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Von der Schwefelquelle bis zum Erntealltag: Rückblick auf vergangene Jahrhunderte in einem der ältesten Ortsteile

950-Jahr-Feier zwischen Geschichte und Zukunft

Bessingen (ist). 950 Jahre sind mindestens zehn ausgiebige Menschenleben mit ihren Geschichten. „Bei uns keine Seltenheit und ohne Rollator oder elektrifiziertes Fahrgerät“, sagen die Stinkeborner und rechnen dies vor allem ihrer Schwefelquelle hoch an. Wenn das Dorf am Wochenende seinen 950. Geburtstag feiert, sehen 370 Einwohner dank Zukunftsplan zuversichtlich nach vorn, etliche Hundert, wenn nicht Tausende von (gebürtigen) Beschern oder (zugezogenen) Bessingern, die jemals dort gelebt haben, können mit ihren Lebensgeschichten Bände füllen: „Nun raten Sie doch mal, welcher ich bin!“ Willi Utdenwiede (82) schmunzelt vor den Fotos von Erstklässlerjahrgängen aus Jahrzehnten im Bürgerhius – die Mädchen mit Schleife im Haar, die Jungs exakt gescheitelt. In der anderen Hälfte des Raumes schultert Karl Heinz Kehne (73) das Schannholz: „Schannholz auf die Schultern, Eimer dran, los zur Schwefelquelle, Wasser holen – für Kochtopf, Tiere, Badewanne, gegen den Durst bei der Feldarbeit und da gern auch ’nen Schnaps dazu!“ Erinnerungen von zwei Beschern, die ihr ganzes Leben an der Schwefelquelle verbracht haben, ohne die es Bessingen wohl nie gegeben hätte. Zwei, die allein mehrere Geschichtenkapitel schreiben könnten: über jedes Haus, jede Straße, als sie noch Furt oder Pattweg war, jede Familie. Sie wissen genau, wer damals in der Nacht auf dem Baum saß und den Mädchen regelmäßig das Osterwasserholen am Schwefelborn vermasselte. Haben als Jungs miterlebt, wie es mit Kiepe, Kaffee, Kuchen, Brot und Schwefelwasserkrug zum Kartoffelroden aufs Feld ging; wie die Frauen tagelang gruppenweise hinter Pferd und Haspel auf Knien über die Äcker rutschten, Knollen sammelten; Männer und Kinder hinterher, um die vollen Körbe in Säcke oder auf das Fuhrwerk zu leeren – weil es Herbstferien ja nicht zum Spaß gab! „Aber das ganz Besondere ist die Bessinger Gemeinschaft, die heute so einzigartig ist, wie sie immer war und uns kein Kopfzerbrechen über die Zukunft machen lässt“, sagt Kehne. Bestes Beispiel: die 1954 von 30 Hauseigentümern nach Feierabend von Hand geschaffene gemeinschaftliche Wasserversorgung. „Zum großen Teil waren wir hier damals ja immer von der Schwefelquelle abhängig gewesen, weil das okerhaltige Wasser aus vielen Brunnen einfach nicht trinkbar war“, erinnert sich Kehne. Was Arbeit machte, aber Qualität bedeutete. Der Schwefelborn sei geradezu Kurortreferenz. Was direkt zu dem führt, was die Bessinger, wenn auch mit viel Humor, heute noch wurmt: Eigentlich gehöre und gehörte das Sanatorium Lindenbrunn von jeher nach Bessingen – erstens wegen der besseren Qualität, zweitens, weil das, was in Bessingen immer noch sprudelt und deftig in die Nase steigt, in Coppenbrügge längst versiegt ist. Was unbedingt im Bessinger Geschichtenband auch erwähnt sein müsse: das Kohlebergwerk. Davon wisse zwar niemand, bis auf eine historische Karte von 1760, die in Bessingen gekreuzte Schlägel und Eisen ausweise, liegt aber auch jenseits von Utdenwiedes und Kehnes Erlebniswelt. Für jene Stinkeborner Frühzeit ist Friedel Schulte (71) als Bessinger seit 30 Jahren und in Sachen Chronik in Archiven unterwegs. „Eigentlich“, stellt er fest, „könnten wir stattliche 1500 Jahre feiern.“ Denn die Endung „husen“ des ursprünglichen Ortsnamens „Batsingehusen“ lasse auf die Siedlungsperiode des 4. bis 6. Jahrhunderts schließen. Schwarz auf weiß und beurkundet wurde Bessingen im Jahr 1062 durch eine Schenkungsurkunde von Heinrich IV. „Und selbst damit gehören wir zu den ältesten Ortsteilen im Flecken!“

veröffentlicht am 31.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 03:21 Uhr

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Es wird viel zu erzählen, erinnern und mit heute zu vergleichen geben am Samstag, 1. September, auf dem Dorfplatz in Bessingen. Nach dem Gottesdienst um 11 Uhr heißt es ab 12.15 Uhr „Suppen sehen, riechen, schmecken“. Am Nachmittag unterhalten abwechselnd Bürgerhius-Sänger, MGV und Alphörner bei Kaffeetafel, Kinderprogramm mit Ponyreiten, Luftballonstaffel und Verlosung.

Arbeitspause auf dem Feld mit Schwefelwasser in den 1920er Jahren. Foto: pr

Schwefelwasser schleppen war jahrhundertelang tagtägliches Geschäft: Friedel Schulte, Karl Heinz Kehne und Willi Utdenwiede (v.li.). Foto: ist

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