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Ulrich Reinekings "Blaues Sofa": Kabarett mit Buck und Stargast Maler Holst

Über die Mobilität der Alten oder: Seltsame Parallelwelten im Alltag

Rinteln (cok). Da saß er wieder auf seinem "Blauen Sofa" im Foyer der VHS, gemütlich dick und unschuldig lächelnd, Rintelns Heimatkabarettist Ulrich Reineking, der von jeher seine kleine Stadt durchstreift, um die Menschen und ihr Drum und Dran zum Anlass zu nehmen für Geschichten aus einem rührend-grotesken Alltag.

veröffentlicht am 18.04.2007 um 00:00 Uhr

So ausgefeilt und komisch sind die Texte, dass sich selbst diejenigen, die darin nicht schlecht aufs Korn genommen werden, geehrt fühlen können, tragen sie doch bei zu einer kabarettistischen Chronik, wie sie kaum eine andere Stadt aufzuweisen haben dürfte (von Berlin und Wiedensahl mal abgesehen...). "Das nichts bleibt, das nichts bleibt, wie es war", sang Volker Buck, der wie so oft für die musikalische Begleitung sorgte. Reineking aber sorgt auf unterhaltsamste Weise dafür, dass nichts vergessen wird. Nicht die kleinen Mädchen, die dem Frühlingsspaziergänger ein "erotisches Defilee an freigelegten Bauchnabeln" bieten und nicht der verstorbene Gentleman-Flaneur Gallo Sasse, der die alten Damen im Cafe Sinke aufs Feinste hofierte, nicht der stadtbekannte "Barde" Thorsten, der mit Kopfhörerstöpsel im Ohr Andrea Berg Songs grölt, und auch nicht die "katholische Geistlichkeit", die nach ihrem Einkauf am Papstgeburtstag erwägt, noch einen Pflaumenkuchen zu erstehen: "Aber nein, solange der Zölibat nicht aufgehoben ist, wird es keine Pflaume zu Ehren des Papstes geben!" (Das Zitat ist natürlich von U.R. erfunden!) Wilde Geschichten müssen an den Blauen-Sofa-Abenden sowieso immer sein! In Westendorf protestiert die "WTF" (Westendorfer Trinkerjugend) im maroden Buswartehäuschen gegen die Absage des Bergrennens, Papa Tönniesmeier aus Schoholtensen entrinnt dem Hartz- IV-Dasein, weil er eine Stelle im Heidepark Soltau bekommt, nachdem er dem dortigen Krokodil-Dompteur das Leben rettete, dessen Kopf gerade im offenen Maul des Raubtieres steckte, als Töchterchen Tönniesmeier das Lied "Schni Schna Schnappi, das kleine Krokodil" zum Besten gab, und selbst der große Philosoph Immanuel Kant wurde vom Kabarettisten in Rintelnentdeckt, wie er mit einem alten Ernestinum-Lehrer an der Weser picknickt und dabei die Schaumburger Zeitung liest. Wie immer gab es den "Seriösitätsbeitrag" auf dem Blauen Sofa in Gestalt eines Gastes, der diesmal Ulrich Holst war, der große blonde Maler phantastisch bunter Bilder und begeisterte Fan aller Dinge, die irgendwie mit den 50-er Jahren zusammenhängen. Bekleidet mit wild gemustertem Hawai-Hemd und unendlich spitzen Cowboystiefeln erzählte er von den Vorbereitungen einer 50-er Jahre-Ausstellung im Museum Eulenburg mit eigenen und fremden Fundstücken, und sofort erschien die Vision, wie das großartige Parkleitsystem die von nah und fern heranströmenden Menschenmassen durch die Stadt dirigiert. Es sind ganz alltägliche Situationen, die Ulrich Reineking vor Augen führt, immer um das genau richtige Quäntchen überspitzt, so dass sie zu etwas Allgemeinem werden, in dem man sich lachend wiedererkennt. Beim Stöbern in so "obskurer" Lektüre wie der ADAC-Motorwelt im örtlichen Zeitschriftengeschäft entdeckte er: 23 Anzeigen für Treppenlifte, fünf für Badewannenlifte und acht für Elektromobile. "Das ist also die vielbeschworene Mobilität der Alten", sagte er fröhlich. Das die Art, wie man im Alltag die seltsamsten Parallelwelten entdeckt.



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