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Bürgermeister Bernd Hellmann befürchtet Ärger mit Mitstreitern

70 Jahre Judenpogrome: Stadt lehnt Wulffs Schirmherrschaft ab

Stadthagen (to, ssr, ugr). Der 9. November solläußerer Anlass sein, den vor 70 Jahren verfolgten Schaumburgern jüdischen Glaubens symbolisch ihre Bürgerrechte zurückzugeben. Im Vorfeld dieser Veranstaltung in Stadthagen werden jedoch Missklänge laut. Deutlichste Dissonanz: Die Stadthäger Stadtverwaltung lehnt die Schirmherrschaft von Ministerpräsident Christian Wulff ab. Bei diesem hatte sich der Initiator des Projekts, Hasso Neumann, um ein Grußwort bemüht und als Antwort vergangene Woche nicht nur einen entsprechenden Text, sondern obendrein die Zusage bekommen, dass der Regierungschef das Patronat übernimmt.

veröffentlicht am 07.11.2008 um 00:00 Uhr

Der Vorgang ist ziemlich einmalig in Deutschland: Jüdische Opfer des Nazi-Terrors erhalten symbolisch ihre Bürgerrechte zurück. Zur 70. Wiederkehr der Juden-Pogrome wird Bürgermeister Bernd Hellmann am Sonntag in der Martini-Kirche eine Menorah als Sinnbild für die Bürgerrechte an die jüdische Gemeinde in Schaumburg überreichen. Damit geht für den Wölpinghäuser Künstler Hasso Neumann ein Herzenswunsch in Erfüllung. Er war es, der im März 2007 den Vorstoß wagte. Daraus entstanden ist mittlerweile ein kreisweites Erinnerungsprojekt für die Opfer der Naziherrschaft, das unter Federführung der "Schaumburger Landschaft" und mit breiter Beteiligung der Bürger das Ziel verfolgt, alle Schaumburger Erinnerungsprojekte an die Nazi-Schreckensherrschaft zu vernetzen. Aber hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Und das schon seit längerer Zeit. Im Frühjahr 2007 hatte sich eine Arbeitsgruppe gegründet, um das Erinnerungsprojekt umzusetzen. Neumann ist ebenfalls Mitglied in dem Kreis. Mit seinen vielfältigen Kontakten will er die Rückgabe der Bürgerrechte auch über Stadthagen hinaus bekannt machen. "Ich sehe das Anliegen nicht auf Schaumburg begrenzt", sagt Neumann. Er organisierte hochklassige Benefizkonzerte, deren Erlöse dem Erinnerungsprojekt zugutekommen. Er kontaktierte Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertèsz, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, und die Niedersächsische Staatskanzlei. "Der Ministerpräsident hat sogar die Schirmherrschaft angeboten", freute sich Neumann. Doch die Freude währte nicht lange. Die Stadthäger Stadtverwaltung hat mittlerweile bei der Staatskanzlei interveniert und gebeten, die Schirmherrschaft zurückzuziehen. Ein wohl einmaliger Vorgang. So wird am Sonntag Bürgermeister Hellmann "nur" ein Grußwort des Ministerpräsidenten verlesen. Hellmann sagte gestern auf Anfrage, das Eingreifen der Stadt richte sich in keiner Weise gegen den Ministerpräsidenten. Der Verzicht auf die Schirmherrschaft sei im Einvernehmen mit der Staatskanzlei erfolgt. Der Hauptgrund sei vielmehr: "Wenn wir das gemacht hätten, wäre Herr Neumann zu sehr im Mittelpunkt gewesen, und dann wäre die Gefahr entstanden, dass wir bei dem Erinnerungsprojekt Mitstreiter verloren hätten". Wer damit gemeint sein könnte, wollte Hellmann "ausdrücklich nicht personifizieren". Als zweiten Aspekt nannte der Bürgermeister, dass Neumann, dessen Initiative zu dem Projekt er grundsätzlich würdigte, für sein Herantreten an den Ministerpräsidenten "keinerlei Mandat der Stadt oder der Projektgruppe hatte". Diese hätten erst am vergangenen Dienstag davon erfahren, wodurch ein rechtzeitiges Rückkoppeln mit dem Rat der Stadt "als Herr des Verfahrens" und der Projektgruppe unmöglich gewesen sei. "Hätte man die Schirmherrschaft als Ergebnis dieses isolierten Vorgehens nun zum Zuge kommen lassen", so Hellmann, "hätte das die betont demokratische konstruktive Arbeitsweise des Erinnerungsprojektes, die bisher von zahlreichen Akteuren geprägt und stets abgestimmt war, konterkariert. Die war äußerst zielführend und hat der Sache gedient." Auf die Frage, warum vor diesem Hintergrund einerseits eine Schirmherrschaft nicht akzeptabel war, wohl aber ein Grußwort, sagte Hellmann: "Eine Schirmherrschaft muss einen Prozess von Anfang an begleiten und nicht nur spontan einen Teil von diesem wie ein Grußwort das vermag." Neumann wähnt die Gründe für das Nein zur Wulff-Schirmherrschaft in den Reihen der "Landschaft". Hellmann habe ihm angedeutet, dass es viele Gegner gebe, die so etwas nicht wollten. Er, Neumann, glaubt, dass eine übergeordnete Bedeutung der symbolischen Rückgabe der Bürgerrechte dort nicht gewollt ist- vielleicht mit Blick auf das eigene kreisweite Erinnerungsprojekt. Sigmund Graf Adelmann, Geschäftsführer der "Landschaft", sagte zur Frage des Patronats: "Für unsere Intention, Wege zur Erinnerung an die dunkelen Seite der Geschichte auch in unserer Region zu finden, ist es nicht von grundsätzlicher Bedeutung, ob wir eine Schirmherrschaft haben oder nicht." Wenn es aber der Sache nütze, so Adelmann weiter, dann gern.

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