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Interview mit Landesbischof Jürgen Johannesdotter über die Zukunft der zweitkleinsten Landeskirche

"Öfter in die Bibel als auf's Konto schauen"

Bückeburg. Zu einem von den Medien viel beachteten "Zukunfts-Kongress" haben sich 300 führende Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihrer Gliedkirchen in Wittenberg getroffen. Darunter waren fünf Repräsentanten der Schaumburg-lippischen Landeskirche, mit 64 000 Mitgliedern die zweitkleinste EKD-Kirche. Zugrunde lag ein so genanntes Impulspapier "Kirche der Freiheit" des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Neben Fragen der geistlichen und gesellschaftlichen Stoßrichtung der Kirche ging es angesichts knapper werdender Finanzen und sinkender Mitgliederzahlen auch um Strukturreformen. Immer stärker werden Fusionen von Landeskirchen, insbesondere mit Blick auf die Kleinen, also auch Schaumburg-Lippe, zum Thema. Aus Wittenberg zurückgekehrt, sprach darüber Landesbischof Jürgen Johannesdotter mit Stefan Rothe.

veröffentlicht am 31.01.2007 um 00:00 Uhr

Landesbischof Jürgen Johannesdotter.

Herr Johannesdotter, Sie haben die Atmosphäre auf dem "Zukunfts-Kongress" der EKD öffentlich als "feindselig gegenüber den kleinen Landeskirchen" beschrieben. Wodurch hat sich das ausgedrückt? In dem "Impulspapier" der EKD, das dem Kongress zugrunde lag, war nur am Rande von einer Reduzierung der Landeskirchen von derzeit 23 auf dann acht bis zwölf und von einer Untergrenze von einer Million Mitgliedern bis zum Jahre 2030 die Rede. In den Arbeitsgruppen wurde aber permanent "das Ende der Kleinstaaterei" und die Festlegung von Kriterien für die "Leistungsfähigkeit einer Landeskirche" gefordert. Da war ein deutlicher Unterton in unsere Richtung spürbar: Ihr seid eigentlich keine eigenständige Kirche. Natürlich war das nicht Gesamtthema des Kongresses - so wichtig sind wir nicht und nehmen wir uns auch nicht. Aber das Klima uns Kleinen gegenüber war schon davon bestimmt. Umso tröstlicher war dann der Schlusschoral aus dem Gesangbuch: "Wir bitten deine Güte, wollst uns hinfort behüten, uns Große mit den Kleinen; du kannst's nicht böse meinen." Es wurde eine Kommission beauftragt, zügig ein Strukturkonzept auch zum Thema der Zahl der Landeskirchen zu erarbeiten. Müssen Sie den konkreten Vorschlag befürchten, dass die Landeskirche Schaumburg-Lippe aufgelöst werden soll? Es gab viele Vorschläge zum Reformprozess, der ja das Ziel hat, Kräfte zu bündeln, Doppelungen zu vermeiden, Effektivität zu steigern und Profil zu erlangen. Diese Vorschläge sollen gesichtet und in einem zu verabredenden Prozess gewichtet werden. Dabei wird die Kirchenkonferenz als Versammlung der leitenden Geistlichen und Juristen der Landeskirchen zusammen mit dem Rat der EKD und der Synode den Prozess steuern. Die Kirchenkonferenz wird eine Kommission einsetzen. Es wäre vermessen, wollte eine solche Kommission einer selbständigen Landeskirche die Selbstauflösung empfehlen. Das befürchte ich nicht. Wie können Sie auf die Arbeit dieser Strukturkommission Einfluss nehmen? Zusammen mit den anderen kleinen Kirchen werde ich versuchen, auf die Zusammensetzung dieser Kommission Einfluss zu nehmen, damit unsere Interessen bei der Arbeit auch wahrgenommen werden. Im Rat der EKD ist ja nur die Reformierte Kirche als einzige "kleine Kirche" vertreten. Aber alle Details gehen dann noch einmal durch die Kirchenkonferenz und schließlich durch die EKD-Synode - und am Ende auch durch unsere Synode in Schaumburg-Lippe. Das ist ein weiter Weg. Wer dürfte im Zweifelsfall überhaupt entscheiden, eine Landeskirche aufzulösen? Letztlich entscheidet das eine Landeskirche selbst mit all ihren verfassungsmäßigen Organen, wobei sie bei drohender Zahlungsunfähigkeit oder befürchteter Zukunftsunfähigkeit - und da können ja auch andere Gründe als das Geld eine Rolle spielen - eine Fusion oder Kooperation mit einer anderen Kirche anstreben wird. Auch dazu ist eine in der Verfassung vorgesehene Mehrheit nötig. Welche Hauptargumente führen Sie für den Erhalt der Landeskirche ins Feld? Auf geografisch sehrüberschaubarem Raum haben wir eine im Bewusstsein der Menschen sehr kompakte kleine Landeskirche mit einem dichten Netz von Gemeinden in allen Dörfern und Städten, so dass alle Gemeindeglieder wohnortnah mit den für eine Kirche entscheidenden Merkmalen versorgt sind: Wort und Sakrament. Die Konkretisierungen, in denen sich das vollzieht, sind Gottesdienst und Seelsorge, Teilhabe an der Mission, Unterricht und Diakonie. Vielfältige, gewiss auch gabenbedingte Gemeindearbeit mit den verschiedenen Altersgruppen lassen das Bild einer lebendigen und lebensfähigen Kirche mit konzentrierter Präsenz von hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entstehen. Nah an den Menschen haben wir auf engem Raum eine gute pastorale Versorgung mit großem Heimat- und Verbundenheitsgefühl für viele Menschen. Und wir können auch die Menschen wahrnehmen und für sie da sein, die nicht, noch nicht, oder nicht mehr zur Kirche gehören. Wir sind nicht nur für uns selbst da, sondern eben auch "Kirche für Andere", siehe Kindergärten und diakonische Einrichtungen, aber auch Jugendgruppen und Kirchenmusik. Wir sind mit dem Schatz des Evangeliums dicht bei den Menschen. Das macht die Landeskirche erhaltenswert. Was kann die Landeskirche grundsätzlich tun, um ihre Zukunft zu sichern? Die Zukunft unserer Kirche liegt in Gottes Hand. Weil er uns aber durchaus gebrauchen will, gilt zunächst und ganz simpel, wenn auch in der Durchsetzung ganz schön anstrengend: Wir müssen mit dem Geld auskommen, das wir haben und das unsere Gemeindeglieder uns anvertraut haben. Damit müssen wir treu und haushälterisch umgehen. Mit anderen Worten: Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche: Verkündigung in Wort und Sakrament, Weitergabe des Glaubens auch an die nächste Generation, einschließlich Mission zu Hause und in der weiten Welt. Und damit jedermann merkt, dass dieses Wort des Evangeliums nicht spurlos an uns vorübergeht, die Diakonie. Dieses alles macht uns reich. Wir sind keine arme Kirche. Um das zu entdecken, müssen wir allerdings öfter in die Bibel schauen als auf das Konto. Das heißt: mehr glauben, mehr beten, mehr hoffen, mehr lieben - und mit all dem mehr "anstecken". Spürt man uns das an als Christen? Sind wir wirklich einladend - zum Mitmachen und Mitdabeisein? Also: Wir müssen nüchtern umgehen mit dem, was wir haben. Es wird genug sein. Darauf vertraue ich.

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