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Erster Prozesstag zu Ende – drei Männer wegen schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagt

Überraschung im Lügde-Prozess: Angeklagte gestehen

DETMOLD/LÜGDE. Jahrelang sollen Dutzende Kinder auf einem Campingplatz in Lügde sexuell missbraucht worden sein - hundertfach. Ihre mutmaßlichen Peiniger stehen nun in Detmold vor Gericht. Zu Beginn die Überraschung: Die zwei Hauptangeklagten Andreas V. und Mario S. legen Geständnisse ab.

veröffentlicht am 27.06.2019 um 12:03 Uhr
aktualisiert am 26.07.2019 um 13:09 Uhr

Juliane Lehmann

Autor

Reporterin (Pyrmonter Nachrichten) zur Autorenseite

Gut möglich also, dass das Strafverfahren gegen die drei Hauptbeschuldigten im Missbrauchsfall Lügde nicht zum Verhandlungsmarathon ausartet. In den von ihren Anwälten verlesenen Erklärungen räumten sie beiden Hauptangeklagten die ihnen von der Staatsanwaltschaft zur Last gelegten Taten weitestgehend ein. Der dritte Angeklagte hatte sich schon im Vorfeld der Verhandlung geständig gezeigt.


Die wohl größte Überraschung war die Wortmeldung von Rechtsanwalt von Johannes Salmen. Gleich nach der Mittagspause und knapp vier Stunden nach Beginn der insgesamt rund fünfeinhalbstündigen Verhandlung erklärte er für den Hauptangeklagten Andreas V.: „Die Taten werden von meinem Mandanten vollauf eingeräumt, so wie in der Anklage beschrieben.“

Davon zeigte sich, wie auch andere Opferanwälte, der als Nebenklagevertreter eines zehnjährigen Mädchens auftretende Hamelner Rechtsanwalt Roman von Alvensleben erleichtert: „Die Vorwürfe der Anklage sind jetzt bestätigt. Das ist das Wichtigste. Es ist gut für die Kinder“, sagte er hinterher. Denn sie müssten nun nicht aussagen. Die Mutter seiner Mandantin hatte mit ihrer Anzeige im Herbst 2018 dafür gesorgt, dass die monströsen Taten nach mehr als 20 Jahren ein Ende fanden.

Die vorherige Verlesung der zwei Anklageschriften gegen den 58 Jahre alten Ex-Dauercamper, den zweiten Haupangeklagten Mario S. (34) aus Steinheim und den 49 Jahre alten Heiko V. aus Stade war den vielen Journalisten und den wenigen Besuchern im Publikum erspart geblieben. Und damit auch die kaum erträglichen Details der 460 angeklagten Taten an 34 Mädchen und Jungen, die die Staatsanwaltschaft Andreas V. und Mario S. vorwirft. Bei den Ermittlungen waren mehr als 40 von wohl 51 mutmaßlichen Opfern identifiziert worden.

Den Ausschluss der Öffentlichkeit hatte Opferanwalt von Alvensleben beantragt. Mit Blick auf den Schutz ihrer Mandanten schlossen sich die 17 anderen Nebenklagevertreter von 27 weiteren an dem Verfahren beteiligten Opfern am Donnerstag seinem Wunsch an.

Nach kurzer Beratung hinter verschlossenen Türen erklärte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda: „Die öffentliche Erörterung der Anklagepunkte würde schutzwürdige Interessen der Verfahrensbeteiligten verletzen.“ Wegen der Nennung der Namen, Einzelheiten zu den Übergriffen und somit intimen Details aus dem Leben der Betroffenen. Deren Schutz wiege schwerer als das öffentliche Interesse.

Gleich eingangs hatte die Richterin betont: „Die Anschuldigungen lassen keinen unberührt.“ Auch die Vielzahl der mutmaßlichen Opfer mache fassungslos. Das Gericht werde jedoch unparteiisch, unvoreingenommen, objektiv und sachlich arbeiten.

Worum es nicht gehe, sagte sie auch gleich: „Wie das alles geschehen konnte und warum so lange niemand etwas mitbekommen hat, ist nicht Gegenstand dieses Verfahrens.“

Bei aller Enttäuschung darüber, dass diese wichtigen Fragen vorerst noch unbeantwortet bleiben: Auch und gerade für die Opfer war der Auftakt des Strafprozesses ein guter Tag. Denn mit ihren Geständnissen werden die Angeklagten wohl etlichen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenden die Notwendigkeit einer weiteren Aussage vor Gericht ersparen.

Die Betroffenen müssen also nicht ein weiteres Mal möglichst detailliert ihre schmerzhaften Erinnerungen wachrufen und erzählen, was ihnen auf der Parzelle von Andreas V. auf dem Campingplatz von Elbrinxen passierte. Denn die Kammer muss nun keine so umfangreiche Beweisaufnahme durchführen wie vorsorglich geplant für den Fall, dass die beiden Hauptangeklagten weiter geschwiegen hätten.

Die teils noch minderjährigen Opfer, von denen die Ersten schon für den zweiten Verhandlungstag am Freitag geladen sind, werden nun zwar durchaus noch gebeten, auszusagen. Aber eben freiwillig. Das Gericht wird nicht darauf bestehen. Es will die jungen Zeugen auch nicht zu konkreten Taten befragen. Sondern, wie es Richterin Grudda ausdrückte: sie kennenlernen und in einem eher zwanglosen Gespräch in Erfahrung bringen, wie es ihnen heute geht. Nicht zuletzt, damit auch die Schöffen einen lebendigen Eindruck erhalten von den Betroffenen. Die Jüngsten, denen die Angeklagten sexuelle Gewalt getan haben sollen, waren zum Zeitpunkt der Verbrechen noch im Kindergartenalter.

Alle drei Verteidiger betonten am Donnerstag, ihre Mandanten hätten sich zu Geständnissen entschlossen, um den betroffenen Kindern weitere Aussagen vor Gericht zu ersparen. Denn einige von ihnen mussten das ihnen Angetane schon mehrfach bei der Polizei schildern. Weitere belastende Situationen sollten ihnen nicht zugemutet werden.

Dieser Antrieb aufseiten der Angeklagten mag zutreffen. Mindestens ebenso ins Gewicht fallen dürfte aber die erdrückende Beweislage. So existieren offenbar genügend Videos von den Taten, auf denen jeweils einer der Hauptangeklagten eindeutig zu erkennen ist. Leugnen hätte also keinen Sinn. Und Schweigen brächte auch nichts. Geständnisse können sich dagegen strafmildernd auswirken. Worauf die Verteidiger erklärtermaßen spekulieren. Dass die offenbar sowohl für Andreas V. als auch für Mario S. angedachte Sicherungsverwahrung nach Ende einer Haft deshalb unwahrscheinlicher wird, ist wenig wahrscheinlich.

Trotz der Geständnisse scheint den wenigen einheimischen Besuchern im Publikum am Donnerstag die Sache nicht geheuer. So muss eine Frau an sich halten, um nicht aus der Haut zu fahren, als Mario S. in einer persönlichen Erklärung sein Bedauern über seine Taten an den Kindern ausdrückt und seinen Wunsch nach einer Therapie betont. „Ich glaube dem kein Wort“, sagt sie später. „Wieso hat er jetzt erst begriffen, was er den Kindern angetan hat? Wenn er Mitleid hätte, dann hätte er das doch alles nie gemacht.“ Das sage er doch alles nur in der Hoffnung auf ein milderes Urteil.

Sinngemäß bestätigt das der Anwalt des Steinheimers, Jürgen Bogner (Blomberg), als er in der Pause in eine Fernsehkamera sagt: „Ich vertraue auf das Gericht und hoffe, dass diese Vorgehensweise gewürdigt wird und sich auf die Frage der Sicherungsverwahrung auswirkt.“

Eine andere Besucherin sieht die Anklagebank zu dünn besetzt. Ihrer Sitznachbarin raunt sie zu: „Der … war doch auch dabei. Wieso sitzt der eigentlich nicht auf der Anklagebank?“

Apropos Tatbeteiligung: Andreas V.s Anwalt Johannes Salmen erreicht am Donnerstag, dass etwa 5 Prozent der V. zur Last gelegten 298 Taten nun nicht mehr zählen. Denn es sei nicht auszuschließen, dass einige Kinder bei der Beschreibung der ihnen zugefügten Taten den 58-Jährigen mit dem 34 Jahre alten zweiten Hauptangeklagten verwechselt hätten. Die Kammer entspricht seiner Bitte, die Verfahren einzustellen, hinter denen diese offenbar nicht zweifelsfrei zuzuordnenden Verbrechen stehen. Am Strafmaß ändern dürfte das allerdings nichts.
Der Prozess wird heute um 12 Uhr fortgesetzt.



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