährdet sein.

Um das nachzuweisen, hat Cornelia Duensing die Fünfer-Klausur aus dem Fach Rechnungswesen eingereicht. Die abH wird dann, sind alle Voraussetzungen erfüllt, von der Agentur für Arbeit für ein Jahr bewilligt. Von der Agentur gibt es dann den Kontakt des Bildungsträgers, also der Institution, der die abH anbietet. Mit dem ESTA-Bildungswerk vereinbarte Cornelia Duensing drei Nachhilfe-Stunden pro Woche, das Minimum, acht sind das Maximum – schließlich sollen die jungen Erwachsenen die abH flexibel ihrer Zeit im Ausbildungsbetrieb und an der Berufsschule anpassen können. Für den Betrieb oder den Auszubildenden kostet die Nachhilfe nichts, die Kosten werden von der Agentur für Arbeit getragen.

Beim ESTA-Bildungswerk geben insgesamt sieben Lehrer mit halben oder ganzen Stellen sowie Honorardozenten für Spezialgebiete, die stundenweise arbeiten, Nachhilfe, wie Horst Ackerhans vom Bildungswerk erklärt.

Ackerhans selbst ist ausgebildeter Volkswirt und kümmert sich seit 1994 beim Bildungswerk um die Weiterbildungen. Unterricht im Rahmen der ausbildungsbegleitenden Hilfen erteilen Menschen aus ganz verschiedenen Berufen: Lehrer, Sozialpädagogen, Meister, oder sie kommen aus der freien Wirtschaft.

„Die Betreuung ist sehr individuell“, sagt Ackerhans über die abH. „Ich glaube, das macht ihren Erfolg aus.“ Das funktioniere natürlich nur, wenn der Auszubildende die Hilfe selbst will – er muss freiwillig zur Nachhilfe kommen und lernen.

Und das macht Cornelia Duensing, inzwischen kommt sie seit einem halben Jahr ins ESTA-Bildungswerk. „Es ist wie betreutes Lernen“, schildert sie die Nachhilfe. Es gibt Stundenpläne, wann welcher Lehrer vor Ort ist und wann für welches Fach gelernt wird.

Die Fachkräfte helfen nicht nur bei den Hausaufgaben, die die Auszubildenden von der Berufsschule bekommen, sondern geben auch weiterführende Aufgaben auf oder üben für bevorstehende Klausuren. Cornelia Duensing zum Beispiel bereitet sich momentan zusammen mit den Lehrern auf ihre Abschlussprüfung im Mai vor.

„Und wenn wir merken, dass ein Schüler auch in einem anderen Fach Schwächen hat, sprechen wir das an“, sagt Ackerhans. Die Entscheidung, was wiederholt und gelernt werden soll, liege aber letztendlich beim Auszubildenden.

„Die Auszubildenden können kommen, wann sie wollen“, sagt Ackerhans. Ein Anruf vorher sei allerdings sinnvoll, um zu klären, ob ein Lehrer für das gewünschte Fach auch vor Ort ist. Geöffnet hat das ESTA-Bildungswerk montags bis donnerstags von 9 bis 20 Uhr und freitags von 9 bis 17 Uhr.

Vor allem das regelmäßige Lernen und Wiederholen sei es, was ihr helfe, sich den Stoff zu merken, sagt die 19-Jährige: „Der Stoff bleibt länger haften. Und schaden kann Nachhilfe ja sowieso nicht.“

Auch Heinz Menkowsky, Ausbildungsleiter bei Möbel Heinrich in Stadthagen, ist von den ausbildungsbegleitenden Hilfen überzeugt: „Frau Duensing ist das beste Beispiel dafür, dass die Erfolge kommen, wenn man für sie arbeitet.“

Er sieht ein „grundsätzliches Problem“ schon an den Schulen: „Da sitzen oft 30 oder 35 Schüler in einer Klasse. Auf die Schwächsten kann dann nicht eingegangen werden und die Probleme werden mitgeschleppt bis an die Berufsschulen und in die Betriebe. Das kann nicht funktionieren.“ Er erlebe es oft, dass die Auszubildenden, gerade von der Haupt- oder Realschule gekommen, nur „mangelhaft“ auf eine Ausbildung vorbereitet seien.

In der Realschule sei sie immer gut mitgekommen, erzählt Cornelia Duensing. Die Probleme für sie kamen an der Berufsschule: „Da sitzen oft Schüler, die den Stoff aus dem Effeff können. Und die Lehrer haben oft nicht die Zeit, auf jeden einzeln einzugehen.“

Einmal in der Woche arbeitet der Betrieb mit seinen Auszubildenden ebenfalls den Stoff aus der Berufsschule auf: „Wir versuchen dann, den Problemen auf den Grund zu gehen.“ Doch es koste die einzelnen Betriebe „viel Kraft“, die Wissenslücken ihrer Auszubildenden zu schließen. „Und wir können nicht das leisten, was die ausbildungsbegleitenden Hilfen leisten.“

Möbel Heinrich ist nicht der einzige Betrieb, deren Auszubildende die abH in Anspruch nehmen. Auch eine junge Auszubildende der Rintelner Firma Rolec zum Beispiel hat die Hilfen nach einer schlechten Note im Fach „Geschäftsprozesse“ in Anspruch genommen – und hinterher prompt eine gute Klausur geschrieben.

„Wir haben diese Unterstützung in der Vergangenheit genutzt und werden das weiterhin tun“, so Geschäftsführer Matthias Rose. „Das ist im Interesse unserer Auszubildenden und des gesamten Betriebes.“

Auch Ausbildungsleiter Heinz Menkowsky ist überzeugt: „Die abH sind eine Möglichkeit, sich eine Zukunft zu schaffen.“

Ihre erste Klausur in Rechnungswesen, nachdem Cornelia Duensing mit den ausbildungsbegleitenden Hilfen begonnen hat, zeigt das: Sie bekam eine glatte Eins. „Ich bin sehr stolz auf das Ergebnis“, sagt sie. Ihre zweite Klausur hat sie gerade geschrieben. Ein Ergebnis hat sie noch nicht – aber ein gutes Gefühl.

Wenn ein Jahr nach der Anmeldung zu den abH vergangen ist, prüft die Agentur für Arbeit, ob sie noch notwendig sind – haben sich die Noten hin zu „Gut“ oder „Sehr gut“ gebessert, darf der Auszubildende nicht mehr teilnehmen.

Bei Cornelia Duensing ist dieser Fall inzwischen eingetreten. Ihr Anspruch auf die ausbildungsbegleitenden Hilfen gilt aber noch für das nächste halbe Jahr, passend für die Abschlussprüfungen im Mai.

Was sie danach vorhat, weiß sie noch nicht. „Vielleicht werde ich ja übernommen“, sagt sie. „Aber das werden wir noch sehen.“

Ausbildungsleiter Menkowsky lächelt. „Jemand, der sich so für seine Ausbildung engagiert“, sagt er, habe natürlich wesentlich bessere Chancen, übernommen zu werden.

Kontakt: Für die ausbildungsbegleitenden Hilfen kann sich entweder der Auszubildende oder der Betrieb melden. Der Einstieg ist während der Ausbildung zu jeder Zeit möglich.

Bevor die abH begonnen wird, erfolgt ein Termin bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit zu einer ersten Beratung. Dazu sind die Sozialversicherungsnummer, der Ausbildungsvertrag und das letzte Schulzeugnis mitzubringen.

Bei Interesse können sich Auszubildende oder Betriebe mit der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Verbindung setzen.

Rechnungswesen war das schlechteste Fach von Cornelia Duensing, die zur Bürokauffrau ausgebildet wird. Als sie eine Fünf schrieb und ihre Abschlussprüfung gefährdet war, begann sie mit den „ausbildungsbegleitenden Hilfen“ der Agentur für Arbeit. In der letzten Klausur im Fach Rechnungswesen hat die 19-Jährige eine Eins geschrieben – und bereitet sich jetzt auf ihre Abschlussprüfung vor.

Foto: mld



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