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Prozessbegleitung als Chance für die Justiz / Vortrag bei Opferhilfe-Jubiläum

"Ängstliche Zeugen sind schlechte Zeugen"

Bückeburg (ly). Zeugenbegleitung? Vor 45 Jahren gab's nicht einmal das Wort. Es war die Zeit, als Hans-Alfred Blumenstein in die baden-württembergische Justiz eintrat. "Zeugen verkamen zum reinen Beweismittel", erinnert sich Blumenstein, mittlerweile pensionierter Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht und zuletzt Referent zum fünfjährigen Bestehen der Opferhilfe Bückeburg. "Abgesehen von ihrer Glaubwürdigkeit, war die dahinter stehende Person uninteressant."

veröffentlicht am 03.01.2008 um 00:00 Uhr

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Blumenstein kann sich noch gut erinnern, wie er während seiner Zeit als junger Assessor vom Vorsitzenden einer Strafkammer zurückgepfiffen wurde, nachdem er zaghaft den etwas weniger rigiden Umgang mit einer Zeugin angemahnt hatte. "Die Hauptverhandlung ist keine Humanitätsveranstaltung", hieß es damals. Und heute? Erstens dürften derlei Kammervorsitzende zu einer aussterbenden Gattung gehören. Zweitens hat zum Beispiel die Opferhilfe Bückeburg und namentlich deren Büroleiterin Dagmar Behrens allein im Jahr 2007 mehr als 80 Klienten betreut. Seit der Gründung sind es 331, drei Viertel Frauen, viele Kinder. Und davon profitiert nicht zuletzt die Strafjustiz, wie Hans-Alfred Blumenstein in seinem Vortrag unterstrich. "Durch Prozessbegleitung wird einerseits die Qualität der Aussage erhöht, andererseits die Belastung der Opferzeugen deutlich vermindert", erklärte er am Beispiel von Kindern, die Opfer geworden sind. Die Vernehmung gestalte sich einfacher, die Pausen seien kürzer, die Kinder zeigten ein wesentlich stärkeres Bemühen, sich genau zu erinnern, was für die Wahrheitsfindung besonderes wichtig sei, so der Richter a.D. unter Hinweis auf eine Untersuchung der Universität Kiel. Merke: "Ein ängstlicher Zeuge ist ein schlechter Zeuge." Dennoch sieht Blumenstein auch Defizite. "Immer wieder stelle ich als Zuhörer in Hauptverhandlungen fest, dass zum Beispiel die Frage eines Ausschlusses der Öffentlichkeit nicht einmal diskutiert wurde, obwohl dies nahegelegen hätte", sagte er. Ein Paragraf der Strafprozessordnung, der eine Vernehmung allein durch den Vorsitzenden vorsehe, werde ebenfalls oft nicht angewandt. Und dann sind da noch die ganz verschiedenen sprachlichen Ebenen des Gerichts und der kleinen Zeugen. "Trotz dieser Mängel macht der Opferschutz Fortschritte", stellt Blumenstein fest. Eindringlich warnt der Ex-Richter davor, dass etwa Prozessbegleiterin und Zeuginüber jene Tat sprechen, die dem Verfahren zugrunde liegt, häufig Sexualdelikte. Dies würde den Beweiswert der Aussage bis zur Wertlosigkeit mindern. "Und es könnte dazu führen, dass die Begleiterin als Zeugin vernommen wird und damit aus dem Verfahren ,herausgeschossen' werden kann, wodurch das Opfer unbetreut bleibt. Vor allem bei Kindern ist das unbedingt zu vermeiden." In Offenbach war eine Prozessbegleiterin unter Verdacht geraten, eine Aussage massiv beeinflusst zu haben. Wenn Prozessbegleitung von der Justiz akzeptiert werden solle, so Blumenstein, sei es unabdingbar,über den Anklagevorwurf nicht zu sprechen. Den Einwand, dass dies mit einem Kind unmöglich sei, lässt Blumenstein nicht gelten. "Im Gegenteil", sagt er: "Kinder und Jugendliche sind dankbar, endlich eine Gesprächspartnerin zu haben, die darüber nichts wissen will."

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