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Ökostrom? Da winken viele AKW-Gegner ab

Seinen persönlichen Frieden hatte er zur Jahrtausendwende mit der Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung für den Atomausstieg gemacht. „Ich hätte mir damals zwar einen noch schnelleren Ausstieg gewünscht“, betont Henning Brunotte, aber immerhin: Der richtige Weg sei damals eingeschlagen worden. Nun sei er durch die jüngsten Beschlüsse der aktuellen Bundesregierung in Sachen Laufzeiten der Atomkraftwerke quasi vom Sofa zurück auf die Straße gescheucht worden. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal gegen die Atomkraft protestieren muss“, gibt der 53-jährige zweifache Familienvater zu.

veröffentlicht am 15.11.2010 um 19:27 Uhr

Henning Brunotte bezieht von den Hamelner Stadtwerken Naturstrom und produziert selber Strom mit einer Photovoltaik-Anlage.

Autor:

Matthias Rohde

Ökologisches Bewusstsein habe er quasi mit der Muttermilch aufgesogen, denn bereits Brunottes Mutter war überzeugte Atomkraftgegnerin. Selbstverständlich sei auch er bei der sogenannten „Schlacht um Grohnde“ dabeigewesen. Viele Jahre habe er sich aktiv in der Anti-AKW-Bewegung engagiert. „Natürlich ist es aus meiner Sicht richtig, öffentlich gegen Zustände zu protestieren, mit denen man nicht einverstanden ist, aber das ist nur eine Seite der Medaille.“

Die andere Seite sei der ganz persönliche Stromkonsum. Bereits 2000, im selben Jahr also, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft trat, machte Brunotte von einem Angebot der Hamelner Stadtwerke Gebrauch: „Für einen Aufpreis von 1,5 Cent pro Kilowattstunde wechselte ich in den Naturstromtarif.“

Der Vertriebsleiter der Stadtwerke Hameln, Christian Riepe, erklärt: „Der Naturstrom der Hamelner Stadtwerke ist Strom, der vollständig aus erneuerbaren Energien erzeugt wird.“ Natürlich sei eine physikalische Trennung zwischen Naturstrom und herkömmlichem Strom nicht möglich. „Der Kunde erhält deswegen auch keinen anderen Strom, sondern sorgt mit seiner Wahl dafür, dass sich der Anteil des Stroms erhöht, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.“ Das komme nicht zuletzt auch der Umwelt zugute, da sind sich Kunde Brunotte und Versorger Riepe einig. Die Mehrkosten von 1,5 Cent pro Kilowattstunde werden an die Naturstrom Aktiengesellschaft abgeführt, die ihrerseits entscheidet, welche Projekte finanziert werden.

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Auch die Stadtwerke Rinteln reagierten schon im Jahr 2000 und stellten ihren Kunden für einen Preisaufschlag von vier Cent dem Tarif „energreen“ zur Verfügung. „Anfänglich waren es rund 100 Kunden, die sich für diesen Tarif entschieden“, erinnert sich der Vertriebsleiter der Rintelner Stadtwerke, Thomas Rinnebach, aktuell seien es aber nur noch 30 Kunden. Rinnebach: „Der relativ hohe Aufschlag bei unserem Tarif ,energreen‘ ist dem Umstand geschuldet, dass damit die Stromgewinnung aus regenerativen Energien hier im Versorgungsgebiet unseres Unternehmens gefördert wird.“ Fast ausschließlich werde dieser Strom über Photovoltaikanlagen produziert. Preislich attraktiver könnte aber das ab dem nächsten Jahr verfügbare Angebot der Stadtwerke Rinteln sein, das den Namen „Trendstrom“ tragen wird. „Dieser Strom wird ebenfalls aus regenerativer Energie gewonnen und zwar in einem Wasserkraftwerk in der Schweiz“, so Rinnebach. Der Aufschlag betrage lediglich 0,5 Cent pro Kilowattstunde und das Produkt sei von TÜV-Süd zertifiziert. Mittelfristig rechnet der Vertriebsleiter mit 500 bis 1000 Kunden in diesem Tarif. Und: „Für jeden Kunden, der mit uns einen ,Trendstrom‘-Vertrag abschließt, pflanzen wir in Rinteln einen Baum“, kündigt Rinnebach an.

Für Ökostromkunde Brunotte war auch dieser Tarifwechsel nur ein Baustein hin zu einem bewussteren Stromkonsum. „Schon vor mehr als 30 Jahren hatten wir auf unserem Dach Sonnenkollektoren, die wir für die Warmwasseraufbearbeitung genutzt haben.“ 2001 folgte dann im Zuge des EEG eine Photovoltaikanlage, die jährlich rund 1300 Kilowattstunden produziert. „Die Investitionskosten waren natürlich hoch, aber durch die auf 20 Jahre festgelegte Einspeisevergütung wird sich die Anlage in einigen Jahren amortisiert haben.“

Die Stromprofis Riepe und Rinnebach bewerten die wachsende Bedeutung erneuerbarer Energien am Strommix als positiv, sie weisen allerdings auch darauf hin, dass in letzter Konsequenz alle Stromkunden die Subventionierung der erneuerbaren Energien durch die sogenannte EEG-Umlage finanzierten. „Aktuell beträgt die EEG-Umlage 2,047 Cent pro Kilowattstunde“, sagt Riepe. Dabei spiele es keine Rolle, ob ein Kunde einen herkömmlichen oder einen Ökostromtarif gewählt habe.

Da die Netzbetreiber aber gesetzlich verpflichtet seien, den eingespeisten Strom aus erneuerbaren Energien zu den festgelegten Konditionen abzunehmen, müssten die so entstehenden Kosten auf alle Verbraucher umgelegt werden. Und für die Verbraucher könnte es im nächsten Jahr noch schlimmer kommen, dann nämlich soll die EEG-Umlage von 2,047 auf 3,53 Cent steigen. Auch diese Erhöhung wird dann, so die Meinung vieler Experten, vollständig auf die Kunden umgelegt. Riepe und Rinnebach unisono: „Die EEG-Umlage wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch weiter steigen.“

Ökostrom-Verbraucher Brunotte: „Jeder Bürger hat es ja selbst in der Hand, welchen Strom er verwendet, und es gibt zahlreiche Anbieter, die ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien anbieten.“ So ist die Naturstrom AG, mit der die Hamelner Stadtwerke zusammenarbeiten, mit rund 80 000 Kunden bundesweit zwar der älteste Ökostromlieferant, aber bei Weitem nicht der größte. Denn das ist der Hamburger Ökostromkonzern LichtBlick mit rund 580 000 Kunden. Aber auch Greenpeace Energy und die Elektrizitätswerke Schönau mit je zirka 95 000 Kunden beliefern private und gewerbliche Haushalte mit Ökostrom.

Riepe, der nicht nur Vertriebsleiter der Stadtwerke Hameln, sondern auch der Stadtwerke Weserbergland ist, nennt Zahlen: „Insgesamt versorgen wir rund 30 000 Kunden mit Strom. Davon nutzen cirka 120 den Naturstromtarif.“ In Rinteln zeigt sich ein ähnliches Bild, wie Rinnebach betont: „Lediglich 30 unserer insgesamt rund 15 000 Kunden nutzen das Produkt ,energreen‘.“ Eine Erklärung für diesen geringen Anteil an Ökostromkunden haben die beiden Vertriebsleiter zwar nicht, aber in den Beratungsgesprächen gebe es eine Tendenz: „In der Regel wird eine Kaufentscheidung maßgeblich vom Preis beeinflusst.“ Das gelte sowohl für den Privatkundenbereich als noch viel mehr für Kunden aus Gewerbe und Industrie.

Ökostrom-Befürworter Brunotte sieht das differenzierter: „Die Umstellung vom herkömmlichen Tarif auf den Naturstromtarif kostet mich 45 Euro jährlich.“ Rund 3000 Kilowattstunden benötigt Brunotte für seinen drei Personen zählenden Haushalt. „Umgerechnet bedeutet das: Rund einen Euro pro Person und Monat mehr.“ Selbst Stromexperte Riepe ist erstaunt über dieses simple Rechenbeispiel.

Und dass die Hamelner Stadtwerke es ernst meinen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, zeigt die Beteiligung an einem Großprojekt in der Nordsee. Dort soll bis 2011 ein Offshore-Windpark entstehen, der nach seiner Fertigstellung 1,6 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen soll. „Mit dieser Menge können bis zu 400 000 Haushalte versorgt werden. Viel wichtiger ist uns aber, dass damit der Anteil Strom, der durch erneuerbare Energien für die Region erzeugt wird, auf 18 Prozent steigt“, sagt Riepe. Bis 2015 verfolge man sogar den ehrgeizigen Plan, 50 Prozent des gesamten Strombedarfs in eigenen Erzeugungsanlagen zu produzieren. Schon jetzt erzeugen die Stadtwerke im Wasserkraftwerk an der Hamelner Pfortmühle und Biogasanlagen selber Strom.

Kritik wird unterdessen am Handel mit sogenannten Grünstromzertifikaten laut. Eingeführt wurden diese von der europäischen Stromindustrie im Jahre 2000, um den Ausbau regenerativer Energien zu fördern. Mittlerweile werden diese RECS-Zertifikate aber nicht nur genutzt, um eine Art Herkunftsnachweis des produzierten Stroms sicherzustellen, sondern auch um mit ihnen Handel zu betreiben. Laut Insidern funktioniert dieser Handel so: Ein Kraftwerk kann den produzierten Ökostrom in seine Bestandteile „Öko“ und „Strom“ aufteilen. Diese beiden Teile können dann völlig unabhängig voneinander verkauft werden. Während der Strom als ganz normaler sogenannter „Graustrom“ verkauft wird, kann das beliebte Prädikat „Öko“, symbolisiert durch RECS-Zertifikate, an just jene Energiehändler verkauft werden, die ihr Stromangebot, das eben nicht aus regenerativen Quellen stammt, zu Ökostrom aufwerten. „Der Handel mit diesen Zertifikaten ist sehr in Verruf geraten und befindet sich derzeit auf dem Rückzug“, stellt Rinnebach klar. Seiner Meinung nach werde er in naher Zukunft ganz vom Markt verschwunden sein.

Viele Stromversorger bieten heute bereits zu Sondertarifen Strom an, der mit alternativen Energiequellen produziert wird.

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