weather-image

Kunst, Kunsthandel und Kunstraub im Schaumburger Land vor 400 Jahren

Abgeholt und eingeschlossen

Begriffe und Einrichtungen wie Kunstausstellung, Gemäldegalerie oder „Entartete Kunst“ gab es vor 400 Jahren hierzulande noch nicht. Das Gros der heimischen Bevölkerung lebte auf dem Lande. Ihr Denken, Sorgen und Trachten war ausschließlich auf Nahrung und Behausung ausgerichtet. „Geistige“ Zusatzversorgung bekamen allenfalls hohe Adelsangehörige und Kirchenoberen. Bilder und Skulpturen namhafter Künstler legten sich nur ehrgeizige und auf Prestige bedachte Landesfürsten zu.

veröffentlicht am 06.12.2014 um 00:00 Uhr

270_008_7614428_fe_KunstKaiser_0612.jpg

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Erste, der auf diese Weise den eigenen Glanz mehren und seinen angestammten Herrschaftsbereich aufpeppen wollte, war Graf Ernst zu Holstein Schaumburg. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ohne Ernst wäre Schaumburg grauer und ärmer.

Ein Erfolgsgarant des seit 1601 amtierenden Landesherrn war sein hoher Qualitätsanspruch. Klasse statt Masse, so die Devise. Das führte dazu, dass alle wichtigen Aufträge an auswärtige Künstler und Kunsthandwerker vergeben werden mussten. Das war Anfang des 17. Jahrhunderts leichter gesagt als getan. Kunst und Kultur boomten. Die meisten Architekten, Musiker, Maler, Holzschnitzer und Bildhauer waren ausgebucht und/oder an einen der europaweit zahlreichen fürstlichen Auftraggeber gebunden. Die Besten ihrer Zunft hatte Kaiser Rudolf II.(1552-1612), Chef des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“, unter Vertrag.

Der 1575 gekrönte Habsburger war als fanatischer Kunstsammler bekannt. In jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen ist von „triebhafter Besessenheit“ und von „krankhafter Flucht in eine selbstzerstörerisch-erotische Parallelwelt“ die Rede. Um seine Leidenschaft fern des schnöden Regierungsalltags ausleben zu können, hatte Rudolf Anfang der 1580er Jahre seinen Wiener Hofstaat kurzerhand nach Prag verlegt. Der seither von der alten böhmischen Königsburg aus inszenierte Kunstbetrieb zog – neben Wissenschaftlern, Dichtern, Astrologen, Okkultisten und Alchimisten – auch zahlreiche europäische Kunstschaffende an. Namen wie Adrian de Vries, Giuseppe Arcimbolo, Bartholomäus Spranger, Hans von Aachenoder Joseph Heintz hatten und haben bis heute einen vorzüglichen Klang.

3 Bilder

Der Kaiser selbst gab sich mit wachsender Begeisterung dem Goldschmieden und dem Kunstdrechseln hin. Zeitgenössischen Berichten zufolge kam er tage- und/oder nächtelang nicht aus der für ihn eingerichteten Werkstatt heraus. Nach 1600 machten Meldungen über immer häufiger und heftiger auftretende Wahnvorstellungen die Runde. Besonders launisch und argwöhnisch soll Seine Majestät das Treiben „seiner“ Künstler beäugt und überwacht haben. Die Kunde von den Zuständen in Prag dürften auch dem Grafen Ernst bekannt gewesen sein. Trotzdem (oder vielleichtgerade deshalb) startete er 1606 den Versuch, den aus Basel stammenden Maler Joseph Heintz zur Ausführung eines Gastauftrags zu gewinnen. Heintz war ein berühmter Mann. Er galt als Lieblingsporträtist des Kaisers und war von diesem zum Hofmaler befördert worden.

Für Ernst sollte der aus Basel stammende Künstler ein Bild für die neu gestaltete Bückeburger Schlosskapelle malen. Der Raum erstrahlte nach einer Generalüberholung durch die Hildesheimer Bildhauer Ebbert Wolff d. J. und Jonas Wolff in neuem Glanz. Nach den Vorstellungen Ernsts fehlte – sozusagen als Krönung des Ganzen – nur noch eine Darstellung des „Jüngsten Gerichts“ – ein Motiv, das damals viele Mächtige in Europa beschäftigte.

Dass es nicht dazu kam, hatte mit der räuberischen Dreistigkeit Rudolfs zu tun. Im Dezember 1606 hatte Heintz nach Bückeburg berichtet, er werde den Auftrag ausführen. Als Honorar wurden 400 Reichstaler vereinbart. Davon bekam der Maler die Hälfte als Vorschuss. Spätester Liefertermin war Herbst 1609. Als sich nichts tat, ließ Ernst Erkundigungen einholen. Dabei kam heraus, dass Heintz am 15. Oktober verstorben war. Das Bild war verschwunden. Wie sich später herausstellte, hatte Kaiser Rudolf das fast fertige Gemälde abholen lassen und in seine Kunstkammer eingeschlossen. Alle Schaumburger Versuche, das rechtmäßig erworbene Stück ausgehändigt zu bekommen, blieben unbeachtet und gerieten angesichts des nahen (Dreißigjährigen) Krieges in Vergessenheit. Was als Zierde des Bückeburger Schlosses gedacht war, schmückt heute als „Raubkunst“ die Prager Burg.

Doch das war noch nicht alles. Um beim Gottesdienst in seiner Residenzkapelle nicht länger auf den Anblick einer wahrhaftigen und zu Herzen gehenden Darstellung des Jüngsten Gerichts verzichten zu müssen, gab Ernst einige Jahre später ein neues Bildnis in Auftrag. Malen sollte das Werk Johannes Rottenhammer. Mit dem damals in Augsburg lebenden Künstler hatte man in Bückeburg bislang gute Erfahrungen gemacht. Rottenhammer hatte bei der Neugestaltung des berühmten „Goldenen Saals“ mitgewirkt und sich als kreativ und zuverlässig erwiesen. Er galt, wie Heintz, als einer der Großen der Zunft.

Trotzdem ging wiederum alles schief. Allerdings lag das diesmal nicht an der Raffgier Seiner kaiserlichen Majestät, sondern an den Gläubigern des verschuldeten Künstlers. Rottenhammer war auf die schiefe Bahn geraten und dem Alkohol verfallen. In seiner Not hatte er den Verkaufserlös des „Jüngsten Gerichts“ bereits verpfändet, bevor der erste Pinselstrich auf die Leinwand aufgebracht war. Als der Liefertermin näher rückte, forderte er von Ernst weiteres Geld, um die Gläubiger abfinden zu können. Er habe an dem Bild „wider seinen Willen mit stetigen speculationibus undtgueten, schönen, zierlichen inventionibus von tag zu tag daran je lenger je mehr in höchster dilienz dermaßengearbeit“, dass es sich „uber die erstlich bestimpte (Zeit) erstreckht habe“, schrieb er zerknirscht nach Bückeburg. Der dortige Schlossherr aber hatte die Nase von prominenten Malern und unkalkulierbaren Risiken endgültig voll. Um einen dritten Reinfall zu vermeiden, ließ er ein zwischenzeitlich an der leeren Kapellenwand angebrachtes (Ersatz-) Werk des Wolfenbütteler Hofmalers Christoph Gertner wieder auf- bzw. weiterhängen.

Auf ein Mitglied des kaiserlichen Künstlerzirkels griff Ernst erst wieder nach dem Tode Rudolfs (1612) zurück. „Gott sei Dank“, muss man heute sagen. Der einstige kaiserliche Hofbildhauer Adrian de Vries schuf mit der Auferstehungsgruppe im Mausoleum des Fürsten Ernst in Stadthagen und dem Taufbecken der Bückeburger Stadtkirche die wohl kostbarsten Kulturdenkmale Schaumburgs. Und zumindest als Kopien sind der hiesigen Region auch die beiden Skulpturen „Venus und Adonis“ und „Der Raub der Proserpina“ auf der Bückeburger Schlossbrücke erhalten geblieben. Die Originale wurden bekanntlich 1935 an das Berliner Bode-Museum verkauft.

Rudolf II. (1552-1612), Erzherzog von Österreich, König von Böhmen, König von Ungarn und seit 1576 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, ist als besessener Kunstsammler in die Geschichte eingegangen (hier auf einem Gemälde seines Hofmalers Joseph Heintz aus dem Jahre 1594).

Der große Kunstliebhaber und Mäzen Graf Ernst zu Holstein Schaumburg wurde Opfer eines nie geahndeten kaiserlichen Kunstraubs (Porträt des einst von Ernst bei der Ausgestaltung seiner Residenz beschäftigten Malers Johannes Rottenhammer).

Der aus Basel stammende Maler Joseph Heintz (1564-1609) war einer der gefragtesten Künstler seiner Zeit (Porträt von Heintz’ Malerkollegen Hans von Aachen aus dem Jahre 1585).

Auch Johannes Rottenhammer (1564-1625) gehörte mehrere Jahre zum Prager Künstlerkreis, bevor er sich in Augsburg niederließ und unter anderem für den Grafen Ernst bei der Ausgestaltung der neuen Residenz im Einsatz war.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt