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Über 2000 Menschen bei Kundgebung in Salzhemmendorf

Salzhemmendorf (jmr). 2000 Menschen formierten gestern, 17 Uhr, ein riesengroßes Dagegen. Nachdem frühmorgens ein Molotow-Cocktail in eine Flüchtlingsunterkunft an der Hauptstraße flog, ging alles ganz schnell: Die Feuerwehr brauchte sechs Minuten, die Medien wenige Stunden und die Bürger kaum mehr, um die Kundgebung zu organisieren.

veröffentlicht am 28.08.2015 um 19:43 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 17:41 Uhr

Kundgebung in Salzhemmendorf_Kundgebung Salzhemmendorf wal (29).
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Salzhemmendorf (jmr). 2000 Menschen formierten gestern, 17 Uhr, ein riesengroßes Dagegen. Nachdem frühmorgens ein Molotow-Cocktail in eine Flüchtlingsunterkunft an der Hauptstraße flog, ging alles ganz schnell: Die Feuerwehr brauchte sechs Minuten, die Medien wenige Stunden und die Bürger kaum mehr, um die Kundgebung zu organisieren. „Peace“-Fahnen, Anstecker, „Guter Nachbar“-Aufkleber an jeder Brust. „Es sind ja öfter mal Demos“, sagt Anwohnerin Marion Suhr. Die Fahne hatte sie daher griffbereit. „Salzhemmendorf bleibt bunt. Basta“ hatte einer auf sein selbst gezimmertes Schild geschrieben.
Auf dem Marktplatz versammeln sich Demonstranten aus der Region und von weit her. Mit einer rührenden Selbstverständlichkeit stehen sie zusammen. Das Gemeinschaftsgefühl, derer, die Farbe – oder besser: Farben, in der Mehrzahl – bekennen, ist greifbar. Einige geben Interviews, die meisten unterhalten sich und lachen. Gegen 17 Uhr setzt sich der über 500 Meter lange Menschenwurm in Bewegung. Es geht Richtung Hauptstraße, zu dem Haus, in dem der Anschlag geschah. Eine Gruppe skandiert eingängige Sprüche. „Ob Ost oder West, nieder mit der Nazi-Pest“ und „Um Europa keine Mauer, gleiches Recht für alle und auf Dauer“. Sie kennen Dutzende Parolen und stecken den Rest damit an.

„Danke an den,
der diesen Anschlag
gemeldet hat“

Ein paar Hundert Meter Weg und dann passiert es. Fünf Polizisten stürmen in die Menge. Ein offenbar Rechter hat sich zur Demo getraut. Linksautonome versuchen, ihn wegzuschreien; „Hau ab.“ Die Polizei geht dazwischen. Weil der offenbar ortsbekannte Rechtsradikale versucht, einen linken Demonstranten zu schlagen, ringen die Beamten ihn nieder. Dafür gibt es Applaus von der Menge. Sie führen ihn ab. Vor dem Flüchtlingshaus sammeln sich 2000 Menschen.
Aus dem Haus lugen zwei kleine Jungen immer wieder hinter einem Vorhang hervor, Mädchen im Obergeschoss winken aus einem Fenster und filmen, was vor ihrer Haustür passiert. In den hinteren Reihen der Demo spielen Kinder, auf einer Mauer davor haben sich Dutzende Pressevertreter in Position gebracht.
Tjark Bartels greift zum Mikrofon und zählt eine beeindruckende Zahl von Unterstützern der Kundgebung auf. Politik, Kultur, Wirtschaft und Kirche stehen Schulter an Schulter. In jeder Redepause werden die Helfer beklatscht. „Danke an den Menschen, der heute Morgen aus dem Fenster geschaut und diesen Anschlag gemeldet hat.“ „Wuhuuu! Yeah!“, der lauteste Beifall. „Es ist ein feiger Anschlag, ein rassistischer Anschlag und unsere Antwort darauf lautet: Wir machen weiter so und legen sogar noch mal nach“, ruft Bartels. Das klingt nicht vorgefertigt heruntergebetet, seine Worte haben Nachdruck. Die Demonstranten bejubeln den Landrat dafür.
„Das war versuchter Mord aus niederen politischen Motiven“, sagt SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller. Die Worte „abscheulich“ und „bitter“ fallen. Wie so oft an diesem Tag. „Keine Handbreit Raum für Fremdenfeindlichkeit“, ruft die Sozialdemokratin. Dann wieder Parolen von links. Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, teilt in ihrer Rede aus. „Wir machen das anders, als andere in der Republik. Bei uns schützt die Polizei solche Veranstaltungen.“ Ein Seitenhieb auf Vertreter der Staatsgewalt in Heidenau. Nach den Reden ziehen viele weiter zur Kirche. Nach einer Andacht dort ist die Kundgebung offiziell vorbei. Dann treten zwischen Flaggen und bunten Windrädchen die auf die Straße, an die die Solidarität gerichtet war. Vor dem Haus stehen Flüchtlinge. Junge Männer, die das Treiben beobachtet haben. „Es ist ein gutes Gefühl, dass so viele Menschen hier sind. Es ist gut für die Moral, aber sicher fühle ich mich nicht“, sagt Berthe von der Elfenbeinküste.

Kundgebung in Salzhemmendorf_Kundgebung Salzhemmendorf wal (33).
  • Foto: Wal
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