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In Weimar besucht Karl Philipp Moritz seinen Dichterfreund – und verlebt dort gesellige Monate

Abends trank er mit Goethe drei Flaschen Bier

Die Welt ist klein, besagt ein Sprichwort. Und das erfährt auch der 1756 in Hameln geborene Schriftsteller Karl Philipp Moritz. Er muss erst nach Italien reisen, um Johann Wolfgang von Goethe zu begegnen. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. Jahre, nachdem Moritz in Erfurt und Gotha war, bricht er auf nach Weimar – um seinen Freund zu besuchen…

veröffentlicht am 23.09.2010 um 16:12 Uhr

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Wir schreiben das Jahr 1788. Karl Philipp Moritz befindet sich auf Reisen: in Weimar. Gerade ein paar Monate ist es her, dass Johann Wolfgang von Goethe erstmals Friedrich Schiller begegnete. „Egmont“ wird gedruckt, während Goethe an seinen „Römischen Elegien“ arbeitet. Im Winter des Jahres erhält der renommierte Dichter Besuch: Karl Philipp Moritz verbringt den Dezember 1788 und Januar 1789 in Weimar. Dort pflegt er gesellschaftlichen Verkehr mit Schiller, Wieland und Charlotte von Stein.

Moritz ist damals in einer Mansarde, einem Zimmer oder einer kleinen Wohnung im Dachgeschoss des Hauses, untergebracht. Noch heute ist das Goethehaus in Weimar ein Touristenmagnet: Weil es als authentisches Wohnhaus mit Möbeln und allerlei anderen Einrichtungsgegenständen zu besichtigen ist. Nur die Zimmer im Dachgeschoss können Besucher heute nicht mehr ansehen – sie dienen inzwischen der Klassik-Stiftung Weimar als Büroräume.

Goethes Reich und die Zimmer von Christiane Vulpius, dessen Geliebter und späterer Frau, sind weitgehend originalgetreu eingerichtet. Als Empfangs- und Musikzimmer dient damals das sogenannte Junozimmer. Es ist mit ornamentalen Friesen an den Wänden kunstvoll verziert und bietet einen Blick auf die Straße vor dem Haus. Wahrscheinlich war sie auch damals schon viel befahren. Zum Essen hat Goethe seine Gäste in den Gelben Saal geladen. Seinen Namen verdankt der Raum seiner auffälligen Wandfarbe. Zudem ist er mit Bordüren reich verziert. Auf dem Boden vor der Tür zum Gelben Saal ist der bekannte lateinische Gruß „Salve“ ins Holz eingearbeitet.

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Karl Philipp Moritz ist Goethe offenbar ein angenehmer Zeitgenosse. Da der Goethesche Haushalt sehr exakt verzeichnet worden ist, kann man aus den noch vorhandenen Rechnungen ersehen, „dass Goethe und Moritz offenbar viele Abende zu zweit zugebracht und dabei pro Person drei Flaschen Bier geleert haben“, weiß Professorin Anneliese Klingenberg. Sie hat sich als Mitherausgeberin der Kritischen Karl Philipp Moritz-Ausgabe eingehend mit dem Schriftsteller beschäftigt.

Bei den zahlreichen Abendunterhaltungen, die bei Charlotte von Stein oder dem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach stattgefunden haben, konnte Moritz vor allem die Damen mit seinen Gedanken und Vorträgen begeistern. So schreibt Goethe am 27. Dezember 1788 in einem Brief an Herder: „Moritz ist nun schon drei Wochen hier und tut uns allen sehr wohl, besonders haben ihn die Frauen sehr in Affektion genommen, denen er allerlei Lichter aufsteckt.“ Moritz’ Werk „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ kursiert in Weimar, wird diskutiert und auch kritisiert.

Kritisch verhält sich auch Schiller gegenüber Moritz. Er schreibt am 3. Januar 1789 in einem Brief an Caroline von Beulwitz, dass er Moritz’ Schrift mit nach Hause genommen habe, aber nur flüchtig lese. „Es ist schwer zu verstehen, weil er keine feste Sprache hat, und sich mitten auf dem Wege philosophischer abstraction in Bildsprache verirrt.“

Moritz‘ Alltag besteht also zu einem großen Teil aus Unterhaltungen und Diskussionen. „Wahrscheinlich sprach Moritz mit allen generell interessierten Weimarern, zum Beispiel über seine Sprachtheorien“, sagt Anneliese Klingenberg. „Moritz hat großen Eindruck in Weimar gemacht, weil er anscheinend ein sehr guter Erzähler war.“

Außerdem gibt Karl Philipp Moritz dem Herzog Carl August Englischunterricht: 32 Lektionen in zwei Monaten. Jeden zweiten Tag also weilt Moritz im Fürstenhaus. Das Schloss, das erst 1774 abgebrannt war, befand sich 1788 noch nicht wieder in bezugsfähigem Zustand. So residierte der Herzog mit seiner Familie 28 Jahre lang im Fürstenhaus, der heutigen Franz-Liszt-Hochschule.

Diesem Fürstenhaus liegt eine wechselvolle Geschichte zugrunde. Nachdem die Herzogsfamilie dort gelebt hat, dient das Gebäude als Domizil der Freien Zeichenschule. Später wird es Parlamentssitz für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, darauf für den Freistaat Thüringen. Während des Dritten Reiches richten sich NSDAP-Gauleitung sowie höhere SS- und Polizeiverwaltungen im Fürstenhaus ein. Seit 1951 gehört das Gebäude der Musikhochschule. Von 1992 bis 1999 wird das Fürstenhaus komplett saniert. Heute befinden sich ein modernes Tonstudio, ein Studio für elektroakustische Musik, die Hochschulbibliothek mit Mediathek und zahlreiche Übungsräume für die rund 950 Musikstudenten in den historischen Räumen.

Für Karl Philipp Moritz zahlt sich die Zeit in Weimar aus. Am 1. Februar 1789 reist er mit Herzog Carl August in dessen Kutsche nach Berlin, was Moritz große Bewunderung einbringt. Seine guten Verbindungen zu Goethe und dem Herzog tragen dazu bei, dass er noch im selben Monat Mitglied und Professor an der Berliner Akademie der Künste und der Mechanischen Wissenschaften wird.

KZur Person: Karl Philipp Moritz wird am 15. September 1756 in Hameln geboren. Er gilt als vielseitiger Schriftsteller, verfasste unter anderem die biografischen Romane „Anton Reiser“ und „Andreas Hartknopf“ sowie theoretische Schriften zur Ästhetik, gründete das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“. Am 26. Juni 1793 starb Moritz in Berlin.

Zum Weiterlesen: Christof Wingertszahn: „Anton Reisers Welt. Eine Jugend in Niedersachsen 1756-1776“, Wehrhahn Verlag, 25 Euro oder: Klingenberg, Meier, Wiedemann und Wingertszahn: „Karl Philipp Moritz: Sämtliche Werke“, Max Niemeyer Verlag.

Immer noch ein Touristenmagnet: das Goethehaus in Weimar. Es ist Sammelplatz für Pferdekutschen, die zur Stadtrundfahrt starten. Hinter dem Haus befindet sich ein Garten, in dem sich die Ruhe genießen lässt. Fotos: Müller

Die Eingangstür zum Haus Friedrich Schillers. Hier weilte Moritz weitaus seltener – Schiller galt als Kritiker des Schriftstellers.



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