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Abi – und dann nichts wie ab ins Ausland

Hameln. In den letzten Jahren sind die Angebote für Schüler, die gerne im Ausland fürs Leben lernen möchten, geradezu wie Pilze aus dem Boden geschossen. Neben den etablierten Angeboten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Arbeitsagentur und den kirchlich-karitativen Organisationen haben sich zahlreiche kommerzielle Anbieter auf die Vermittlung von Auslandsaufenthalten spezialisiert.

veröffentlicht am 09.02.2011 um 10:12 Uhr
aktualisiert am 16.03.2011 um 10:37 Uhr

Gina Krause mit einigen Schülern an ihrem Arbeitsplatz in Cairns. „Wegen des Zyklons ‚Yasi‘ werden die meisten

Autor:

Mathias Rohde

Hameln. In den letzten Jahren sind die Angebote für Schüler, die gerne im Ausland fürs Leben lernen möchten, geradezu wie Pilze aus dem Boden geschossen. Neben den etablierten Angeboten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Arbeitsagentur und den kirchlich-karitativen Organisationen haben sich zahlreiche kommerzielle Anbieter auf die Vermittlung von Auslandsaufenthalten spezialisiert. Auch bei der Hamelner Arbeitsagentur beobachtet man einen kontinuierlichen Anstieg der Nachfrage von Schülern, vor allem aufgrund des doppelten Abi-Jahrgangs.

Die Beweggründe der Schüler sind dabei ganz unterschiedlich. Die 18-jährige Anne Nack wird in diesem Jahr ihr Abitur am Albert-Einstein-Gymnasium Hameln (AEG) machen. Sie möchte sich im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres (FSJ) in einem Land engagieren, „das sie nur aus Büchern, vom Fernsehen oder aus dem Internet kennt“. Auch Sebastian Nagel (19), ebenfalls AEG-Abiturient 2011, zieht es in die Ferne. Theorie, schön und gut, aber „um zum Beispiel geopolitische Zusammenhänge reflektieren zu können, ist es für mich wichtig, mir selbst vor Ort ein Bild von diesen Zusammenhängen zu machen“. Während Sebastian die Zeit im Ausland unter anderem dafür nutzen möchte, seine noch vagen beruflichen Vorstellungen – „Richtung Kinder und Jugendliche oder Ressourcenschutz“ – zu konkretisieren, weiß Anne, dass sie sich in einem Projekt engagieren, das zu ihrem beruflichen Ziel passt. „Mein Traum ist ein Medizinstudium; deswegen wäre es toll, wenn ich Teil eines Projektes in Süd- oder Mittelamerika werden könnte, das dazu passt.“ Zusagen haben beide noch nicht, aber Anne steht für ein Projekt auf der Warteliste.“

Sebastian Nagel hat einen Vorreiter in Sachen „Auslandsaufenthalt“ in der Familie. Bruder Alexander (21) war bis September 2010 in Indien. „Ich habe in einem Kinderheim in Hyderabad gearbeitet, habe dort Nachhilfe gegeben und Besorgungen gemacht.“ Auch in der Verwaltung habe er unterstützen können, zum Beispiel bei Übersetzungen. „Indien ist die größte Demokratie der Welt, und dennoch ist das Leben in Indien ganz anders als in Deutschland“, erzählt er von seinen Beobachtungen. Was für Europäer selbstverständlich ist, wie Strom, gehört in Indien zwar auch zum Standard, ist aber keineswegs garantiert. „Abhängig davon, in welchem Viertel einer Stadt man lebt, kommt es einmal am Tag zu einem Stromausfall.“ Häufigkeit und Dauer der Stromausfälle hingen unter anderem davon ab, wie hoch die Zahlungsmoral der Menschen des gesamten Viertels sei. Einen anderen Blick auf den Konsum habe er bekommen, resümiert Alexander, was sich auch jetzt auf seine Ernährung auswirkt: „In Indien habe ich viel weniger Fleisch gegessen als zuvor und das habe ich bis jetzt beibehalten.“

Joschka Wiebusch in Belo Horizonte. Nach seinem freiwilligen Jahr in Südamerika möchte er auf jeden Fall noch häufiger nach Bras
  • Joschka Wiebusch in Belo Horizonte. Nach seinem freiwilligen Jahr in Südamerika möchte er auf jeden Fall noch häufiger nach Brasilien reisen. (Quelle: Joschka Wiebusch)
Anne Nack hat sich für ein Projekt in Costa Rica beworben. Sie und Sebastian Nagel haben zahlreiche Bewerbungen geschrieben und
  • Anne Nack hat sich für ein Projekt in Costa Rica beworben. Sie und Sebastian Nagel haben zahlreiche Bewerbungen geschrieben und stellen fest: „Die Sprache ist eine große Hürde.“

Den Schülern, die es ins Ausland zieht, ist eines gemeinsam: ein kritischer Blick auf Entwicklungen, die durch die Globalisierung vorangetrieben werden. Mit ihrem freiwilligen Engagement werden sie die Welt zwar nicht verändern, so ihre Einschätzung, aber zumindest könnten sie den Menschen, denen sie im Rahmen eines Projekts zur Seite stehen, eine willkommene Unterstützung sein.

Am anderen Ende der Welt hält sich derzeit der Hamelner Joschka Wiebusch: Er verrichtet seinen Zivildienst in Belo Horizonte, Brasilien. Dort arbeitet er in einem christlichen Zentrum, das mit dem ökumenischen Zentrum Klein Berkel eine Partnerschaft unterhält. Kindern und Jugendlichen werden in der Millionenstadt Belo Horizonte kostenlos Workshops außerhalb der Schulzeit angeboten. Wiebuschs Motivation, nach Brasilien zu gehen? Sein großes Interesse an anderen Kulturen, deren Menschen und fremde Sprachen. Er handelt aus Überzeugung: „Ich bin der Meinung, dass unsere moderne, durch den Markt und das Internet globalisierte Welt, viele globale direkte Verbindungen zwischen Personen braucht, um menschlich zu bleiben.“ Manchmal gibt er Kindern Gitarrenunterricht, manchmal hilft er beim dem typisch brasilianischen Capoeiratänzen – was bestens zu Wiebuschs Berufswünschen passt: „Ich möchte mein Geld mit Musik verdienen.“ In Brasilien wurde diese Idee bestärkt. In Deutschland nämlich sei der Druck, etwas „Anständiges“ zu studieren, relativ groß. Dagegen sei er in Brasilien vielen Leuten begegnet, die „sich halt irgendwie über Wasser halten und gleichzeitig das studieren, worauf sie Lust haben, ohne große Karriereträume. Das macht Mut, es ebenfalls auszuprobieren“, sagt Wiebusch.

Christina Rasokat von der Agentur für Arbeit kennt die Beweggründe der Jugendlichen, ins Ausland zu gehen, gut. „Natürlich nutzen viele das erste Jahr nach der Schule, um sich beruflich zu orientieren.“ Daneben gebe es aberdie, die Wartezeiten bis zum Studium überbrücken. Etwa die Hälfte der Jugendlichen habe bereits konkrete Pläne, sagt Rasokat, aber die andere Hälfte nutze das Beratungsangebot, um sich über Ziel und Art des Auslandsaufenthaltes zu informieren. Bei der zentralen Vermittlungsstelle für Auslandsaufenthalte der Arbeitsagentur (ZAV) in Bremen, die für die Hamelner Arbeitsagentur und sechs weitere zuständig ist, werden Jugendliche umfassend beraten.

Das FSJ ist dabei nur eine von zahlreichen weiteren Möglichkeiten. Im Ausland zu studieren, ist eine, gleich zu arbeiten eine andere Alternative. Was bislang häufig von jungen Frauen genutzt wurde, findet offenbar auch bei Männern immer stärker Anklang. Immer mehr männliche Schulabgänger engagierten sich als Au-pair-Kraft. Schwer im Trend lägen zurzeit die zahlreichen „work & travel“-Angebote, so Rasokat.

Gina Krause, die zusammen mit Joschka im letzten Jahr ihr Abitur am Schiller-Gymnasium gemacht hat, hat davon Gebrauch gemacht und ist jetzt in Australien. „Ich mache hier eine Art soziales Praktikum und bin nun schon an der zweiten Schule, um dort den Unterricht zu unterstützen“, berichtet sie aus Down Under. Das australische Schulleben unterscheide sich deutlich vom deutschen. „Einerseits herrschen hier strengere Regeln, zum Beispiel ist das Tragen einer Schuluniform Pflicht, andererseits ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern wesentlich familiärer als in Deutschland.“

Da sie bis zum Arbeitsbeginn an der neuen Schule zwei Monate Zeit hatte, erkundete sie das Land. „Für eine Woche sind wir nach Alice Springs geflogen, um den Ayers Rock zu umwandern“, berichtet sie begeistert. Und einmal habe sie während der Schulferien an einer Safari von Perth durchs Buschland nach Exmouth teilgenommen. Inklusive dessen, wovon viele träumen: Campen unter freiem Himmel.

In jedem Fall, da sind sich die Jugendlichen einig, seien die Erfahrungen, die sie sammeln ganz besonders. Die Auslandsaufenthalte liefern Eindrücke, die ihnen weder Fernsehen noch Internet noch Bücher liefern könnten. Die meisten Jugendlichen, die diese Chance genutzt haben, profitieren für den Rest ihres Lebens von dem Erlebten und geben ihnen einen neuen Blick auf die Welt.

www.weltwärts.de (offizielle Seite des BMZ für Auslandaufenthalte im Rahmen des FSJ); www.rausvonzuhaus.de (Fachstelle für Internationale Jugendarbeit); www.zav.de (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur).

Viele Abiturienten zieht es nach der Schule in die weite Welt. Sie wollen Erfahrungen in einem fremden Kulturkreis sammeln, wollen gesellschaftliche und politische Zusammenhänge hautnah vor Ort erleben. Brasilien, Australien – die Welt steht ihnen offen und hält Aufregendes bereit …



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