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1351 verbietet Hamelns Magistrat seinen Bürgern, den Geistlichen etwas zu schenken oder zu verkaufen

Ärger zwischen Stift und Stadt

Eine große Erbschaft in Hameln führt dazu, dass die Reichsabtei Fulda 851 an der Weser ein Kloster gründet. Der sächsische Graf Bernhard und seine Frau Christina haben die Kirche mit ihren Hamelner Besitzungen bedacht. Mit Benediktinermönchen besetzt, soll von dort aus der mittlere Weserraum missioniert werden. Das Verhältnis zwischen Stifts- und Stadtverwaltung ist jedoch vielfach von Missgunst geprägt. Das Kloster in Hameln ist bald nach seiner Gründung eine Bildungsstätte für junge Mönche und Geistliche. Männer aus „edlen Geschlechtern“ werden dort auf das mönchische Leben vorbereitet. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts wird das Kloster der Reichsabtei Fulda in ein Kollegiatsstift umgewandelt, das Bonifatiusstift. Die Abtei Fulda gibt dem Kloster als materielle Basis eine große Zahl von Gütern im Wesertal mit.

veröffentlicht am 25.04.2015 um 00:00 Uhr

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Das Streben der Geistlichen des Bonifatiusstifts richtet sich in der Folgezeit offensichtlich stark auch auf den Erwerb irdischer Güter. Das Stift jedenfalls profitiert davon, dass zahlreiche Schenkungen hinzukommen, mit denen sich die Geber ihren Platz im Himmel erkaufen wollen. So mehren sich die Ländereien, Gebäude und das Geldvermögen der kirchlichen Einrichtung. 1351 kommt der Magistrat der Stadt zu der Erkenntnis, „dass das Stift durch sein bares Geld und durch den Glauben der Bürger, sich durch Geschenke an Geistliche das Seelenheil verdienen zu können, leicht zu reich werden und die Bürgergüter verschlingen möchte“. Er setzt daher fest, dass niemand den Geistlichen etwas schenken oder verkaufen solle. Somit ist für die Stiftsleute an große Arrondierungen in der Stadt nicht mehr zu denken. Natürlich sind die Mitglieder des Stiftes von dem Beschluss des Magistrats nicht begeistert. Es kommt immer wieder zu Zwistigkeiten zwischen dem Stift und der Stadt. In den Jahren 1489 wie auch 1601 geht es zum Beispiel um die Mühlen; jede Seite ist bestrebt, ihre Rechte und ihren Besitz zu vergrößern.

Das Bonifatiusstift ist zu jener Zeit Herr über die Stiftsfreiheit in dem Gebiet, das von der Bäckerstraße, Blomberger Straße, vom Weserufer und Münsterwall begrenzt wird. Um die Münsterkirche herum liegen im Mittelalter 30 stiftseigene Wohngebäude, darunter 14 Stiftskurien als Stiftsherrenhöfe. Die Bewohner der Stiftsfreiheit unterstehen zivilrechtlich dem Stift. Verwaltet wird dieser „Kirchenstaat“ vom Stiftskollegium, an dessen Spitze der vom Kapitel aus seiner Mitte gewählte Dechant steht. Das Bonifatiusstift ist im Grunde genommen eine reine Versorgungsanstalt für die Kanoniker. Schüler, die die Stiftsschule durchlaufen haben, werden mit 14 Jahren als „canonici minores“ rezipiert und mit 18 ins Stiftskollegium als Kanoniker aufgenommen. Wenn eine Kurie, ein Stiftsherrenhof, frei wird, können sie ihr Inhaber werden und die Erträge, die Pfründe, genießen. Sie können sich auch von der Residenzpflicht als Kanoniker des Stiftes befreien lassen.

Das Stift betreibt ein Armen- oder Gasthaus – eine schon 1247 erwähnte Herberge, in der auswärtige Kranke, Arme und Schwache betreut werden – sowie die Stiftsschule. Diese hat ihre Anfänge im Kloster und dient der Ausbildung in erster Linie des eigenen Nachwuchses. Sie wird später Lateinschule genannt. Seit dem 15. Jahrhundert können auch Söhne Hamelner Familien die Stiftsschule besuchen. Die Lateinschule, 1133 gegründet, ist über den Kreuzgang mit dem Münster verbunden. 1760 wird dieser für den Bau von Kasematten abgebrochen. Leiter der Schule ist der Canonicus scholasticus. Den Unterricht erteilen nicht etwa die Kanoniker, sondern deren Gehilfen, die Vikare.

Neben der Münsterkirche ist die Lateinschule zu erkennen. 1645 wird sie auf sechs Klassen erweitert – und 1846 abgebrochen. pr

Der lutherische Glaube findet im 16. Jahrhundert immer mehr Anhänger. Auch die Stadt Hameln tritt gegen den erbitterten Widerstand des Stiftes 1540 zum evangelischen Glauben über. Die Stiftsherren beharren im alten Glauben, verlieren aber ihre „Schäfchen“, ihr Einfluss schmilzt. Die Bürger hatten in den Jahrzehnten zuvor mit Kopfschütteln das Handeln und Betragen der Stiftsherren bei der Besetzung der Stiftshöfe, der Vergabe dieser und anderer Pfründe, der Erteilung von Ablässen gegen teils beträchtliche Summen, die mangelnde Dienstauffassung und schlechte Amts- sowie liederliche Lebensführung der Kanoniker beobachtet und kritisiert. Fortan wird der evangelische Glaube von der Kanzel des Münsters verkündet. 1563 tritt der erste Stiftsherr zu Luthers Lehre über; 1576 ist das gesamte Stiftskapitel übergetreten.

Stiftsherren wenden

sich zunächst vehement gegen die Reformation

1629, während der Gegenreformation, wird das Stift aufgrund des Restitutionsediktes Ferdinands II. durch Jesuiten gewaltsam besetzt und wieder katholisch – bis zum Sieg Herzog Georgs 1633 über die kaiserlichen Truppen. Das Stift bleibt als selbstständiges Institut mit allen alten Rechten bis 1848 bestehen. 1741 hatte ihm Georg II. von Hannover alle seine Privilegien von 1209 bestätigt. Das Stift wehrt sich mit der Erneuerung der alten kaiserlichen Privilegien gegen die weltliche Bevormundung durch die Stadt. Um 1750 haben Stadt und Stift in den Landständen Sitz und Stimme.

Die Stiftsschule ist seit der Reformation eine Bildungsanstalt für alle Bürger und ihre Söhne. Die Rechtsprechung, die das Bonifatiusstift über seine eigenen Gebäude hat, wird ihm bei der Vereinheitlichung des Gerichtswesens 1836 entzogen; künftig ist das Stadtgericht zuständig. Zu diesem Zeitpunkt geht es noch um die 16 in der Stadt verstreut liegende Häuser. Das Stift hat seinen früheren großen Einfluss verloren. Lediglich bei der Wahl des Predigers hat es noch ein Mitspracherecht. König Wilhelm IV. von Hannover hat seit 1836 das Recht der Besetzung freiwerdender Präbenden des Stiftes. Die Verwaltung des Stiftsbesitzes wird der staatlichen Aufsicht unterstellt.

1848 wird beschlossen, das Stift aufzuheben, sobald die zu dem Zeitpunkt drei noch lebenden Inhaber von Präbenden verstorben oder durch Rente abgefunden sind. Die Verwaltung der Stiftsgüter wird 1864 der Königlichen Klosterkammer in Wennigsen übertragen. Damit endet eine Epoche Hamelner Geschichte – 1100 Jahre nach der Gründung des Klosters zu Ehren des Heiligen Romanus sowie 300 Jahre nach dem Übertritt des Stiftskapitels zum evangelischen Glauben.



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